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Interview mit Kim Dotcom „Hollywood fördert Piraterie“

Kim Dotcom packt aus: Zum Start seiner neuen Speicherplattform Mega bezichtigt der umstrittene Megaupload-Gründer die US-Behörden der Lüge und beteuert: „Ich bin kein Gauner“. Das ausführliche Interview.

„Nur weil man einen etwas extravaganten Lebensstil führt, ist man ja nicht automatisch ein Gauner“: Internet-Unternehmer Kim Dotcom. Quelle: Reuters

AucklandHandelsblatt Online: Herr Dotcom, sind Sie ein Gauner?
Kim Dotcom: Ich bin kein Gauner. Andere würden das zwar sagen. Ich stimme dem aber nicht zu.

Aber als Sie noch in Deutschland lebten waren Sie im Gefängnis. Und hier in Neuseeland haben Sie einen Lebensstil, der an den eines Gangsters erinnern könnte. Das Luxusanwesen „Dotcom Mansion“ hier in Auckland. Die Bodyguards. Der feldgraue Hubschrauber. Auch Ihr Auto mit dem Nummernschild „Mafia“ sagt ja einiges.
Ich hab einfach ein großes Kind in mir und ich habe Spaß am Leben. Was Sie genannt haben, sind Dinge, die sich daraus ergeben. Nur weil man einen etwas extravaganten Lebensstil führt, ist man ja nicht automatisch ein Gauner.

Aber Sie waren in Deutschland im Gefängnis …
Ja, vor langer Zeit war ich wegen Insider-Handels in Untersuchungshaft. Dieses Verfahren wurde ja dann mit einem Angebot der Staatsanwaltschaft beendet. Damit war der Fall erledigt. Heute bin ich überhaupt nicht vorbestraft. In Deutschland gilt das Gesetz, dass solche Straftaten nach sieben Jahren getilgt werden. Das war bei mir der Fall. Wenn Sie heute in mein deutsches Vorstrafenregister schauen, dann sagt das „keine Einträge“.

Von verschiedenen Leuten – allen voran den amerikanischen Justizbehörden und der Filmindustrie – werden Sie als potentieller Straftäter gesehen, als Internet-Pirat. Die Erstürmung Ihres Hauses vor genau einem Jahr durch die schwer bewaffnete neuseeländische Polizei mit Unterstützung der Amerikaner zeigte das ja deutlich.
Ich muss jetzt mal klarstellen: Das was die USA machen, ist als Testfall zu verstehen. So einen Fall hat es in dieser Form noch nie gegeben. Hunderte Konkurrenten, die genau dasselbe anbieten wie damals Megaupload, sind nach wie vor online. Die amerikanischen Behörden wollen uns als Serviceanbieter für das Verhalten unserer Benutzer verantwortlich machen.

Es gibt Gesetze, die einen Serviceanbieter eigentlich schützen sollten. Das sogenannte „Safe-Harbour“-Gesetz. Diese Gesetze wurden in unserem Fall komplett ausgehebelt. Die amerikanische Regierung hat gesagt, jetzt machen wir für die Filmindustrie in Hollywood einen Testfall und schauen, wie weit wir das Copyright-Gesetz ausdehnen können, um gegen Piraterie vorgehen zu können. Das ist aber ein falscher Ansatz. Man kann ja auch nicht das Postamt plattmachen, weil irgendwelche Leute in ihren Briefen etwas Illegales verschicken.

Sie streiten also nicht ab, dass über Megaupload viel Illegales verbreitet wurde?
Nein. Prozentual liegen damit aber sicher nicht über dem Durchschnitt des Internets. Jeder Internet Service Provider (ISP) hat dieses Problem. Es gibt Spekulationen, wonach 20 bis 25 Prozent des Internetverkehrs heute irgendwie mit Piraterie zu tun haben. Da liegen wir voll in der Statistik. Sogar die Deutsche Telekom hat das Problem. Wenn man sich deren Verkehr mal anschaut, wird die wahrscheinlich genauso viel dieses illegalen Verkehrs haben wie Megaupload hatte. Aber keiner schaltet deswegen die Telekom aus. Das ist das Bedenkliche: Wenn man anfängt, Dienstleister abzuschalten.

Was haben Sie, was hat Megaupload gegen die Piraterie auf Ihren Servern unternommen?
Wir haben klare Regeln an unsere Nutzer vergeben. Und wir haben uns an die Gesetze gehalten. Wir haben die Dokumente, die uns als Urheberrechts-Verfehlungen gemeldet wurden, immer runtergenommen. Und wir haben den Content-Anbietern sogar einen so genannten „Direct-Delete“-Anschluss gegeben. Die konnten also direkt auf unsere Server rauf und Dinge runternehmen, die ihnen nicht gefallen haben. Ohne dass wir in irgendeiner Form nachgefragt hätten. Das wurde von den Content-Anbietern millionenfach genutzt. Wir haben Emails erhalten, die uns dafür dankten. Außerdem sagten sie, es wäre ja schön, wenn die anderen Plattform-Anbieter das auch tun würden. Die haben uns also gelobt und auf der anderen Seite das Messer in den Rücken geschoben und gesagt: „Ihr seid ja ganz schlimm“.


„Das Geschäftsmodell von Hollywood fördert Piraterie“

Sie haben mal geschrieben, Megaupload sei nie ein Piraterie-Problem gewesen. Das veraltete Geschäftsmodell der Filmindustrie sei das Problem. Hollywood könnte das wertvollste Internet-Unternehmen besitzen. Sie nannten Hollywood „doof“. Sollen die Content-Anbieter etwa nicht selbst entscheiden können, wo und wann welche Inhalte veröffentlich werden sollen?
Natürlich kann man das selbst entscheiden. Nur: wenn man im Zeitalter des Internets ein Angebot in einem Land macht und in einem anderen erst sechs Monate später, dann hat man natürlich das Problem selber herbei geschworen. Leute sagen dann: Mann, das find‘ ich aber ungerecht, ich will das jetzt haben, und auf diese Warterei lass‘ ich mich nicht ein.

Was wäre die Alternative?
Wenn man das Angebot weltweit zeitgleich verfügbar macht, hat man diese Frustration nicht. Menschen, die bereit sind, für Inhalte zu bezahlen, die kaufen diese Inhalte ja dann auch. Es ist also das Geschäftsmodell von Hollywood, das Piraterie fördert. Man muss verstehen, weshalb die Filmindustrie so dafür kämpft, dass sich dieses Modell nicht ändert. Die haben ein internationales Netzwerk von Lizenzen. Das heißt, dass Firmen rund um die Welt Hollywood Lizenzen an ihren Filmen bezahlen. Hollywood sagt dann, wir haben diesen neuen Film, der kommt in einem Jahr raus, und Du kannst dir jetzt schon deine Rechte sichern. Hollywood sammelt also schon im Vorfeld das Geld für die Filmproduktion ein, bevor auch nur einen Tag lang etwas gedreht wurde. Damit haben die Filmer null Risiko. Die müssen selber kein eigenes Geld in die Hand nehmen.

Und diesem Modell macht die grenzenlose, unmittelbare Datenübertragung einen Strich durch die Rechnung?
Ganz genau. Jetzt aber loszugehen, und mit der Hilfe der amerikanischen Regierung und der Justizbehörden alles platt zu machen, was gegen dieses Geschäftsmodell agiert, das ist ein Fehler in der Denkweise. Denn früher oder später muss sich dieses Modell bewegen. Ansonsten wird Piraterie immer weiterbestehen. Man kann nicht mit einer Hand einen Fluss stoppen. Das ist, was hier mit uns im Moment versucht wird. Aber es funktioniert nicht. Die Filmindustrie machte nach der Schließung von Megaupload nicht mehr Geld. Im Gegenteil. Es gibt Studien von Universitäten in München und Kopenhagen, die sagen, dass für Hollywood die Verkäufe nach dem Abschalten unseres Dienstes sogar runtergegangen sind.

Wieso das?
Wahrscheinlich, weil die Mund-zu-Mund-Propaganda weggefallen ist. Die Nutzer haben dann nicht mehr ihren Freunden erzählt, was für einen tollen Film sie gerade angeschaut haben. Natürlich gibt es einige, die den Film dann gratis runterladen. Viele sagen aber: Jetzt gehe ich mit meiner Freundin ins Kino und schau mir diesen Film an. Dieses wichtige Werbemittel ist also jetzt weg. Die Industrie hat sich damit ins eigene Knie geschossen.


„Megaupload war Werbung für die Filmindustrie“

Sie glauben also, dass ein Dienst wie Megaupload oder jetzt auch Mega sogar eine Art Werbeplattform für die Filmindustrie ist?
Ja, insbesondere für die unabhängigen Produktionen, Filme also, die für weniger als eine Million Dollar produziert werden. Die haben keine großen Werbebudgets. Die werden nicht im Fernsehen gespielt und haben keine großen Plakate. Diesem Teil der Content-Industrie, der ja insgesamt viel grösser ist als die Blockbuster-Produzenten, diesen kleinen Anbietern ist durch die Schließung von Megaupload am meisten geschadet worden. Das ist traurig. Denn sonst weiß ja keiner von dem Film. Diesem Marksegment der Filmindustrie hat – nach Ansicht dieser Studien – Megaupload schon geholfen.

Es schwirren verschiedene Zahlen rum, was Sie mit Megaupload verdient haben. Wieviel Geld haben Sie gemacht, Herr Dotcom?
Megaupload hat in einem Jahr 100 Millionen amerikanische Dollar Umsatz gemacht. Das war also kein kleines Unternehmen. Dazu muss ich sagen, dass 85 Prozent unserer Kunden zu Fortune 500 gehörten. Jede große Firma hatte bei uns Konten. Viele Nutzer haben unseren Service für komplett legitime Zwecke verwendet. Piraterie ist eine von vielen Nutzungsmöglichkeiten. Megaupload konnte für legitime Zwecke benutzt werden, aber eben leider auch für illegitime.

Sie waren der Betreiber dieses missbrauchten Dienstes…
Ja, aber für den Missbrauch kann man mich aber nicht verantwortlich machen. Ich bin nicht hingegangen, und habe Filme hochgeladen und dann die Links rausgegeben. Ich habe nicht Leute bezahlt, die Filme hochladen und Links verbreiten. Hollywood hat den unglaublichen Fehler gemacht und gesagt, wir hätten Menschen bezahlt, damit diese Filme hochladen. Dass wir also ein Belohnungsprogramm hätten, das so was honoriert hätte. Das ist natürlich vollkommener Käse, weil wir überhaupt keine Belohnungen bezahlt haben für Datenpakete die grösser waren als 100 Megabyte. Kein Film ist kleiner als 100 Megabyte, nicht einmal eine Fernsehserie, es sei denn, man schaut sie sich im Postkartenformat an. Zu behaupten – wie dies Amerika tut – wir hätten ein Belohnungsprogramm gehabt das die Piraterie fördere, ist eine Lüge. Das wird sich vor Gericht herausstellen.


„Die USA respektieren nicht das Recht auf Privatsphäre“

Sie warten darauf, vor Gericht die Situation erklären zu können?
Ja, das Unglaubliche ist, dass wir hier vor Gericht unsere Fakten präsentieren und das Thema hinter uns bringen wollen. Die USA aber lassen keine Möglichkeit aus, gegen alles Einspruch zu erheben. Wir haben bisher jede einzelne Auseinandersetzung mit den USA vor Gericht gewonnen – in Neuseeland, in Kanada, sogar in Deutschland.

Jedes Mal, wenn wir Erfolg haben, gehen sie in die nächste Instanz. Das machen sie, während sie auf meinem Geld sitzen und sagen, ich dürfe keinen Pfennig meines eigenen Geldes benutzen, um mich zu verteidigen. Das ist deren Strategie. Die wollen mich dehydrieren. Weil sie genau wissen, dass sie keinen Fall haben. Es ging vor einem Jahr darum, dass Barack Obama in Hollywood mit seinen Spendenbeschaffern Geld einsammeln kann für seine Wiederwahl. Die Filmindustrie in Hollywood hat 120 Millionen an seine Kampagne bezahlt. Ich glaube, soviel hätte Obama nicht bekommen, wenn er dort angekommen wäre und nichts hätte anbieten können.

Woher haben Sie denn jetzt das Geld, um Ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren?
Glücklicherweise sind die Richter in Neuseeland unabhängig. Die haben gesagt: „Das gibt’s ja alles nicht, was hier abgeht.“ Und sie machten Gelder frei, damit ich meine Miete bezahlen kann, damit ich zumindest mal meine neuseeländischen Anwälte bezahlen kann. In den USA haben meine Juristen immer noch kein Geld erhalten. Ich habe auch etwas Geld, um meine Lebensunterhaltungskosten decken zu können. Das neuseeländische Justizsystem hat funktioniert und interveniert. Wie soll sich denn jemand verteidigen können, wenn die USA sagen, unser ganzes Geld sei wie die Einnahmen der Mafia und werde nun einfach mal komplett gepfändet?

Wie unterscheidet sich Ihr neues Produkt Mega von Megaupload?

Mega ist im Vergleich zu Megaupload sehr unterschiedlich. Insbesondere die Verschlüsselung. Wir bieten eine Verschlüsselung während des Hochladens an. Im Browser des Nutzers. Der muss also keine extra Software installieren. Das ist für den Nutzer sehr angenehm, weil er von der Verschlüsselung gar nichts mitbekommt. Er muss aktiv gar nichts machen. Wir nennen das „1-Klick-Verschlüsselung“. Wir glauben, diese Vereinfachung der Verschlüsselung könnte zu einem Standard werden. Wir wollen dasselbe später auch mit Emails und Voip (Internet-Telefonaten, d. Red.) anbieten, damit man mal ein bisschen mehr Sicherheit hat, was die Privatsphäre angeht. Mittlerweile ist es ja so, dass die amerikanische Regierung Milliarden Dollar in Datenzentren investiert, die nichts anderes machen, als alles aufzuzeichnen, was über ihre Leitungen geht. Da die meisten Webseiten in den USA sind und viele Leute Gmail und andere solche Dienste benutzen, wird alles erfasst. Da wollen wir mit Mega gegenwirken und ein Angebot bereit stellen für Nutzer, die sagen: „Das geht mir zu weit“.

Glauben Sie, dass bei den Internetnutzern das Bewusstsein für die Bedeutung ihrer Privatsphäre wächst?

Kürzlich hat sogar die EU vor den Zugriffen der USA auf private Daten gewarnt. Die warnen sogar davor, Facebook zu benutzen, weil dort einfach viel zu viel mit den privaten Daten von Leuten gemacht wird. Das darf ja eigentlich gar nicht sein. Laut der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen hat jeder das Recht auf Privatsphäre. Das wird von den USA überhaupt nicht respektiert.


Die Anwälte überwachen das Projekt genau

Wie wollen Sie nun sicherstellen, dass über Ihren neuen Dienst, Mega, nicht wieder illegale Kopien verbreitet werden ?
Das kann man natürlich nicht. Das kann auch kein Youtube, das kann kein Google, das kann keiner. In dem Moment, wo man seinen Benutzern erlaubt, eine Datei hochzuladen, muss man sich darauf verlassen, dass sie die Bedingungen einhalten, die man ihnen gibt. Man kann von mir nicht erwarten, dass ich etwas anders mache als all die anderen Anbieter da draußen. Wie gesagt: es gibt dafür Gesetze, die Anbieter schützen. Die wurden nur leider in unserem Fall nicht respektiert.

Dienste wie Mega müssen illegale Inhalte löschen, wenn sie darüber Kenntnis erhalten – das gilt auch in den USA, wo die Praxis „Notice and takedown“ heißt. In Deutschland deutet sich eine Rechtsprechung an, die proaktive Maßnahmen gegen illegale Kopien einfordert. Wie wollen Sie gewährleisten, dass Mega auch dem deutschen Recht entspricht?
Sie haben es gesagt: Wenn man etwas weiß, muss man sich drum kümmern und die Sache runternehmen. Wenn wir von Rechteinhabern informiert werden, dass sich auf Mega illegale Inhalte befinden, dann werden die natürlich runtergenommen. Da halten wir uns strikt an die Regeln. Und ich muss sagen: Dieses Startup ist von allen Projekten, die es im Internet je gab, wahrscheinlich das am stärksten von Anwälten überwachte. Die haben sich sehr viel Zeit genommen, um sicher zu stellen, dass es keine rechtlichen Probleme gibt. Aber es ist die Aufgabe der Rechteinhaber, uns zu informieren, damit wir etwas dagegen unternehmen können.

Sie werden also nicht in den Konten Ihrer Kunden rumschnüffeln?
Das dürfen wir gar nicht. Wir als Mega können nicht wie die Polizei in die Benutzerkonten reingehen und irgendwelche Dinge erforschen. Dafür gibt es Gesetze zum Schutz der Privatsphäre der Benutzer. Zumindest in den USA ist es vorgeschrieben, dass die Rechteinhaber uns informieren, wo es Rechtsbrüche gibt und wo ihre Daten bei uns weitergegeben werden, wenn das denn der Fall ist. In dem Moment, wo wir solche Informationen erhalten, werden die Daten auch sofort heruntergenommen. Das war auch schon bei Megaupload der Fall.

Die Kunden, die sich bei Megaupload die Finger verbrannt haben, die plötzlich den Zugriff zu ihren Daten verloren haben, wie wollen Sie die zurückgewinnen?
Also das ist schon eine ziemliche Sauerei. Dass die Amerikaner sagen, diese Firma in Hongkong gefällt uns nicht, und der Dotcom lebt da irgendwo in Neuseeland, das gefällt uns auch nicht. Und jetzt spielen wir mal internationale Polizei und machen das alles kaputt. Wir zerstören die Firma, die Webseite. Die wussten natürlich ganz genau, dass es Millionen von Benutzerkonten gibt, dass ganz viele legitime Anwendungen stattfinden. Und trotzdem haben die – im Widerspruch zu ihrer eigenen Verfassung – gesagt: jetzt machen wir Megaupload kaputt und die Benutzer haben keinen Zugriff mehr zu ihren Daten.

Für viele Kunden eine Katastrophe…
Es gibt in den USA Gerichtsanhörungen, in denen Benutzer sagen, sie seien ein kleines Geschäft, das sich auf Megaupload verlassen habe, um die Daten zu speichern und den Kunden Zugriff zu ermöglichen. Und jetzt habe ihnen die USA das Geschäft kaputtgemacht. In tausenden von Fällen haben Firmen sehr stark darunter gelitten. Es wird sich in den nächsten Monaten wohl korrigieren lassen, dass die Benutzer wieder Zugriff auf ihre Daten bekommen müssen. Denn das geht einfach nicht. So was kann man nicht machen. Man kann nicht ein Postamt abschalten, weil jemand was geschickt hat, was nicht legal war. Das macht man nicht.


„Für die USA wird das alles ziemlich peinlich“

Also, wie bekommen Sie Ihre Kunden wieder zurück? Sie haben ja jetzt vielerorts auch einen schlechten Namen.
Das ist ja auch vollkommen verständlich. Das braucht mit Sicherheit seine Zeit. Die Benutzer, die sich überlegen, bei Mega ein Konto aufzumachen, die werden schon eine Weile brauchen, um zu schauen. Sie werden sich fragen, ob Mega denn nächste Woche noch online sei, und nächsten Monat. Aber den Früheinsteigern wird die neue Verschlüsselungstechnologie gut gefallen. Denn das hat in dieser Form ja noch keiner. Es wird sich dann auch rumsprechen, wie schnell das neue Mega funktioniert und komplett im Browser integriert ist. Wir gehen davon aus, dass unabhängig davon, was mit Megaupload passiert ist, die Nutzer sagen werden: Mensch, das gefällt mir, das probiere ich aus und ich bleibe dabei. Denn es ist einfach zu gut.

Was glauben Sie denn: Ist Mega nächste Woche noch online?
Ich wäre schon überrascht, wenn die USA einen Versuch unternehmen, diese Seite kaputt zu machen. Eins ist ja vollkommen klar. Nachdem, was mit Megaupload passiert ist, ging‘s für die USA ja überhaupt nicht gut. Die Nutzer sind alle sauer. 90 Prozent der Kommentare sagen: „Das ist ja alles verrückt und wahnsinnig“, und: „Was soll denn das?“

Das Gericht in Neuseeland hat ja praktisch die ganze Aktion gegen Sie vor einem Jahr vernichtend beurteilt.
Die Durchsuchungsbefehle waren illegal, die Pfändungen waren illegal. Das FBI hat Beweismittel aus Neuseeland entfernt, entgegen einer Verordnung eines neuseeländischen Richters. Auch das war illegal. Dazu hat der neuseeländische Spionagedienst illegal in unsere Privatsphäre eingegriffen. Er hat unsere Telefonate abgehört, Kameras installiert. Das ging so weit, dass sich der neuseeländische Premierminister John Key entschuldigen und zugeben musste, dass das illegal war. Das ganze Verfahren fällt wegen der Illegalität und der Aggressivität zusammen. Für die USA wird das alles ziemlich peinlich.

Zurück zu Mega. Sie haben ja viele Konkurrenten. Glauben Sie, mit Ihrer Verschlüsselungsmethode einen Marktvorteil zu haben?
Wir sind tatsächlich im selben Segment wie Dropbox, Boxnet, und andere Cloud-Storage-Anbieter. Aber wir haben dieses Alleinstellungsmerkmal der Verschlüsselung, die nur der Benutzer knacken kann, mit seinem eigenen Schlüssel. Mega als Serviceanbieter verwaltet überhaupt keine Schlüssel. Selbst wenn wir wollten, hätten wir keine Möglichkeit, auf die Daten zuzugreifen, die bei uns gespeichert sind. Das ist neu. Das macht keiner. Man muss sich auch nicht drauf verlassen, dass das, was der Kim Dotcom erzählt, stimmt. Weil das alles Open Source ist. Die Community kann sich anschauen, wie wir das machen. Wir laden sie sogar ein, es gemeinsam mit uns zu verfeinern. Aber im Endeffekt sind wir die einzigen, die das anbieten.


„Das Geschäftsmodell ist sehr lukrativ“

Bei all den Kontroversen um Cloud Storage – ist das überhaupt noch ein Geschäftsmodell mit Zukunft?
Mit Sicherheit. Ein lukratives Modell sogar. Weil immer mehr Menschen diese Flexibilität haben wollen und ihre Daten in einem Medium haben, das sie von überall auf der Welt abrufen können. Das wird auch noch viel besser werden mit der erhöhten Geschwindigkeit der Datenübermittlung. In fünf Jahren wird man eine Terabyte-Datei wahrscheinlich in Sekunden runterladen können. Damit wird Cloud Storage noch viel attraktiver. Im Moment wird Cloud Storage noch durch die Zugriffsgeschwindigkeit auf die Daten aufgehalten.

Welche Auswirkungen wird das auf die Geräte haben?
Ich denke, dass immer mehr Geräte wie Laptops komplett auf Festplatten verzichten werden. Dass man dann nur noch einen Arbeitsspeicher hat und einen Minimalspeicher, in dem das Betriebssystem geladen ist. Alles andere landet in der Cloud. In diesem Geschäftsbereich tätig zu sein, wird mit Sicherheit lukrativ sein.

Wie sehen Sie die Zukunft des Internets als Ganzes?
Wir sind ja eigentlich erst am Anfang. Doch wir haben schon unglaubliche Evolutionssprünge gemacht, wenn man bedenkt, wie das Internet vor zehn Jahren noch aussah. Das Internet hat eine Beschleunigung der Entwicklung neuer Technologie gebracht. Weil auf einmal das gesamte Know-how, alles an Wissen, für alle verfügbar ist. Wenn man als Forscher oder Entwickler an irgendwelche Barrieren stößt, geht man einfach mal ins Internet, und findet dort die Lösung. Das macht natürlich alles viel schneller. Das Teilen des Wissens ist die Macht des Internets. Und das kann man nicht mit Copyright-Ansprüchen von ein paar amerikanischen Milliardären in Gefahr bringen. Das wäre fatal. Für die menschliche Gesellschaft ist das Internet die beste Entwicklung.

Wo sehen Sie die Gefahren für diese Entwicklung?
Man muss aufpassen, dass das Internet nicht kolonialisiert wird von wenigen Unternehmen oder von Regierungen, die versuchen, es zu kontrollieren. Denn im Moment, in dem das geschieht, wird dieser freie Fluss von Daten eingeschränkt. Innovation wird eingeschränkt. Dagegen muss man vorgehen. Das größte Übel ist nicht die Piraterie sondern die Verlangsamung von Innovation und die Einschränkung von Internet-Freiheit. Ich glaube aber, die „unsichtbare Hand“ der Gesellschaft wird da gegensteuern. In einem Fall, wo Regeln gesetzt werden, die unnatürlich sind und keinen Sinn machen, sagt der Mensch, dass er da nicht mitmacht. Da kann der Staat so viele Gesetze erlassen wie er will. Wie gesagt: mit einer Hand kann man keinen Fluss stoppen.

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