iPhone X „Steve wäre stolz gewesen“

Die Premiere des 1149 Euro teuren iPhone X beweist – Apple ist eine effiziente Marketing-Maschine. Warum das gut für die Zukunft des Konzerns ist.

Apple stellt neues iPhone vor

Ist Apple mehr Marketing oder baut das Unternehmen tatsächlich die besseren Produkte? Als langjähriger Apple-Kunde – seit 1990 mit dem Mac LC sowie iPhone-Käufer der ersten Stunde – habe ich früher immer auf Letzterem beharrt. Apple-Produkte sind teurer, aber dafür sind sie aus einem Guss und funktionieren.

Mit der Premiere des iPhone X am Dienstagabend im „Steve Jobs Theater“ auf dem neuen Apple-Campus in Cupertino habe ich meine Meinung geändert. Apple-Produkte bestechen weiterhin durch ihre gelungene Vermählung von Hard- und Software. Aber inzwischen spielt eindeutig das Marketing die erste Geige.

Dies jedoch so gekonnt, dass das iPhone X trotz seines sündhaft teuren Preises von über 1000 Euro, die eher einer Anzahlung für einen Neuwagen ähneln, ein Erfolg werden wird. Und damit den Endspurt ermöglicht, um das vor zwanzig Jahren beinahe bankrotte Unternehmen zum erstem Konzern mit einer Börsenbewertung von mehr als einer Billion Dollar zu befördern.

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Apple sollte deshalb mindestens ein Foyer im neuen Hauptquartier nach Marketing-Chef Phil Schiller, einem langjährigen Weggefährten von Apple-Mitgründer Steve Jobs, benennen.

Das Rezept: Man verspricht „den größten Fortschritt seit dem Original iPhone“ (O-Ton-Apple-Chef Tim Cook am Dienstagabend). Dann nimmt man ein paar neue Komponenten oder Funktionen wie ein Oled-Display, drahtloses Aufladen oder Gesichtserkennung. Die bieten Wettbewerber wie Samsung oder Google zwar bereits und haben damit die selbstproklamierte „Zukunft des Smartphones“ eigentlich bereits definiert.

Apple stellt iPhone X vor
Apple CEO Tim Cook präsentiert da neue iPhone X Quelle: AP
Größerer DisplayIm Phone X findet ein Display mit einer Diagonale von 5,8 Zoll - mehr als beim aktuellen Plus-Modell - in einem Gehäuse Platz, dass nur unwesentlich größer ist als das aktuelle „kleine“ iPhone 7. Auch andere Smartphone-Anbieter setzen darauf, möglichst ohne Bildschirmränder auszukommen. Designs in diese Richtung stellten unter anderem der chinesische Smartphone-Aufsteiger Xiaomi, Weltmarktführer Samsung und das Start-up Essential von Android-Erfinder Andy Rubin vor. Zugleich sagte Apple-Chef Tim Cook, das iPhone X solle die Marschrichtung für die Branche für das nächste Jahrzehnt vorgeben. Mit dem größeren Display ist kein Platz mehr für den gewohnten Home-Button, mit dem man aus jeder Anwendung in das Hauptmenü mit den App-Symbolen zurückkehren konnte. Für diese Funktion wischt man jetzt stattdessen mit dem Bildschirm vom unteren Bildschirmrand hoch. Quelle: dpa
Kabelloses AufladenDas iPhone X kann kabellos aufgeladen werden und ist mit drahtlosen Ladegeräten des Qi-Standards kompatibel. Quelle: dpa
Face IDDie Gesichtserkennung Face ID ist mit mehreren verschiedenen Sensoren dreidimensional, damit die Technologie nicht etwa mit einem Foto ausgetrickst werden kann. Samsung musste hämische Kommentare einstecken als das Journalisten bei einem Modell gelang. Die Apple-Software passe sich auch an Veränderungen des Gesichts an - etwa wenn der Nutzer sich einen Bart wachsen lasse, sagte Marketingchef Phil Schiller bei der Präsentation im neuen Hauptquartier in Cupertino. Die Daten werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz direkt auf dem Gerät ausgewertet. Dank der Analyse soll das Telefon den Nutzer auch mit verschiedenen Frisuren und zum Beispiel mit und ohne Brille erkennen. Quelle: AP
Gesichtserkennung auch für Apple PayDie Gesichtserkennung ersetzt den Fingerabdruck-Scanner nicht nur zur Entsperrung der Telefone, sondern unter anderem auch für das Bezahlsystem Apple Pay. Ein verspielter Nebeneffekt der Technologie sind animierte Emoji, die in Echtzeit die Mimik des Nutzers übernehmen. Außerdem erlauben die Sensoren, die das Display für einen schmalen Streifen am oberen Bildschirmrand unterbrechen, bessere Selfies. Quelle: dpa
Apple CEO Tim Cook stellt das neue iPhone 8 vor Quelle: AP
Apple Vorstand Jeff Williams stellt die neue Apple-Watch vor Quelle: REUTERS

Der Widerspruch wird gelöst, indem man die eigene Interpretation als wesentlich besser und ganz anders deklariert, mit Begriffen wie „Super-Retina“ aufwertet und mit „Bionic“, „Neural“ und „TrueDepth“ würzt. Das macht zudem den hohen Preis für das Gericht etwas bekömmlicher.

Kühn wird daraufhin eine bewährte und beliebte Komponente – die Home-Taste – zugunsten eines minimalistischen Designs und größerem Display eliminiert, ganz im Sinne von Steve Jobs. Obwohl er über die Kameraausbuchtung auf der Rückseite getobt hätte. Fertig ist das iPhone X.

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