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Kapital schlägt Kreativität Wie sich das Silicon Valley verwandelt

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Gentrifizierung macht vor Unternehmen keinen Halt

Die Zahl der Gründungsinvestments ist zwischen Mitte der Achtzigerjahre und heute von gut 1300 auf fast 4500 angestiegen. Immer mehr junge Unternehmer konkurrieren um die Töpfe der Finanziers. Zwar ist genug Geld da, aber 2016 scheint gleichzeitig ein Jahr der Rekalibrierung zu werden. Schon vom dritten aufs vierte Quartal 2015 sind die Investments in Start-ups von 38,7 auf 27,3 Milliarden Dollar abgerutscht. „Es passiert etwas total Verrücktes im Silicon Valley“, verkündete der Finanzdienst Bloomberg zu Beginn des Jahres. „Alle Beteiligten fangen an, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.“

Die ist für manch ein Internetunternehmen kein manischer Selbstläufer mehr, erfährt derzeit zum Beispiel Twitter. Vielleicht liegt der Fehler ja vor allem im Namen. Wer will schon zwei „t“, wenn Erfolg im Valley mit zwei „oo“ geschrieben wird? Eher steht Twitter als Beleg dafür, dass die Gentrifizierung auch Unternehmen erfassen kann. Geld und Glanz können blind machen. Dann gehen die Kreativen, dann stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr, dann kommt das Erstarren. Irgendwann wird es dann uncool.

In der Twitter-Zentrale in San Francisco sind in den großen Bürofluchten ganze Stuhlreihen unbesetzt. Twitter hat zwei harte Jahre hinter sich. Der Aktienkurs dümpelt rund 30 Prozent unter Ausgabewert, Führungskräfte geben sich die Klinke in die Hand, und die Zeiten rasanten Nutzerzuwachses sind längst vorbei. Es muss nun vorangehen. Dafür wäre es gut, zu wissen, wo vorne ist. Weiß das jemand bei Twitter? Del Harvey leitet das Team „Vertrauen und Sicherheit“. Von beidem könnte die Firma etwas mehr gebrauchen. Aber wie? „Wir wollen uns darauf konzentrieren, Twitter zu sein“, sagt Harvey.

Dazu müsste man wissen, was Twitter ist. Bei diesem Unternehmen müsste sich das in 140 Zeichen sagen lassen; schließlich lässt sich laut dieses Geschäftsmodells alles in 140 Zeichen sagen. Aber auch nach einer Stunde Gespräch scheint hinter vielen Worten keine Antwort auf. Vielleicht ist das Zeichen der Loyalität zum obersten Twitter-Chef, Jack Dorsey, der einmal gesagt hat, Twitter sei jeweils etwas anderes für verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Vielleicht ist es aber auch schlicht das Eingeständnis, dass dem Unternehmen die DNA verloren gegangen ist, wenn es je eine hatte. Beim Blick in die Bürofluchten beschleicht einen fast physisch ein Gefühl der Erstarrung.

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    Del Harvey sagt derweil zum fünften Mal, mit jeder Veränderung im Unternehmen werde ihr Leben eine Spur härter. Ein Satz wie ein Irrläufer in einer Welt, die auf dem Treibsand der Veränderung aufgebaut ist.

    Sehnsucht nach Beständigkeit

    Bei Facebook herrscht Betriebsamkeit. Das neue Gebäude, gebaut von Frank Gehry und Rekordhalter als größtes Einraumbüro der Welt, beherbergt auf 40 000 Quadratmetern knapp 3000 Menschen. Auf dem Dachgarten kann man joggen, die Fahrräder hängen an den Wänden, und eine Großreinigung mitten im Großraumgebäude kümmert sich um die Wäsche. Facebook ist kein Arbeitsplatz, Facebook ist das Leben.

    Über den Schreibtischen schweben silberne Luftballons mit der Jahreszahl der Betriebszugehörigkeit. Eine offene Atmosphäre und doch auch die eines Kindergeburtstags für Erwachsene, bei dem sich niemand traut, mal laut zu werden. Ein bisschen Kichern, ein bisschen Ausbrechen, aber schauen, dass dabei nichts schmutzig wird.

    Das Gebäude ist die perfekte bauliche Umsetzung der Facebook-Timeline, durch die man durchgehen kann, umgeben auf allen Seiten von Tausenden lebender Postings. Das alles wirkt gesetzter als noch vor Jahren, als schleiche heimlich die Sehnsucht nach etwas Beständigkeit durch die Gänge der Internetunternehmen. Als habe man nach Jahren des sich täglich Neuerfindens doch mal etwas Ruhe verdient und das Recht, erwachsen zu werden, weniger rebellisch, weniger disruptiv.

    Es ist auch schwer, die Welt des Internets immer wieder neu zu erfinden. Deshalb suchen viele Unternehmen das Heil künftigen Erfolgs in der Plattformstrategie – sie sammeln möglichst viele Angebote, auch externer Anbieter, bei sich. Am weitesten ist dabei wohl Amazon fortgeschritten.

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