Mate 60 Pro: Huawei greift Apple in China an
Sieben-Nanometer-Chips gibt es im iPhone schon seit langem.
Foto: imago imagesSeit Tagen geht in Chinas sozialen Medien ein Video viral. Zu sehen ist ein Zusammenschnitt von Apple-Stores und Huawei-Filialen. Während sich vor den Huawei-Läden lange Schlangen bilden, herrscht in den Apple-Stores gähnende Leere.
Und doch trifft das Video in China einen Nerv. Denn plötzlich sind auch die Läden von Huawei wieder voll. Tatsächlich dürfte Apple in den kommenden Monaten einen Teil seines China-Umsatzes wieder an Huawei abtreten. Den Kaliforniern kam in den vergangenen Jahren zugute, dass US-Exportbeschränkungen es Huawei ab 2020 praktisch unmöglich machten, ausländische Spitzenchips in seine Smartphones einzubauen. Vom Top-Anbieter ist Huawei seither im Smartphone-Geschäft praktisch in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt.
Doch plötzlich will in China jeder wieder zumindest einen Blick auf das neue Mate 60 Pro werfen, das vor zwei Wochen überraschend vorgestellt wurde - kurz vor der Präsentation des neuen iPhone 15 am vergangenen Dienstag. Das Gerät könnte der Anfang vom Ende einer langen Leidenszeit für Huawei sein.
Zwar verrät Huawei selbst kaum Details zum Innenleben seines neuen Top-Gerätes, mit dem man dank des neuen Chips endlich wieder mit 5G-Geschwindigkeit im Netz surfen kann. Doch Technikexperten haben es längst in seine Einzelteile zerlegt. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass es von einem Kirin 9000s angetrieben wird, der von der Huawei-Tochter HiSilicon entwickelt und vom chinesischen Chiphersteller SMIC gefertigt wurde.
Zwar sind die Chips damit immer noch weniger ausgefeilt als die neuesten Modelle im Westen. Vor allem das neue iPhone 15 Pro hat hier die Nase vorn, denn es besitzt erstmals einen Chip der 3-Nanometer-Klasse. Sieben Nanometer gab es bei Apple schon vor fünf Jahren. Doch das scheint in China kaum jemanden zu interessieren. Das neue Huawei-Smartphone gilt als Durchbruch, weil es dem Unternehmen offenbar gelungen ist, der US-Regierung die Stirn zu bieten und trotz aller Hindernisse mit Bauteilen aus China ein Comeback zu feiern.
Fest an der Seite von Huawei stehen die chinesischen Staatsmedien und chinesische Blogger, die das Mate 60 Pro kräftig bewerben. Die staatliche Zeitung Global Times veröffentlichte eine Karikatur, in der ein Auto mit Huawei-Schriftzug durch eine Straßensperre rast und sich so aus dem „technologischen Würgegriff“ der Amerikaner befreit.
Auch ein Meme, das die US-Handelsministerin Gina Raimondo als Werbefigur mit dem neuen Huawei-Smartphone zeigt, machte die Runde. Huawei brachte das Gerät zeitgleich mit dem Besuch der Ministerin in Peking auf den Markt.
Zeitgleich mit der Werbeoffensive von Huawei geriet Apple von anderer Seite unter Beschuss. Wie das Wall Street Journal berichtete, hat China seit Anfang September einen Crackdown gegen iPhones für Regierungsbeamte ausgeweitet. Abteilungsleiter forderten demnach ihre Untergebenen per Wechat-Nachricht auf, künftig keine iPhones mehr mit zur Arbeit zu bringen.
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Bereits vor einigen Jahren wurden die Mitarbeiter einiger Behörden aufgefordert, keine iPhones zu benutzen, als Reaktion auf einen ähnlichen Bann von Huawei-Geräten in den USA. In China könnten Berichten zufolge künftig nicht nur Beamte, sondern auch Millionen von Mitarbeitern staatlicher Unternehmen von einem iPhone-Verbot betroffen sein.
Dass die Verkäufe von Apple-Geräten in China nun in den freien Fall übergehen, scheint allerdings unwahrscheinlich. Apple hat in China eine riesige Fangemeinde, die ein Verbot nicht einfach hinnehmen würde. Und auch die Gefahr, die für Apple von Huawei ausgeht, scheint vorerst begrenzt.
Sechs Millionen Geräte sind eine große Zahl. Sie muss aber im Verhältnis zum Gesamtmarkt gesehen werden. Insgesamt sollen in China in diesem Jahr 280 Millionen Smartphones verkauft werden. Die Schlangen dürften also lang bleiben - sowohl vor den Läden von Huawei als auch von Apple.
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