WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Microsoft-Rekordverlust Nadellas Flucht nach vorne

Microsoft hat wegen der missglückten Übernahme des Handygeschäfts von Nokia den größten Verlust der Firmengeschichte eingefahren. Konzernchef Nadella macht reinen Tisch und setzt alles auf die Ära nach dem Smartphone.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Windows 10 wird bereits verteilt
Microsoft hat früher als erwartet mit der Verteilung von Windows 10 begonnen. Eigentlich war die Auslieferung für den 29. Juli 2015 geplant. Die Teilnehmer des Windows-Insider Programms Quelle: dpa
Mit Windows 10 stellt Microsoft auf das automatische Einspielen von Funktions-Updates um. Die Updates werden zukünftig ausgeliefert, sobald sie fertig entwickelt sind. Quelle: Screenshot
Crowdsourcing, Windows 10, Microsoft Insider Programm Quelle: Screenshot
Vernetzung, cross-funktionales Arbeiten, Windows 10, Applikationen, gleichzeitig Quelle: Screenshot
Windows 10, Startmenü, Favoriten Quelle: Screenshot
Aktionszentrum, Windows 10, Applikationen, mobile Endgeräte, Smartphone, Tablet, Benachrichtigungen, interaktiv, Umwandlung Text Sprache Quelle: Screenshot
Windows 10, Browser, Microsoft, leistungsstark, Kommentarfunktion, teilen, Lesemodus, Filter, Offlinemodus Quelle: Screenshot

Microsoft vermeldet Superlative. Leider negative. Am Dienstagabend gab der Softwarekonzern die Quartalzahlen für April bis Juni bekannt. Und mit ihnen den höchsten Quartalsverlust in der immerhin 40-jährigen Unternehmensgeschichte. 3,2 Milliarden Dollar Miese hat Microsoft eingefahren, vor allem wegen der hohen Sonderbelastungen aus der erst im Frühjahr 2014 übernommenen Handysparte von Nokia.

Microsoft-Chef Satya Nadella macht nun reinen Tisch. Er schreibt das Erbe seines Vorgängers Steve Ballmer mit 7,6 Milliarden Dollar ab. Wegen zusätzlicher Sonderaufwendungen muss Microsoft die Bilanz sogar mit 8,4 Milliarden Dollar Minus belasten.

Das ist Satya Nadella

Auch der Konzernumsatz ging um fünf Prozent auf 22,2 Milliarden Dollar zurück. Hier macht Microsoft der noch immer schwache PC-Absatz zu schaffen, die Verkäufe von Windows-Lizenzen blieben deshalb unter Erwartungen. Die Cloud-Dienste hingegen, auf die Nadella besonders stark setzt, boomen. Besonders die Online-Version von Microsofts Büropaket Office ist ein Renner, mit ingesamt 15,2 Millionen Nutzern, davon drei Millionen im abgelaufenen Quartal. Doch die Cloud-Dienste können den Umsatzrückgang derzeit nicht abfedern, sie legten auch nicht so stark zu wie im ersten Quartal.

Im Smartphonegeschäft, das Wettbewerber Apple gerade eine neuen Quartals-Umsatzrekord bescherte, ist Microsoft mit einem Marktanteil von drei Prozent quasi nicht sichtbar.

Wie Windows wurde, was es ist

Nadella setzt auf die Zukunft. Die beginnt am 29. Juli, wenn Windows 10 gestartet wird. Als freies Upgrade für bestehende Windows-Nutzer, ebenfalls ein Novum in der Unternehmensgeschichte.

Die neueste Windows Version soll langfristig als Sprungbrett in die Ära nach dem Smartphone dienen – wenn Software sich von den Grenzen des Bildschirms befreit und via Sprache und Berührung bedient wird.

Vertrauen ist angeschlagen

"Mobilität – nicht eingeschränkt von Geräten – ist der Kern unserer Vision", wirbt der Microsoft-Konzernchef. Beispielsweise über sein Lieblingsprojekt Hololens – einer Datenbrille, die dreidimensionale Objekte im Raum erscheinen lässt, und neuerdings bei jeder größerer Microsoft-Veranstaltung präsentiert wird. Noch dieses Jahr könnte sie auf den Markt kommen. Bei der sogenannten "erweiterten Realität" würde Hardware in der Hintergrund treten und Software wieder die erste Geige spielen. Ganz so wie in den glorreichen neunziger Jahren, als Microsoft mit Windows und Office die Computerbranche dominierte.

Hassobjekt, Marktbeherrscher, Nachahmer
Die Belegschaft von Microsoft im Jahr 1978 Quelle: AP
Im Jahr 1981 posieren Bill Gates (rechts) und Paul Allen. Bill Gates hat sich mittlerweile auf eine Beraterrolle im Unternehmen zurückgezogen und ist als Philanthrop tätig. Paul Allen hat ebenfalls Milliarden mit Microsoft gemacht, spendet einen Teil seines Vermögens. Er investiert aber auch etwa in Sport-Mannschaften. Ihm gehören die Seattle Seahawks (American Football) und die Portland Trail Blazers (Basketball). Quelle: dpa/picture-alliance
Bill Gates stellt Microsoft XP vor Quelle: AP
Die Packung der ersten Version des Betriebssystems Microsoft Windows. Das damals als Erweiterung zu MS-DOS veröffentlichte Programm kam erstmals 1985 auf den Markt. In den Folgejahren sollte Windows das Fundament für ein Milliardenimperium werden. Es war allerdings nicht das erste Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberfläche – IBM und Apple hatten bereits vorher die Idee umgesetzt. (Foto: Szilveszter Farkas) Quelle: Creative Commons
Ein undatiertes Foto zeigt den jungen Bill Gates in seinem Arbeitszimmer. Zum Start von Windows 1.0 gab es weltweit lediglich sechs Millionen Personal Computer. Erst rund fünf Jahre später, im Jahr 1990, gelang dem Software-Entwickler aus Redmond ein durchschlagender Erfolg mit Windows 3.0. Quelle: picture-Alliance/dpa
Bill Gates stellt die Version 95 des Betriebssystems vor. Quelle: dpa
 Ein Finger zeigt auf die Office Apps von Microsoft: Exel (l-r), Powerpoint und Word, die auf einem iPad Air zu sehen sind. Quelle: dpa

Eine schöne Vision – wenn die Branche kooperiert. "Microsoft braucht das Vertrauen externer Entwickler, die ihre Programme darauf abstimmen" gibt der langjährige Microsoft-Beobachter Patrick Moorhead zu bedenken. Das ist jedoch angeschlagen, seit Nadella überraschend die Reißleine im Smartphone-Geschäft gezogen hat.

Jahrelang hatte Microsoft nämlich Entwickler mit dem Versprechen geködert, dass sie mit der neuen Windows-Generation endlich universelle Apps offerieren könnten. Die – ohne große Modifikationen – auf allen Geräten funktionieren, vom Smartphone übers Tablet, bis hin zu Notebook und Desktop. Damit zusammenwächst, was aus Microsofts Sicht zusammengehört, quälte der Konzern die Windows-Nutzer in den vergangenen Jahren mit verwirrenden Bedienoberflächen wie interaktiven Kacheln, um das Erscheinungsbild auf traditionellen Computern und Smartphones sowie Tablets anzugleichen.

Nadellas Strategie ist riskant

Doch der lange propagierte Befreiungsschlag macht nur Sinn, wenn es genügend Smartphones und Tablets gibt, die auf Windows laufen. Microsoft hat trotz vieler Anstrengungen derzeit nur jeweils drei Prozent Weltmarktanteil bei den Nachfolgern des PCs. Mehr noch: "Rund 95 Prozent davon sind Geräte, die von Microsoft hergestellt werden", schätzt Jan Dawson. Er ist Gründer von Jackdaw Research. Den Analysten hatte es deshalb überrascht, dass Microsoft sein eigenes Smartphone-Engagement nun so rigoros zurückfahren will, kurz vor dem Start von Windows 10.

Diese Branchen sind am häufigsten von Computerkriminalität betroffen

Vor allem weil Nadella es bislang nicht geschafft hat, andere Hardware-Hersteller davon zu überzeugen, ihre Smartphones und Tablets mit Windows auszustatten. Mit Microsofts Übernahme von Nokias Mobilfunksparte und den tiefen Taschen des Konzerns gab es bislang wenigstens noch Hoffnung, dass sich der komatöse Marktanteil doch noch reanimieren ließe. Die Marktforscher von Gartner waren deshalb bislang davon ausgegangen, dass Microsoft im Jahr 2018 wieder einen Markanteil bei Smartphones von zehn Prozent erreichen würde.

Nadella riskiert den Betriebsfrieden

Dazu wird es nun nicht kommen. Die rund 6000 verbliebenen Mobilfunk-Spezialisten bei Microsoft sollen sich nur noch auf Flaggschiff-Modelle fokussieren, zu wenig für einen nennenswerten Markanteil.

Nadellas Wette auf die Ära nach dem Smartphone ist riskant. Denn es könnte auch im Internet der Dinge noch lange eine einflußreiche Schaltzentrale für viele Dienste bleiben. Apple und Google setzen drauf, unter anderem für die Hausautomatisierung. Zudem verflechten sie ihre eigenen Dienste wie Email, Unterhaltung oder Speicher immer stärker mit ihren mobilen Betriebssystemen. Genau wie früher Microsoft die beherrschende Stellung von Windows einsetzte, um seine Angebote durchzudrücken.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Für seine Flucht in die Ära nach dem Smartphone riskiert Nadella sogar den Betriebsfrieden. Seit der gebürtige Inder im Februar 2014 den Vorsitz beim größten Softwarekonzern der Welt übernahm, hat er rund 26.000 Jobs gestrichen – etwa 20 Prozent der Belegschaft. Trotz der einschneidenden Sparmaßnahmen machte er jedoch 2,5 Milliarden Dollar für den Kauf von Minecraft locker.

Denn das populäre Spiel, dessen Nutzer mit virtuellen Bausteinen kunstvolle dreidimensionale Welten erschaffen, eignet sich hervorragend für Microsoft Hololens. Deshalb habe er es erworben, räumte Nadella jüngst ein. Mit Minecraft hat er die Kinderzimmer dieser Welt und damit die Nutzer von morgen schon mal gewonnen. Jetzt muss der Microsoft-Chef sie nur noch bei der Stange halten und überzeugen, dass die Zukunft nach dem Smartphone tatsächlich seinem Konzern gehört. Falls er nicht wieder die Reißleine zieht und die Vision korrigiert.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%