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Mobile Zahlsysteme Telefonkonzerne greifen Kreditbranche an

Für Telefonkonzerne ist es ein lukratives Geschäftsfeld: Kunden können dann mit dem Smartphone im Einzelhandel zahlen. Die Finanzdienstleister fühlen sich bedroht - sie basteln bereits an einem Gegenschlag.

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Neue Bezahlstrategien, die von Anbietern wie PayPall und Google angeboten werden. Quelle: dpa

Frankfurt Die Ankündigung des O2-Mobilfunkbetreibers Telefónica dürfte in den Chefetagen von Mastercard und Visa für blankes Entsetzen sorgen. "Ich gehe davon aus", sagt Sparten-Geschäftsführer Michiel van Eldik, "dass Kunden bereits im nächsten Jahr ihre Kreditkarte zu Hause lassen". Stattdessen, glaubt der Holländer, werden sie dann ihre Rechnungen per Handy bezahlen.

Spätestens bis Jahresende, versichert van Eldik, werden die ersten deutschen Einzelhändler die notwendigen Geräte aufgestellt haben. Die Namen möglicher Partner sind noch geheim, man sei aber mit vielen Händlern im Gespräch. "Unser Bezahlsystem stößt im Handel auf großes Interesse", heißt es bei O2.

Den Kreditkartenfirmen will O2 die Kunden mit dem Bezahlsystem "Mpass" abspenstig machen, das seit 2010 mit Deutscher Telekom und Vodafone entwickelt wurde und nun als eigenständige Firma vor der Ausgründung steht. Handynutzer sollen damit künftig an der Ladentheke kontaktlos Rechnungen begleichen, indem sie ihr Gerät in die Nähe eines Kartenlesers halten.

Für den Datenaustausch zwischen Kasse und Kundenkonto sorgt die Kurzstrecken-Funktechnologie "Near Field Communication" (NFC), die Zahlung erfolgt über Lastschriftverfahren. Um die Sicherheit zu maximieren, entwickelte die Münchener Sicherheitsfirma Giesecke & Devrient (G&D) eine neue Generation von SIM-Karten. Notfalls reicht ein kleiner Zusatzaufkleber auf dem Handy.

Die Kartenfirmen sind allerdings nicht bereit, sich tatenlos die Butter vom Brot nehmen zu lassen. "Für uns ist das kontaktlose Bezahlen ein Teil der Wachstumsstrategie", zeigt sich Mastercard-Deutschland-Chef Christian Stolz kämpferisch.

Gestern kündigte Mastercard an, ab Spätsommer selbst mit einem Bezahl-Handy auf den deutschen Markt zu kommen, mit dem Beträge unter 25 Euro kontaktlos und ohne PIN von der Kreditkarte abgebucht werden können. Als Kooperationspartner sind E-Plus und die Targobank vorgesehen.

Im Abwehrkampf wähnt sich der Kreditkartenriese vorn. Immerhin, sagt Stolz, gebe es derzeit nicht nur weltweit 100 Millionen Paypass-fähige Karten, sondern auch über 400 000 Kontaktlos-Terminals im Einzelhandel - mit zunehmendem Anteil auch in Deutschland.


Ebay-Tochter Paypal macht sich Hoffnungen

Das Geschäft mit dem kontaktlosen Bezahlen verspricht weltweit enorme Wachstumsraten. Allein im vergangenen Jahr ging es mit den Buchungssummen um 62 Prozent nach oben, wie die Marktforschungsfirma Gartner ermittelte. Schon in diesem Jahr sollen es weltweit 171 Milliarden Dollar werden - fast halb so viel, wie im deutschen Einzelhandel umgesetzt wird. "Mehr als 50 Millionen Verbraucher werden in diesem Jahr zusätzlich ihr Smartphone zum Bezahlen nutzen", sagen Gartners Analysten voraus. 2016 stehe der endgültige Durchbruch bevor.

Längst wildern daher auch die großen Internetfirmen im Revier der Finanzdienstleister. So zählte die Ebay-Tochter Paypal vergangenes Jahr 23 Millionen Kunden, die mit dem Smartphone ihren Einkauf beglichen - freilich fast nur im Onlinehandel. Sieben Milliarden Dollar, schätzt Ebay, könnten 2012 über den hauseigenen Bezahldienst laufen, nach vier Milliarden im vergangenen Jahr. Für Paypal-Kunden ist der Vorgang denkbar einfach: Nur Kaufsumme und E-Mail-Adresse samt PIN ins iPhone tippen - das genügt.

Jetzt soll sich der Erfolg an den Ladentheken wiederholen. In einem Apple-Shop an Berlins Friedrichstraße startete dazu neulich ein aufsehenerregender Testlauf: Dort reichte es, die Barcodes mit dem Smartphone zu fotografieren, den Rest erledigte das Bezahlprogramm von selbst. 1,9 Prozent vom Umsatz zahlen Geldempfänger dafür an die Ebay-Tochter - plus 35 Cent pro Buchung.

Gleichzeitig drängt der Suchmaschinen-Gigant Google in den Markt - bislang allerdings nur in den amerikanischen. Dort bietet er mit Mastercard, der Citibank und dem hauseigenen Handyhersteller Motorola sein "Google Wallet" an, ein Mobiltelefon, mit dem per NFC-Technik ebenfalls kontaktlos bezahlt werden kann.

Aus Sicht von Experten ist das Rennen um den Standard bei mobilen Zahlungsmitteln offen. "Was fehlt, ist ein dominanter Einzelhändler, der eines der Systeme nach vorne treibt", sagt Thomas Sontheimer, Executive Partner der Unternehmensberatung Accenture. Dabei böte das mobile Bezahlen für den Handel durchaus Zusatznutzen - etwa in Form von Kundenbindungsprogrammen.

Das mangelnde Interesse der Ladenbesitzer nutzen die Banken derzeit aus, um rasch noch ein eigenes System zu etablieren. Ab August sollen die Chips auf der Giro-("EC-")Karte ebenfalls für kontaktlose Bezahlvorgänge ausgerüstet werden. Tests mit Douglas und Esso laufen bereits rund um Hannover. "Wir besitzen in Deutschland ein bewährtes und günstiges Girocard-Verfahren", lobt Commerzbank-Zahlungsexperte Torsten Daenert die Strategie der Kreditwirtschaft.

Dass eine Abbuchung von 20 Euro den Händler nur drei Cent Gebühren kostet, könnte der EC-Karte tatsächlich zur Marktführerschaft verhelfen. "Weitere Fortschritte beim mobilen Bezahlen", weiß Daenert, "hängen von Händlerakzeptanz und Kundenverhalten ab."

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