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Neue SAP-Chefs Ein Wechsel zur Unzeit

Nach dem Rücktritt von Bill McDermott muss das neue SAP-Führungsduo vor allem unzufriedene Kunden überzeugen. Quelle: dpa

Vordergründig hinterlässt der langjährige SAP-Vorstandschef Bill McDermott ein gut bestelltes Haus. Doch die neuen Co-Chefs Jennifer Morgan und Christian Klein müssen dringend verloren gegangenes Vertrauen bei den unzufriedenen Stammkunden zurückgewinnen.

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Dieses Chaos hat Methode: Vorstandswechsel kommen bei SAP traditionell aus heiterem Himmel und über Nacht. Nach schlechten Finanzzahlen und einer mies ausgefallenen Mitarbeiterbefragung musste etwa im Februar 2010 der glücklose Vorstandschef Léo Apotheker an einem Sonntagabend seinen Hut nehmen. Aufsichtsratsboss Hasso Plattner installierte damals eine Doppelspitze mit dem Dänen Jim Hagemann Snabe und dem Amerikaner Bill McDermott.

Letzterer führte den Konzern seit Mitte 2014 als alleiniger Konzernchef – bis gestern. In der Nacht vom Donnerstag verkündet der Softwarekonzern aus Walldorf den Rücktritt von McDermott. „Ich habe mit Hasso offen besprochen, dass es unwahrscheinlich sei, dass ich meinen Vertrag als CEO im kommenden Jahr noch einmal verlängere“, schreibt der 58-jährige McDermott in einer internen E-Mail an die SAP-Beschäftigten, die der WirtschaftsWoche vorliegt. Statt abzuwarten, hätten sich Plattner und er darauf verständigt, den Wechsel vorzuziehen – „aus einer Position der besonderen Stärke“, so McDermott, in der sich der Konzern befände.

SAP kehrt zurück zu einer Doppelspitze, bereits zum dritten Mal in seiner 47-jährigen Geschichte: Ab sofort führen der bisherige Chief Operation Officer Christian Klein, 39, und die für Strategie und den Cloud-Vertrieb zuständige Managerin Jennifer Morgan, 48, den Konzern als Co-Vorstandssprecher. In Übergangszeiten wie der jetzigen hat sich die Verteilung der Verantwortung auf zwei Schultern bei den Walldorfern bewährt: Vor Snabe und McDermott hat Urgestein Plattner den Konzern selbst gemeinsam mit Henning Kagermann geleitet und damit seinen eigenen Abgang im Mai 2003 eingeleitet – ab dann führte Kagermann den Konzern allein, als erster Nichtgründer an der SAP-Spitze.

Der überraschende Schritt trifft ein vordergründig gut bestelltes Haus: Das Geschäft mit Unternehmenssoftware brummt, insbesondere das zukunftsträchtige Mietgeschäft in der Cloud kann immer stärker zulegen, wie die parallel veröffentlichen Zahlen des dritten Quartals zeigen. Demnach steigerte SAP seinen Quartalsumsatz zwischen Juli und September im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro, beim Gewinn verzeichnete der Konzern ein Plus von 30 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro.

Auch McDermott-Ziehvater und SAP-Mitgründer Plattner findet nur positive Worte für die Arbeit des scheidenden Vorstandschefs: „Ich bin überzeugt: Ohne Bill stünde die SAP heute nicht dort, wo sie ist“, schreibt der Aufsichtsratsboss in einer weiteren, der WirtschaftsWoche vorliegenden internen E-Mail. „Er war es, der frühzeitig die fundamentale Bedeutung von Cloud Computing für die gesamte Branche erkannt und maßgeblich den hierfür erforderlichen kulturellen Wandel innerhalb der SAP vorangetrieben hat.“

Bei Lichte betrachtet kommt der Rücktritt jedoch zur Unzeit, allein schon wegen der herausragenden Bedeutung des vierten Quartals für das SAP-Tagesgeschäft, so erwirtschaften die Walldorfer zwischen Oktober und Dezember eines jeden Jahres rund 40 Prozent ihres gesamten Konzerngewinns. Immerhin: „Bill hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, bis zum Jahresende im Vorstand zu bleiben und so einen reibungslosen Übergang im für SAP so wichtigen vierten Quartal sicherzustellen“, schreibt Plattner an die Beschäftigten.

Doch auch die langfristigen Aussichten für SAP sind nicht so ungetrübt, wie es Plattner glauben machen will: McDermott habe das SAP-Portfolio durch Zukäufe kontinuierlich erweitert und den Konzern dadurch mehr denn je als unumschränkten Marktführer im Bereich Unternehmenssoftware positioniert. „Von dieser strategischen Weichenstellung wird SAP noch viele Jahre profitieren“, so Plattner.

Genau das ist aber fraglich, denn an der Kundenfront ist aktuell ein Sturmtief aufgezogen. Vor allem die treuen Stammkunden von SAP sind unzufrieden und hadern mit der Produktstrategie des Konzerns. Viele beschleicht das Gefühl, die Walldorfer kümmerten sich nur noch um die modernen Cloud-Produkte, aber vernachlässigten ihre Kernprogramme. Erste Stammkunden haben sich bereits abgewendet und suchen Alternativen, wie die WirtschaftsWoche kürzlich nachgewiesen hat.

Die wichtigste Aufgabe der neuen Chefs Jennifer Morgan und Christian Klein wird nun darin bestehen, das teilweise verloren gegangene Vertrauen der SAP-Anwender zurückzugewinnen. Das, so beteuern beide in einer gemeinsamen internen E-Mail, sähen sie auch als ihre vordringlichste Aufgabe: „Wir konzentrieren uns weiter voll auf unsere Strategie und unsere Kunden.“ Sie dürften damit vom ersten Tag an gut beschäftigt sein.

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