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Mobile World Congress Ein schlechtes Omen für die anstehende deutsche Messesaison

Mobile World Congress (MWC) in Barcelona: Der Ansturm der Besucher ist eher gering. Quelle: REUTERS

Der Mobile World Congress in Barcelona ist in diesem Jahr nur ein Schatten seiner selbst. Die Mobilfunkmesse könnte ein Vorgeschmack sein, was deutschen Messen wie der IAA, der Dentalshow oder der Eurobike droht.

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Stell Dir vor, es ist Messe, und keiner geht hin. Die aktuell laufende Mobile World Congress MWC21 ist wie das Albtraum-Szenario für die deutsche Messewirtschaft. Deutsche Telekom, Ericsson, Nokia – die meisten der großen Namen, die eigentlich nicht wegzudenken sind aus der der Mobilfunkszene, fehlen dieses Jahr bei der weltgrößten Mobilfunkmesse. „Idealerweise hatte ich auf mehr Aussteller gehofft, mehr Menschen, mehr Kunden und mehr Produktneuheiten“, sagt David Montanya, Senior Produktmanager des Mobilfunkhersteller Xiaomi in London. „Aber ich verstehe, das die Rückkehr zur Normalität in diesen außergewöhnlichen Zeiten länger dauert.“ Letztlich hatte sich auch sein eigenes Unternehmen entschieden, vom Aufbau eines Messestands in Barcelona abzusehen.

Das Fehlen der A-Liste kann ein Vorgeschmack sein auf das, was große deutsche Messen erwartet, die ab Ende Juni ihren Betrieb wieder aufnehmen wollen, wie zum Beispiel die IAA Mobility in München oder die Automechaniker in Frankfurt. Letztere plant genau wie die MWC21 ein hybrides Konzept. Sie dürften jetzt um Besucher bangen.

Statt sonst 100.000 Besuchern sind es in diesem Jahr nicht mal 30000. Statt wie sonst 15 Hallen füllen die Aussteller in diesem Jahr nicht einmal drei aus. Auch die Verschiebung vom Winter in den Sommer hat eine Konsequenz, die die Messe deutlich weniger aufregend für Fachbesucher macht. Die Produktneuheiten fehlen – denn die werden in jedem Jahr eher im Januar und Februar bekannt gegeben. Kein Hersteller verschob seinen Launch wegen der Messe. Entsprechend blieb auch der Pulk von sonst bis zu 200 allein aus Deutschland anreisenden Journalisten weitgehend zu Hause. Auch die hybride Form funktioniert nicht wie erwartet: Viele Unternehmen meiden die Messe ganz und laden die Journalisten auf ihren Verteilern direkt zu ihren Video-Konferenzen ein. Wer in Barcelona angereist ist, schaut in die Röhre, weil hier solche Events nicht übertragen werden.

Die großen Namen hatten abgesagt, kleinere Unternehmen sind häufiger vertreten beim Mobile World Congress in Barcelona 2021. Quelle: REUTERS

Der Mobile World Congress ist der internationale Auftakt in eine verspätete Messesaison. In Deutschland wollen nach einem Stillstand von acht Monaten ab Ende Juni noch 160 Messen in diesem Jahr an den Start gehen. Mehr als 60 davon haben internationale Bedeutung. Geplant waren eigentlich mehr als 380. Den Anfang machen regionale Messen wie die Publikumsmesse IBO in Friedrichshafen, die Nordstil Messe für Geschenkartikel und Dekor in Hamburg und das südliche Pendant Trendset in München. Kurz drauf folgen internationale Messen wie die Münchener Autoschau IAA Mobility, die Kölner Dentalshow, die Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen und die Frankfurter Automechaniker für Werkstätten und Ersatzteile. Für letztere mag die MWC mit ihrem Mangel an bedeutenden Ausstellern und Besuchern wegweisend sein.

„Die Austellerpräsenz beim MWC in Barcelona ist keinesfalls eine Blaupause für deutsche Messen“, sagt Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Auma – Verband der deutschen Messewirtschaft. „Es ist sehr wichtig für die Wirtschaft, dass Messen jetzt wieder stattfinden können. Grundsätzlich gilt zwar, dass die Messen 2021 ich nicht wieder die früheren Zahlen internationaler Teilnehmer erreichen werden, aber jede Messer ist separat zu betrachten.“



Ob eine Messe auch im Corona-Zeitalter erfolgreich sein kann, hängt weniger davon ab, ob es sich um regionale oder um eine globale Veranstaltung handelt. Wichtiger sind kurze, unbürokratische Entscheidungswege bei Ausstellern. Bei einem Mittelständischen Ladenbesitzer sieht die Entscheidungsfindung ganz anders aus als bei einem Großkonzern – er kommt gern auf die Messe, weil sie im Vergleich zu seinem Alltag im Geschäft kein erhöhtes Ansteckungsrisiko bedeutet.
Die großen Namen fehlen in Barcelona spürbar: Die Deutsche Telekom ist ebenso wenig präsent wie die Ausstatter Ericsson und Nokia. Auch Google, IBM, Cisco, Intel, Samsung und Lenovo sind nicht da. Gerade US-Unternehmen müssen neben der Sicherheit ihrer Mitarbeiter auch potentielle Schadensersatzklagen im Auge haben.

Die Risiken einer Ansteckung in großen Messehallen bei ausreichend Abstand gelten eigentlich als begrenzt: „Im vergangenen Herbst wurde bewiesen, dass eine Messe ohne Gefahr von Ansteckungen mit dem Coronavirus ausgerichtet werden kann“, sagt Holtmeier.Dennoch brachten Sicherheitsbedenken viele Großkonzerne dazu, im Zweifel konservativ zu entscheiden und bei ihren zu Beginn der Pandemie verhängten Sperren für internationale Reisen zu bleiben, obwohl die Inzidenzen derzeit niedrig sind. Nur in Notfällen dürfen noch Monteure fliegen, wenn eine Maschine ausfällt, nicht aber das Sales-Team.

Ob eine Messe aktuell erfolgreich sein kann, hängt somit wohl in erster Linie davon ab, ob die Leute, die an ihr teilnehmen würden, selbst über ihren Besuch entscheiden dürfen.

Entsprechend dieser Logik hat es bei der IAA Mobility für 2021 schon einige Absagen gehagelt, während die Caravan im Herbst 2020 ein voller Erfolg mit 100.000 Besuchern war. Das liegt an der Branche selbst, die von vielen kleineren Herstellern geprägt ist statt von Großkonzernen. Die Automechanika in Frankfurt dagegen ist zuversichtlich, mit ihrer Messe für Begeisterung zu sorgen: „Mehr als dreiviertel aller Unternehmen, die in diesem Jahr teilnehmen möchten, wollen ihre Kunden endlich wieder persönlich auf dem Messegelände treffen.“, sagt Olaf Mußhoff, Chef der Automechanika. Auch er erwartet „eine sehr viel kompaktere Form“ seiner Messe. Er nennt das „Digital Plus“. Dabei wird das Live-Angebot online ergänzt mit Live-Chats, 1:1-Videocalls und digitalem Matchmaking.

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„Für mich ist das zentrale Thema der MWC21 dieses Jahr nicht die Technologie, sondern Covid“, sagt Canalis-Analyst Benjamin Stanton. „Das muss nicht schlecht sein: Die besten Aussteller hier sind diejenigen, deren Technologien wie 5G oder Internet of Things unsere durch die Pandemie entstandenen Probleme lösen können.“

Mehr zum Thema: Was in der Welt der Smartphones Standard ist, kommt nun auch in die Industrie: Mit Control X hat Bosch Rexroth eine Plattform etabliert, die Software für die Steuerung von Industrieanlagen bündelt und eine utopische Industriewelt möglich macht.

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