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Jens Schulte-Bockum "Rennen eröffnet"

Jens Schulte-Bockum Wie der Vodafone-Chef mit Kabel Deutschland die Deutsche Telekom vom Thron stoßen will.

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Jens-Schulte-Bockum Quelle: PR/Theodor Barth

WirtschaftsWoche: Herr Schulte-Bockum, vor knapp einem Jahr haben Sie Friedrich Joussen an der Spitze von Vodafone Deutschland abgelöst. Warum geht es seitdem so bergab mit Vodafone?

Schulte-Bockum: Es geht nicht bergab.

Widerspruch: Unter Joussen hatte Vodafone die Marktführerschaft im Mobilfunk zurückgewonnen. Heute hinken Sie deutlich der Deutschen Telekom hinterher. Was haben Sie falsch gemacht?

50 Millionen Abstand bei einem Umsatz von neun Milliarden Euro sind eher eine Nuance. Wir liefern uns mit den Bonnern seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Mal liegt der eine vorn, mal der andere. Ich sehe das sportlich und als Ansporn.

Aufbruch nach Amtsantritt sieht aber anders aus.

Wieso? Es war meine Pflicht, mit meinen Kollegen aus der Geschäftsführung zunächst die Situation des Unternehmens nüchtern zu analysieren, um dann die strategisch richtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Genau das habe ich getan. Der geplante Kauf von Kabel Deutschland, die neue Festnetz-Strategie, steigende Investitionen für die größte Netzmodernisierung unserer Geschichte und die Service-Offensive sprechen eine klare Sprache. Das zahlt sich langfristig aus. Ich bin ja nicht in erster Linie angetreten, um kurzfristige Quartalsergebnisse zu managen.

Das ist schön gesagt. Seit dem 1. Oktober 2012, Ihrem ersten Arbeitstag als Deutschland-Chef, hat Vodafone hierzulande 2,8 Millionen Kunden verloren. Das ist ein regelrechter Einbruch im Vergleich zu Ihren drei Konkurrenten, die zulegten.

Da lohnt ein differenzierterer Blick. Auch hier geht es mir um Transparenz. Ich kann nicht kommentieren, wie unsere Wettbewerber ihre Kunden zählen. Aber wir haben in den vergangenen Monaten sehr viele inaktive Prepaid-Kunden aussortiert. Das heißt: Den Löwenanteil unserer Kunden haben wir nicht verloren, sondern die Statistik um Karteileichen bereinigt. Richtig ist aber auch: In den ersten beiden Quartalen nach meinem Amtsantritt war auch die Zahl der aktiven Kunden rückläufig. Im vergangenen Quartal konnten wir die Zahl aber wieder leicht steigern.

In welcher Größenordnung?

Überschaubar, aber der Trend stimmt.

Warum gingen Kunden von der Stange?

Die kleinen Mobilfunkanbieter treten seit April 2012 mit Pauschaltarifen für alle Netze, die sogenannten Allnet-Flatrates, sehr aggressiv auf. Dadurch sind die Preise im Mobilfunkmarkt um 40 Prozent gesunken – mit dem Ergebnis, dass gerade die, die den Markt destabilisiert haben, zwar mehr Kunden verzeichnen, aber sich zugleich über sinkende Umsätze beklagen müssen. Gleichzeitig hat die Deutsche Telekom 400 Millionen Euro zusätzlich für die Neukundengewinnung in den Markt geworfen und ein Provisions- und Subventionsrennen eröffnet.

Das heißt, die Telekom hat die Provisionen für Vertriebspartner sowie die Subventionen für Geräte drastisch erhöht.

Ja, mit dem Effekt, dass Händler die Preise für Smartphones stark senken konnten. Wir haben überlegt, ob wir mitziehen. In einigen Bereichen haben wir das getan. Aber uns ist wichtiger, das Geld in nachhaltige Projekte zu investieren. So haben wir die Investitionen in den Netzausbau um 25 bis 30 Prozent gesteigert. Statt einer Milliarde Euro, wie in früheren Jahren, waren es im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro. In diesem Jahr planen wir mit einem ähnlich hohen Budget. Wir setzen darauf, dass die Deutsche Telekom die Provisionen zurückschrauben und der Markt sich beruhigen wird. Im Moment wachsen wir in allen Marktsegmenten, also sowohl bei Privat- als auch bei Geschäftskunden.

Übernahme von Kabel Deutschland

Mit der Übernahme von Kabel Deutschland greifen Sie die Deutsche Telekom jetzt auch im Festnetz frontal an. Vor drei Jahren hätte Vodafone das Unternehmen zum halben Preis schlucken können. Warum haben Sie so lange gewartet?

Damals war die Ausgangssituation anders. Die Märkte haben sich entwickelt. Es gibt ja Gründe, warum die Aktienkurse aller börsennotierten Kabelbetreiber in Europa in den vergangenen sechs Monaten gestiegen sind. Der Kaufpreis reflektiert auch die enormen Synergien, die wir heben wollen.

Welche Gründe sind das?

Vor allem technische Veränderungen in unserem Geschäft. Mit dem neuen Standard Docsis 3.0 sind über das TV-Kabel Übertragungsgeschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde und mehr möglich. Das funktioniert deutlich robuster und stabiler als vor drei Jahren gedacht. Die Kunden honorieren das.

Und das hat Ihr Geschäft sehr verändert?

Wir sehen, dass der Wettbewerb reagiert. Die Deutsche Telekom beispielsweise versucht, mit dem beschleunigten Glasfaserausbau und dem massiven Einsatz der schnelleren Vectoring-Technik bei traditionellen DSL-Anschlüssen nachzuziehen. Die Kunden sind bereit, für einen 100-Megabit-Anschluss mehr zu bezahlen als für einen traditionellen DSL-Anschluss mit maximal 16 Megabit pro Sekunde. Und sie sind bereit, den Anbieter zu wechseln, wenn der eine bessere Übertragungsleistung verspricht. Das war vor zwei, drei Jahren so nicht absehbar...

...weshalb Vodafone selbst 300.000 DSL-Kunden an die Kabelgesellschaften verloren hat.

Richtig ist, dass die Nettozuwächse in der gesamten Telekommunikation derzeit allein bei Kabelanbietern liegen.

Warum sich ein schnellerer Glasfaserausbau für die Deutsche Telekom lohnt

Woher rührt die plötzliche Liebe zum Festnetz, nachdem Vodafone ursprünglich als lupenreiner Mobilfunker angetreten war?

Wir sehen in einigen europäischen Ländern wie Portugal und Belgien bereits, dass die Privatkunden erstmals echtes Interesse an Komplettlösungen mit Festnetz und Mobilfunk zeigen. Sie wollen ihre TV-Sendungen und Videos nicht nur auf dem Fernseher oder PC daheim anschauen, sondern auch unterwegs auf allen mobilen Geräten – und das gleich für die ganze Familie. Solche Angebote können nur Mobilfunkbetreiber mit gut ausgebauter Festnetzinfrastruktur stemmen.

Wieso reicht dafür nicht Ihre Festnetztochter Arcor?

Weil wir mit einer Hochleistungsinfrastruktur, wie sie Kabel Deutschland besitzt, einen großen Schritt nach vorne machen würden. Im Geschäftskundenbereich sind wir als integrierter Anbieter bereits sehr gut aufgestellt. Wir wollen uns künftig aber noch stärker als Komplettanbieter mit Mobilfunk und Festnetz auch im Privatkundengeschäft positionieren. Und in diesen Schritt wollen wir signifikant investieren.

Wenn dieser Deal eine so hohe strategische Bedeutung für Vodafone hat – was passiert, wenn die Wettbewerbshüter der Übernahme nicht zustimmen?

Wir sind sehr zuversichtlich, dass es keine großen kartellrechtlichen Hürden geben wird. Vorstand und Aufsichtsrat von Kabel Deutschland empfehlen ihren Aktionären die Annahme des Übernahmeangebots. Alle Signale, die wir bekommen, sind positiv. Das Bundeskartellamt hat bereits angekündigt, auf einen Verweis zu verzichten und die Entscheidung der EU-Kommission zu überlassen.

Welche Auswirkungen hat die Übernahme auf den Wettbewerb in Deutschland?

Zusammen mit Kabel Deutschland könnten wir mit einem überlegenen Festnetzangebot direkt gegen die Deutsche Telekom antreten – und überall, wo Anschlüsse von Kabel Deutschland erhältlich sind, ein noch besseres Produkt anbieten. Die Faustformel im Kabelgeschäft lautet: gleicher Preis für doppelte Leistung. Diese Vermarktungsstrategie funktioniert außerordentlich gut. Für die Kunden bedeutet das zusätzliche Dienste, bessere Angebote und damit mehr Wettbewerb im Markt.

Deutsche Telekom

Die Deutsche Telekom wird doch nicht tatenlos zuschauen.

Mag sein, aber es wird schwer, diesen Rückstand bei der Infrastruktur aufzuholen. Beim Kupferkabel lassen sich die hohen Übertragungsgeschwindigkeiten auch mit neuen Techniken nicht erzielen. Das ist nur mit einem flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes möglich. Der ist aber auch der Telekom zu teuer. Deshalb werden die Kabelnetzanbieter in den nächsten Jahren erhebliche Marktanteile gewinnen. Und wir wollen da ganz vorne mitspielen.

Im Gebiet von Kabel Deutschland, insbesondere in Großstädten wie München und Hamburg, wollen sich lokale Kabelanbieter von Kabel Deutschland abkoppeln, und in Niedersachsen gibt es mit Tele Columbus einen starken Konkurrenten. Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Wir haben unser Übernahmeangebot sehr konservativ kalkuliert. Sicher, das Geschäft mit indirekten Kunden, bei denen Kabel Deutschland nur der Zulieferant von TV-Signalen ist, könnte schwieriger werden. Aber das ist Wettbewerb, den wir immer sportlich nehmen.

Was heißt schwieriger?

Es wird weiter Versuche lokaler Kabelanbieter geben, die Verbindung zu Kabel Deutschland zu kappen und sich auf eine wirtschaftlich eigenständige Basis zu stellen.

Über wie viel möglicherweise abtrünnige Kunden reden wir?

Am Netz von Kabel Deutschland hängen knapp eine Million indirekter Kunden. Trotzdem können wir mit Kabel Deutschland 13 der 16 Bundesländer abdecken.

Die Wettbewerbshüter sähen es gern, wenn die Gebietsmonopole der Kabelanbieter aufgebrochen würden. Würden Sie den Sprung nach Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg wagen, wo allein Unitymedia Kabelnetze betreibt?

Lassen Sie uns einen Schritt nach dem anderen gehen und nicht zu tief in die Glaskugel schauen.

Wie schwierig ist der Wechsel Ihrer DSL-Kunden zum Kabelanschluss?

Technisch ist eine solche Migration kein Problem. Und sie wäre nach einer Genehmigung durch die Kartellbehörden sicherlich eine unserer Top-Prioritäten.

Schlicht addieren können Sie Ihre gemeinsamen Kunden allerdings nicht – wie viele der drei Millionen DSL-Kunden, die Vodafone jetzt noch hat, haben denn in der Wohnung bereits eine Kabelbuchse von Kabel Deutschland?

Der Anteil ist hoch, die genaue Zahl vertraulich. Aber klar ist auch: Wir freuen uns über jede DSL-Leitung, die wir bei der Telekom abmelden können. Wir überweisen jedes Jahr 380 Millionen Euro für die Miete von Leitungen, die in grauer Vorzeit verlegt, von meinen Eltern und Großeltern finanziert und von der Telekom längst abgeschrieben wurden.

Wird die Marke Kabel Deutschland dann eingestampft?

Jetzt gilt es, den Kauf über die Bühne zu bringen.

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