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Kapital schlägt Kreativität Wie sich das Silicon Valley verwandelt

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Feedback als Geschenk

So hoffen sie, vom Netzwerkeffekt zu profitieren – der Erkenntnis, dass in einem Marktsegment Nutzer immer wieder denselben Anbieter wählen, weil das Angebot besser wird, je mehr Menschen es nutzen. „Das ist der einzige bewiesene Wettbewerbsvorteil, der wirklich funktioniert“, sagt Corey Ford, Managing Partner des Start-up-Inkubators Matter. „Man muss aus den Kunden eine Community machen.“ Das versuchen nun alle, es entsteht immer mehr vom selben.

„Wir können nicht davon leben, uns gegenseitig die Haare zu schneiden.“ Mit diesem Satz erklärte Gerhard Schröder 2002, dass eine Dienstleistungsgesellschaft ohne industrielles Fundament wirtschaftlich nicht überlebensfähig ist. Gleiches gilt, eine Umdrehung weiter gedacht, für die digitale Ökonomie. „Alle aggregieren hier Inhalte mithilfe von Algorithmen“, sagt Kent Lindstrom, COO von Nuzzel. „Irgendjemand muss diese Inhalte aber auch produzieren.“

Auch Nuzzel produziert nichts. Das Start-up stellt aus Twitter-Nachrichten individuelle Nachrichtenfeeds und Newsletter zusammen – gut gemacht, aber als Idee gar nicht mehr neu. Ob es wirtschaftlich funktioniert, muss sich trotz bekannter Investoren, wie Andreessen Horowitz, erst noch zeigen.

Im Inkubator Matter herrscht noch echte Aufbruchsstimmung. Je sechs Start-ups arbeiten hier für einige Monate gleichzeitig in einem Umfeld, das dem Mythos der Gründergarage alle Ehre macht. Die jungen Unternehmen werden gecoacht, bekommen eine Anschubfinanzierung über je 50.000 Dollar und sollen dann den Wirklichkeitstest bestehen. Wenn hier noch der Gründergeist durch die rohen Räume weht, liegt das vor allem am charismatischen Chef. Corey Ford hat verinnerlicht, was anderen Unternehmern im Valley verloren zu gehen scheint: Erfolg steht und fällt mit der Unternehmenskultur. „Oberstes Gebot ist bei uns die Autonomie des Gründers“, sagt Ford. „Wir sind hier, um Feedback zu allem zu geben. Aber dieses Feedback ist ein Angebot, ein Geschenk, niemand muss sich hier verändern oder anpassen.“

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    Häufig sind es nicht mehr die rebellischen Nerds aus den Garagen, die das Geschehen im Silicon Valley bestimmen. Es sind die wohlsituierten Investoren und Unternehmenschefs – wie im einst kreativen Stadtviertel eben, wo heute Anzugträger das Sagen haben. Ihr Denken spiegelt die Zentralperspektive unserer Zeit. Alle Linien des Gesamtbilds laufen auf einen Fluchtpunkt zu, und der heißt Erfolg. Die beiden wichtigsten Linien, Geld und Leistung, dominieren alles. So entsteht das zweidimensionale Bild einer gentrifizierten Branche. Der Mensch kommt irgendwann hinter dem Horizont des Erfolgs. Falls er es bis dahin schafft.

    Leben als Obsession

    Es gibt sie trotzdem noch, die jungen Wilden, die unbedingt ihre Erfolgsgeschichte schreiben wollen. Und manchmal kommen sie sogar aus Deutschland. Ali Jelveh, Deutscher mit iranischen Wurzeln und aufgewachsen in Hamburg, ist so einer. Sein schwarzes T-Shirt („I love my data“) ist ebenso Programm wie die orangefarbene Box, die er immer unter den Arm klemmt. Das ist nach seinen Angaben der einfachste Server der Welt – sozusagen die Materie gewordene Cloud mit lokaler Verschlüsselung und Datenhoheit. Das Unternehmen, Protonet, hat im Crowdfunding in 133 Stunden drei Millionen Euro eingesammelt und war 2013 deutsches Start-up des Jahres. Im Februar aber kam der wichtigste Schritt: Protonet wurde in den Y Combinator in Mountain View aufgenommen, den wichtigsten Inkubator der Technologiebranche weltweit.

    Wenn Ali Jelveh über das Arbeiten im Valley spricht, klingt er fast weise. „Nichtfunktionieren ist hier der Normalzustand“, sagt er lächelnd. Umso mehr Energie braucht man, um den Schub zum Erfolg zu entwickeln. „Mein Leben ist Obsession für Technologie, denn Technologie kann Menschen unabhängig machen.“ Jelveh will auch mit seinem Unternehmen unabhängig bleiben. Wenn es gut läuft, kommt irgendwann der Börsengang. Auf keinen Fall will er einen Exit an Microsoft oder Google machen. Er weiß, warum. Das große Geld ist eine Verlockung, aber es ist oft auch der Anfang vom Ende der Start-up-Kultur.

    Das entsprechende Motto des Silicon Valley – „fail fast and forward“, scheitere schnell und nach vorne gerichtet – hat seinen Preis. So sehr die deutsche Unternehmerkultur davon eine Portion gebrauchen könnte, so klar ist auch: Unternehmensgründungen in der Technologiebranche sind ein langer, harter Ritt. Mehr als 90 Prozent der Start-ups scheitern, die meisten davon nach etwa 20 Monaten und rund 1,3 Millionen Dollar Anschubfinanzierung. Deswegen gibt es viele aus der Reihe der Etablierten, Investoren, Inkubatoren, die die Zügel straff in der Hand halten. Wer sich so lenken lässt, hat die Chance, irgendwann ein Fixstern der digitalen Wirtschaft zu werden. Und das hat die Netzbranche dann wieder mit dem Stadtbild gemein: Erfolg entstammt nach diesen Maßstäben einer Gleichung aus Strebsamkeit und Konformität. Kreativ ist das nicht mehr. Aber schön sauber.

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