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IT-Branche Der Wachstumsmotor Indiens

Sie sind selbstbewusst, sie kennen ihr Potenzial: Indische IT-Anbieter füllen längst nicht mehr nur die Datenbanken ausländischer Konzerne. Trotzdem bleiben deutsche Firmen zögerlich, was die Partnerschaft angeht.

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Training-Session für Infosys-Programmierer in Bangalore: Das Unternehmen arbeitet derzeit an einer gewaltigen Datenbank. Quelle: ap

Mumbai „Der deutsche Markt ist in Europa zurzeit der wichtigste für uns“, sagt Natarajan Chandrasekaran. Der Chef des größten indischen IT-Anbieters Tata Consultancy Services (TCS) sitzt entspannt auf einem Sofa im Hyatt-Hotel in Indiens Wirtschaftszentrum Mumbai. Lange Zeit wurde TCS in Deutschland mit hohen Wachstumsraten verwöhnt. Erst im Oktober 2011 verlangsamte sich der Aufstieg, als die Übernahme der Lufthansa-IT durch TCS scheiterte - angeblich wegen des zu hohen Preises. Doch Chandrasekaran bleibt optimistisch. „Wir wachsen in Deutschland weiter organisch. Und wir beobachten sehr genau, wo sich Möglichkeiten für Übernahmen bieten.“

Das selbstbewusste Auftreten von TCS spiegelt eine Branche wider, die sich trotz nachlassender Dynamik immer noch als den Wachstumsmotor Indiens betrachtet. So haben es die indischen IT-Unternehmen erstmals geschafft, inklusive Hardware-Verkäufe und Outsourcing-Geschäft auf einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden US-Dollar im Jahr zu kommen. „Damit hat sich diese Zahl in den vergangenen 20 Jahren vertausendfacht“, sagte der Präsident des Industrieverbands Nasscom Som Mittal dem Handelsblatt. „Unser nächstes Ziel sind 225 Milliarden im Jahr 2020.“

Doch das Selbstbewusstsein rührt nicht nur aus den nackten Zahlen. Auch die strategische Ausrichtung der Konzerne hat sich verändert. Viel stärker als noch vor wenigen Jahren sehen die Unternehmen sich als Entwickler und Problemlösungspartner, weniger als reine Programmier-Werkbank, mit deren Hilfe Europäer und Amerikaner günstiges Outsourcing betreiben können.

Nach Einschätzung von Chittur Ramakrishnan, gebürtiger Inder und ehemaliger IT-Chef beim Energiekonzern RWE, hinkt jedoch Deutschland bei dieser Entwicklung hinterher: „In den USA und Großbritannien ist der Markt in dieser Hinsicht deutlich reifer. In Deutschland sind viele Firmen noch nicht so weit, dass sie die indischen Firmen als gleichberechtigte Partner mit ins Boot holen.“ Doch die Zeit spielt für die indische IT-Industrie. „In spätestens drei Jahren werden fast alle deutschen Unternehmen Unterstützung aus dem Ausland brauchen, weil die lokalen Ressourcen nicht mehr ausreichen“, sagt Ulrich Bäumer, IT-Rechts- und Indienexperte bei der internationalen Sozietät Osborne Clarke.

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    Von der Programmierwerkstatt zur Entwicklernation

    Wenn Bäumer von den fehlenden Ressourcen spricht, meint er damit vor allem Arbeitskräfte. Nach Angaben des deutschen Branchenverbands Bitkom sind schon heute 45.000 Stellen bei deutschen IT-Unternehmen nicht besetzt. Das bestätigt eine Umfrage der IDG Business Media GmbH unter 313 IT-Verantwortlichen in deutschen Unternehmen. Im Durchschnitt geben die Manager an, ihre Outsourcing-Möglichkeiten gerade mal zu knapp 40 Prozent zu nutzen.

    „Gerade deutsche Mittelständler sind oft noch zu skeptisch, was Hilfe aus dem Ausland angeht“, sagt Heinz-Paul Bonn, Bitkom-Vizepräsident. „Das spiegelt sich auch in der Art und Weise wider, wie wir junge Inder behandeln, die nach Deutschland kommen wollen. Oft gelingt es nicht, diese Menschen dauerhaft an die deutschen Unternehmen zu binden.“

    Doch auch die Inder erkennen trotz aller Wachstumseuphorie, dass sie sich weiterentwickeln müssen. „Einerseits können wir heute schon 20 Jahre Erfahrung, gut ausgebildete Arbeitskräfte und unsere IT-Riesen in die Waagschale werfen“, sagt Nasscom-Präsident Mittal. „Andererseits müssen wir unseren Mittelstand stärken.“ Tatsächlich konzentrieren sich geschätzte 98 Prozent des Branchenumsatzes auf die 20 größten Unternehmen.

    Auf ihrem Weg von der reinen Programmierwerkstatt zur Entwicklernation sollen jedoch die kleinen Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen. Sie konzentrieren sich auf die Nachfrage im Inland - um die so entwickelten Produkte anschließend exportieren zu können. „Gesundheitsfürsorge, Energieeffizienz und Dienstleistungen des Staates sind große Themen hierzulande“, betont Nasscom-Präsident Mittal. „Viele Leuchtturmprojekte werden von unserer Branche vorangetrieben.“

    So ist der indischen IT-Branche vor der Zukunft nicht bange - auch der Trend zum Cloud-Computing macht den Experten wenig Kopfzerbrechen. Chittur Ramakrishnan sieht die abnehmende Abhängigkeit von Standorten gar als Wettbewerbsvorteil für Indien: Die Basis des indischen Wachstums ist weniger der Standort als das Know-how. Je leichter sich diese Dienste weltweit anbieten lassen, umso besser.“

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