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KI in der Medizin „Algorithmen sehen mehr als Ärzte“

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KI, die Depressionen erkennt

Sorgen Sie sich nicht, dass jemand Sie verklagen wird, weil Ihre KI eine falsche Entscheidung trifft?
Ich glaube, es wird bald andersherum laufen: Wenn eine Frau Brustkrebs bekommt, obwohl der Radiologe drei Monate vorher nichts gefunden hat, wird sie das Mammografie-Bild von einer KI analysieren lassen. Findet die dann einen Tumor, wird der Radiologe sich rechtfertigen müssen. Sobald Computersysteme besser sind als der Mensch, wird man nicht mehr akzeptieren, dass nur der Mensch auf die Bilder und Daten schaut.

Metastasen kann eine künstliche Intelligenz vielleicht präzise vermessen. Aber wie steht es mit komplizierteren Fällen - etwa psychischen Leiden?
Gerade die sprechende Medizin, etwa die Psychiatrie, wird sich noch stärker verändern als andere Bereiche, weil wir mit der Digitalisierung plötzlich objektive Daten haben. Wenn Sie einer KI die Fotos liefern, die jemand auf Instagram hochlädt, kann sie mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wie ein Allgemeinmediziner eine Depression vorhersagen. Wenn Sie Facebook-Posts auswerten, ist die KI sogar so treffsicher wie ein Psychiater.

Das ist kaum zu glauben.
Es ist nur logisch: Der Hausarzt hat nur eine Momentaufnahme von Ihnen, wenn Sie bei ihm sitzen. Sie erzählen vielleicht, dass Sie Rückenschmerzen haben, aber nicht, dass Ihre Ehe gerade zerbrochen ist. Würde er auf Ihr Facebook-Profil schauen, würde er sehen, dass Sie die ganze Nacht wach waren und offenbar Schlafstörungen haben.

Einen Großteil von psychiatrischen Erkrankungen haben wir also noch gar nicht verstanden.
Es gibt die Anorexie - Magersucht zu gut Deutsch - und die ist so gravierend, dass 30 Prozent der Betroffenen, die meisten davon Frauen, daran sterben. Die Mortalität ist höher als bei Krebs. Und wir haben noch die Theorie, dass Anorexie entsteht, weil Mutter und Tochter einen Konflikt haben. Das ist natürlich albern.

Sie glauben nicht, dass darin die Ursache liegt?
Natürlich hat jede Tochter mit ihrer Mutter irgendwann Konflikte, alles andere wäre nicht normal. Aber wir sind mit unserer sprechenden Medizin so auf bestimmte Erklärungen fixiert, dass wir links und rechts nicht mehr hinschauen. Wenn Sie einen Motorradfahrer am Boden finden, dann röntgen Sie ihn, entdecken den Schlüsselbeinbruch und sind froh, ihn gefunden haben. Aber Sie übersehen das Lungenkarzinom. Der KI entgeht das nicht.

Daten lügen nicht?
Wenn Sie eine künstliche Intelligenz mit wirren Daten trainieren, dann kommt natürlich Murks heraus. Ein Kind lernt auch nicht Deutsch, wenn Sie nur Kauderwelsch mit ihm reden. Wollen Sie eine KI für ein Mammografie-Screening entwickeln, dann müssen Sie sich sicher sein, dass das System nur Bilder sieht, auf denen auch ein Mammakarzinom abgebildet ist. Dann reichen auch ein paar hundert Bilder aus.

Ist intelligente Software für Krankenhäuser bald ein Geschäftsmodell?
Das kann man sich durchaus vorstellen. Ich glaube, wer als nächster einsteigt in den Krankenhausbetrieb, sind Google und Amazon. Die wissen um den Wert medizinischer Daten. Aber die kommen einfach nicht dran. Amazon hat schon eine erste Klinik für Mitarbeiter aufgemacht. Google arbeitet mit dem israelischen Start-up Zebra zusammen, das Radiologieaufnahmen in die Google-Cloud hochlädt und analysiert. Als nächstes könnten Amazon oder Google ihren Mitarbeitern Wearables geben und deren Daten auswerten.

Um ihre Schritte zu zählen?
Um die Geschichte der Patienten besser zu verstehen. Wenn Sie beim Tennisspiel eine Herzrhythmusstörung bekommen und Sie spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, entscheiden Sie sich ganz sporadisch, zum Kardiologen zu gehen. Wenn Sie da hingehen, haben Sie aber keine Rhythmusstörungen mehr. Dann kann der Arzt Ihnen prophylaktisch einen Betablocker geben – oder es auch sein lassen. Bisher ist die Medizin sporadisch und reaktiv. Das Ziel ist, sie präventiv und kontinuierlich zu machen.

Wie kann man sich das vorstellen?
Wenn Sie ein Wearable tragen und drei Millionen Menschen in Ihrem Alter auch, dann wird das Gerät Symptome aufzeichnen bei einigen Menschen, die eine Entzündung des Herzmuskels haben. Und dann wird Ihre Uhr Ihnen sagen: Das ist jetzt komisch, Du hast zwei Nächte lang nicht geschlafen, ein bisschen Fieber gehabt, nass geschwitzt wie verrückt, Tennis gespielt, jetzt kommt die Rhythmusstörung - da solltest Du morgen mal zum Arzt gehen.

Viele wird es kaum freuen, so überwacht zu werden.
Der Patient muss die Datenhoheit bekommen - und zustimmen dürfen, welche Daten wozu verwendet werden. Ich sage aber auch oft: Datenschutz ist etwas für Gesunde. Die fragen sich, was alles passieren kann, wenn die Allianz weiß, dass sie einen Plattfuß haben. Aber jede Frau mit einem Mammakarzinom will die bestmögliche Therapie haben und hat überhaupt kein Problem damit, ihr Genom auswerten zu lassen. Ich bin seit 30 Jahren Arzt und praktisch hundert Prozent der Patienten wollen geheilt werden.

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