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KI in der Medizin „Algorithmen sehen mehr als Ärzte“

Besserer Durchblick: Daten werden in der Uniklinik Essen so wichtig wie Medikamente. So schauen angehende Ärzte per Virtual-Reality-Brille Chirurgen bei Operationen zu Quelle: PR

Künstliche Intelligenz kann Leben retten, sagt der Radiologe und KI-Entwickler Michael Forsting von der Uniklinik Essen. Kliniken, Start-ups, Google und Co. suchen die Zauberformeln für die personalisierte Heilkunde.

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Herr Forsting, künstliche Intelligenz für die Medizin gilt unter Marktforschern schon jetzt als einer der wichtigsten Technologie-Trends des Jahres. Was kommt da auf uns zu?
Michael Forsting: Künstliche Intelligenz wird die Medizin mindestens so sehr verändern, wie es im 20. Jahrhundert Röntgenbilder, Ultraschall und Laboranalysen getan haben. Sie wird präzisere Diagnosen stellen, bessere Therapien empfehlen und Krankheiten, die sich anbahnen, oft früher erkennen als ein Arzt.

Arbeiten Sie und Ihre Kollegen im Alltag schon mit Algorithmen?
Ja. Und wir entwickeln auch selbst welche. Ich leite ein Team aus Radiologen, Mathematikern und Informatikern, die künstliche Intelligenz für die Radiologie entwickeln. Unsere Algorithmen können zum Beispiel das Alter eines Kindes bis auf drei Monate genau bestimmen - nur anhand des Röntgenbildes seines Handgelenks. Und sie können auch sehr zuverlässig herausfinden, ob das Kind eine Wachstumsstörung hat.

Wie funktioniert das?
Wir haben Hunderte Röntgenbilder der Hände von Kindern in ein neuronales Netz eingespeist. Die Aufnahmen stammten von Kindern, deren Alter wir genau kannten – und auch diese Information ist in das neuronale Netz eingeflossen. Die KI erkennt in all diesen Daten Muster und kann dann neue Fotos sehr treffsicher analysieren.

Michael Forsting Quelle: PR

Warum geht es plötzlich so zügig voran mit der KI in der Medizin?
Wir haben viel mehr Daten als früher. An der Uniklinik Essen haben wir innerhalb eines Jahres die elektronische Patientenakte eingeführt – sodass viele Informationen eines Patienten jetzt digital vorliegen. Und damit können wir zum ersten Mal hypothesenfrei nach den Ursachen von Krankheiten suchen.

Wie verändert das die Behandlung?
Als erstes wird KI Vorsorgeuntersuchungen vereinfachen - zum Beispiel das Brustkrebs-Screening. Bisher schauen sich bei einer Mammographie immer zwei Radiologen die Röntgenbilder an. Jetzt diskutieren Mediziner, den ersten Radiologen durch eine Software zu ersetzen. Die soll dann alle normalen Befunde aussortieren, also die Aufnahmen von Menschen, die gesund sind. Das klappt schon sehr, sehr zuverlässig.

Und was macht der Mensch?
Der Radiologe muss sich nur noch die positiven Befunde anschauen und entscheiden: Ist die Veränderung bösartig oder gutartig?

Sie müssten eigentlich gegen diese Technologie sein - schließlich schafft KI damit Stück für Stück Ihren Job ab.
Radiologen werden so schnell nicht verschwinden, für sie gibt es immer neue Aufgaben, etwa künstliche Intelligenz zu testen und zu trainieren. Allen voran zielt der KI-Einsatz in der Medizin darauf ab, wie in der Wirtschaft übrigens auch, viele Routinearbeiten abzunehmen. Etwa das Auszählen von Entzündungsherden bei Patienten mit Multipler Sklerose oder die Vermessung der Tumorgröße bei Kontrolluntersuchungen. Wenn die KI von solchen Routinetätigkeiten entlastet, können sich Ärzte auf das fokussieren, was die Aufnahmen unter Umständen sonst noch aufdecken. So schafft KI Zeit für eine personalisierte Medizin. Mich interessiert auch weniger, ob der Computer mich ersetzen kann, das ist mir ziemlich gleich. Mich interessiert: Was können wir mit KI mehr erreichen?

Zum Beispiel?
Es wird darüber diskutiert, ein Lungenscreening einzuführen. Man weiß aus Studien, dass es die Heilungschance deutlich steigert, wenn man Tumore in der Lunge sehr früh erkennt. Das Problem ist: Bei der Mammografie gibt es zwei Bilder pro Frau, die kann man sich noch anschauen. Beim Lungenscreening gibt es 600 bis 800 Bilder pro Proband. Das kann sich kein Radiologe alles anschauen.

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