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Mobile Bezahlsysteme Kampf dem Bargeld

Einstöpseln und abkassieren: Startups wie Square und iZettle wollen das Bezahlsystem umkrempeln. Sie vermarkten Adapter, die das Smartphone zur Kasse für EC- und Kreditkarten machen. Die Finanzriesen mischen mit.

Der Tablet-Computer als Kasse: Bezahldienstleister wie SumUp wollen eine Alternative zum Bargeld bieten. Quelle: SumUp

DüsseldorfAndreas Barthelmess hat einen beharrlichen Gegner: die Gewohnheit. Ob im Taxi, beim Pizza-Lieferanten oder auf dem Wochenmarkt – die Menschen in Deutschland zahlen kleine Summen am liebsten bar. Das will der Manager mit der Firma iZettle ändern. Sie hat ein Aufsteck-Lesegerät entwickelt, die das Smartphone zum Kartenleser macht. Damit können auch kleine Händler oder Dienstleister Kartenzahlungen annehmen. Immer und überall, so lange ein Handymast in der Nähe ist.

Die Gewohnheiten der Deutschen will nicht nur iZettle verändern: Ein halbes Dutzend Startups hat ähnliche Systeme entwickelt, die Kartenzahlungen auch in Bargeld-Bastionen wie Frisörsalons, Modeboutiquen und Taxis ermöglichen sollen. Die Margen sind rasiermesserscharf, doch die Zahlungsabwicklung ist ein Milliardengeschäft – und sie könnte SumUp, Payleven, Streetpay & Co helfen, lukrative Finanzdienstleistungen zu vermarkten. Die Bankenbranche mischt vorsichtshalber mit.

Die Systeme arbeiten alle nach demselben Prinzip, das der amerikanischer Vorreiter Square erfunden hat. Es funktioniert so: Kleine Einsteck-Module rüsten das Smartphone oder den Tablet-Computer des Händlers oder Dienstleisters zur Kasse auf. Das Zusatzgerät liest die Daten von Kredit- oder EC-Karte aus, eine App verarbeitet sie und wickelt die Zahlung ab. Square, iZettle und Co sollen also nicht das Portemonnaie ersetzen: „Wir ermöglichen jedem, Kartenzahlungen anzunehmen – auch in Bereichen, wo das vorher nicht ging“, sagt Barthelmess, der das Deutschlandgeschäft von iZettle lenkt.

Die Innovation liegt im Geschäftsmodell. Auf lange Verträge und monatliche Gebühren, wie sie bei Kartenterminals sonst üblich sind, verzichten die Anbieter. Sie kassieren stattdessen für jeden einzelnen Verkauf eine Provision. Bei iZettle, SumUp und Payleven werden beispielsweise 2,75 Prozent des Umsatzes fällig. Das ist zwar für EC-Karten viel, nicht aber für Kreditkarten. Zudem gehen die Händler keine langfristigen Verpflichtungen ein.

Marktforscher sehen in dem Geschäftsmodell gewaltiges Potenzial. In Europa wickeln Händler ohne Kartensysteme einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar ab, wie die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, weltweit sogar 500 Milliarden Dollar. Selbst wenn nur ein Teil davon über mobile Bezahlsysteme abgewickelt wird, sind hohe Gewinne drin. Mindestens genauso wichtig: Wer über das Kartenlesegerät mit dem Händler in Kontakt kommt, kann ihm auch andere Dienstleistungen anbieten.

Doch um die Gewohnheiten der Kunden zu verändern, müssen Square, iZettle & Co die Wirtschaft gewinnen. Je mehr Händler Karten akzeptieren, desto häufiger zahlen die Käufer auch mit Plastikgeld.


Das Potenzial ist gewaltig

Vorreiter sind die USA: Der Pionier Square von Twitter-Gründer Jack Dorsey ging dort 2009 an den Start, mittlerweile nutzen drei Millionen Händler den Aufsteck-Adapter, darunter die Kaffeekette Starbucks. Jährlich wickelt das Unternehmen Zahlungen im Wert von 15 Milliarden Dollar ab.

In Europa, speziell bei den Kartenmuffeln in Deutschland, ist indes noch Überzeugungsarbeit nötig: „Der Markt ist noch am Anfang“, sagt der Unternehmensberater Thomas Lerner, der sich auf mobile Bezahlsysteme spezialisiert hat. Nach einer Schätzung der Unternehmensberatung First Annapolis Consulting nutzen in Europa derzeit nur 150.000 Gewerbetreibende das Smartphone oder Tablet als Kasse. Bis 2017 soll die Zahl auf drei Millionen steigen.

Die Bezahlung mit dem Smartphone sicher abzuwickeln, ist nicht trivial. Trotzdem ist Unternehmensberater Lerner überzeugt, dass das allein nicht reicht: „Wer sich auf reine Abrechnungsdienste oder Technologie-Services fokussiert, wird scheitern.“ Die Unternehmen müssten den Händlern einen Mehrwert bieten, den sie auch extra abrechnen könnten.

Als Vorbild sieht Lerner das US-Unternehmen Square: Es leiht beispielsweise Händlern Geld, die von der Bank keinen Kredit bekommen, und bietet gegen eine Zusatzgebühr von 3,5 Prozent sichere Zahlungen an. Seit kurzem macht es auch in E-Commerce und bietet mit dem Square Market einen Online-Laden an. „Square macht aus der Zahlungsabwicklung ein Gesamtpaket“, sagt Lerner.

Die deutschen Unternehmen arbeiten ebenfalls an solchen Lösungen. „Wir denken, dass zusätzliche Dienstleistungen jenseits von Bezahlungsabwicklung eine entscheidende Rolle bei der Zukunft von Mobile Payment spielen werden“, sagt Konstantin Wolff, Gründer und Geschäftsführer von Payleven. In kleinen und mittelständischen Unternehmen müsse der Geschäftsführer eine Vielzahl an Aufgaben erledigen, vom Verkauf übers Marketing bis zur Buchhaltung. „Alle diese Punkte sind theoretisch Ansätze für Zusatzdienste.“ Payleven bietet beispielsweise Nutzerkonten für Unternehmen mit mehreren Mitarbeiter an. Weitere Features seien in Arbeit.

Auch iZettle arbeitet an neuen Angeboten. Ob der Bezahlvorgang mit einem Kartenleser in einigen Jahren noch der Kern des Geschäfts sei, wisse man heute noch nicht, sagt Barthelmess. „Die Vision ist eine Lösung, mit der ein Kleinunternehmer alles machen kann“: Bonusprogramm, Buchhaltung, Verwaltung der Kundenbeziehungen, Verkaufsstatistiken.

SumUp hat gar ein komplettes Kassensystem entwickelt – auf Basis eines iPads. Für monatlich 69 Euro Miete gibt es ein Tablet mit Stand, Geldschublade, Kassenbon-Drucker und WLAN-Router. Das Paket sei speziell auf die Bedürfnisse kleiner Geschäfte zugeschnitten. „Das Einrichten und Nutzen eines traditionellen Kassensystems mit integrierter Kartenzahlfunktion kann Händler mehrere tausend Euro kosten und ist meistens eine sehr komplexe Angelegenheit“, sagt SumUp-Geschäftsführer Stefan Jeschonnek.

Die Größen der Finanzbranche schauen sich die Aktivitäten nicht unbeteiligt an: Der Kreditkarten-Riese Visa ist an Square beteiligt, bei iZettle sind Mastercard, American Express und die spanische Großbank Banco Santander an Bord, und das spanische Kreditinstitut BBVA unterstützt SumUp. Mit ihrem Kapital helfen sie den Startups, ihr Geschäftsmodell schnell auf andere Länder zu übertragen. Square ist auch in Kanada und Japan aktiv, iZettle in Mexiko, SumUp will nach Russland und Südamerika expandieren. Auch anderswo gilt noch der Grundsatz: „Nur Bares ist Wahres“.

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