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Münchener Sicherheitskonferenz Wettrüsten gegen die Kriminalität im Netz

Meldungen über Hackerattacken gehören zum Alltag. Der Schaden ist immens. Experten der Münchener Sicherheitskonferenz suchen nun mit Vertretern von Politik und Wirtschaft nach Abwehrstrategien gegen Cyber-Angriffe.

Der Schaden durch Netzkriminalität ist gewaltig. Quelle: dpa

Frankfurt/DüsseldorfAnfang dieser Woche erwischte es eine der größten Internetfirmen in den USA: Hacker attackierten die Server von GoDaddy. Tausende Internetseiten in den USA waren über Stunden nicht erreichbar. Ein Debakel für GoDaddy, mit mehr als 45 Millionen Kunden einer der weltweit größten Dienstleister für Webseiten.

Fast im wöchentlichen Rhythmus machen Nachrichten über Angriffe von Hackern die Runde. Vor zwei Wochen klaute ein Unbekannter eine Million Geräte-Nummern von Apple iPhones und iPads von Servern des App-Herstellers Blue Toad. Mit den Daten könnten Nutzer identifiziert werden. Zuvor hatte ein eingeschleuster Computervirus das Kommunikationsnetz des größten Rohölexporteurs Saudi Aramco blockiert.

Die Netzkriminalität, auch Cyberwar genannt, gehört längst zum digitalen Alltag. Der Schaden ist gewaltig. Alleine Privatpersonen haben laut einer aktuellen Studie der Sicherheitsfirma Symantec in den vergangenen zwölf Monaten weltweit rund 110 Milliarden US-Dollar verloren. Hinzu kommen Ausfälle bei Unternehmen. Auf eine Billion Dollar schätzt EU-Kommissarin Neelie Kroes den weltweiten Schaden jährlich.

Eine Summe, die alarmiert, auch die Experten der Münchener Sicherheitskonferenz. Eigentlich befassen sie sich mit internationalen Konflikten wie dem Afghanistan-Krieg. Doch der Krieg im Netz beschäftigt die Fachleute mittlerweile so sehr, dass sie heute zusammen mit der Deutschen Telekom zum ersten "Cyber Security Summit" nach Bonn laden.

Rund 50 Topmanager werden sich mit Politikern und Behördenvertretern über die mögliche Abwehr von Attacken aus dem Internet auszutauschen - hinter verschlossenen Türen. "Längst geht es nicht mehr nur um Hacker, die aus Idealismus heraus Sicherheitslücken veröffentlichen", sagte Telekom-Vorstand und T-Systems Chef Reinhard Clemens dem Handelsblatt. "Wirtschaftssaboteure und -spione bestellen heute maßgeschneiderte Schadsoftware im Internet. Hier hat sich eine hochprofessionelle Industrie entwickelt mit enormem Schadenspotenzial."

Die Münchener Sicherheitskonferenz verfolgt das Thema Cyberkriminalität schon seit zwei Jahren. Zuletzt wurde auf der Tagung im Februar darüber gesprochen. Da entstand auch der Gedanke, die Unternehmen stärker einzubeziehen. Denn ohne sie gehe es nun mal nicht, heißt es bei dem Veranstalter. Dass die Telekom mit ins Boot gesprungen ist, hat seinen Grund. Der Konzern wirbt für seine IT-Dienste wie die Cloud auch mit dem Argument hoher Sicherheitsstandards. "Cybersicherheit lässt sich nicht als rein technologische Herausforderung einzelner Unternehmen isolieren, sondern braucht eine vernetzte Abwehr", sagt Telekom-Chef René Obermann.


Vernetzte Abwehr nötig

Tatsächlich sind es gerade die Netze, die Sorge bereiten und geschützt werden müssen. Es geht um wichtige Infrastrukturen, etwa für Energie-, Wasser- oder eben den täglichen Geldfluss. Wie real die Gefahr ist, zeigt ein Vorfall im Jahr 2007. Damals wurde die größte Bank Estlands lahmgelegt und damit große Teile des dortigen Bankensystems.

Das Problem: Viele Firmen scheuen sich, Mängel im Sicherheitssystem einzuräumen. Für Bruce Schneier wird es daher höchste Zeit, dass sich die Wirtschaft intensiver mit dem Thema beschäftigt. "Die Hacker haben deshalb leichtes Spiel, weil sich die Unternehmen zu wenig um die Sicherung ihrer Daten kümmern", sagte der frühere Berater der US-Regierung und heutige Sicherheitschef des britischen Telekomanbieters BT dem Handelsblatt. Cyberattacken könne man zwar nie ganz ausschließen, es gebe aber inzwischen genügend Gegenmaßnahmen. "Den meisten Firmen sind die aber zu aufwendig und zu teuer", kritisiert Schneier.

So rechnet der Buchautor vorerst auch nicht mit einem Abflauen der Attacken. "Die Hacker operieren immer internationaler und kommen aus Asien, aus Russland oder dem Süden Afrikas. Jemand von den Philippinen wird nicht extra nach Deutschland fliegen, um dort in ein Haus einzubrechen. Aber über das Internet Firmendaten zu stehlen, ist auch von den Philippinen aus leicht möglich."

Auch für die Telekom als Mitveranstalter geht es beim Gipfel um viel mehr als nur Marketing für das Thema Sicherheit. Der Bonner Konzern ist einer der größten Netzbetreiber in Europa und bietet über die Tochter T-Systems IT-Dienstleistungen wie die Cloud an, bei der Daten und Programme über das Netz von entfernten Rechenzentren abgerufen und genutzt werden können. Zudem expandiert das Unternehmen in neuen Geschäftsfeldern wie das vernetzte Heim oder intelligenten Netzen für die Stromversorgung.

Damit ist die Telekom selbst ein Ziel für Hacker, das Thema Abwehr elementar. Komplette Ausfälle oder gar der Diebstahl sensibler Daten durch eingeschleuste Computerviren kämen Obermann höchst ungelegen. Schon heute spürt die Telekom die Gefahr. Zwischen einigen Tausend und einigen Hunderttausend Angriffen sei der Konzern ausgesetzt, sagte Obermann kürzlich - "jeden Tag".

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