Neuer e-Reader Tolino Telekom fordert Amazon heraus

Mit einem gemeinsamen digitalen Lesegerät versuchen führende Buchhandelsketten, Amazon Paroli zu bieten. Für die Telekom als ihrem Technikpartner bietet sich die Chance, ihre Cloud-Services populär zu machen. Clever ausgeheckt.

Anita Offel-Grohmann (Geschäftsleitung Programm Club Bertelsmann, l-r), Michael Busch (Vorsitzender der Geschäftsführung Thalia Holding GmbH), Nina Hugendubel (Geschäftsführende Gesellschafterin Buchhandlung H. Hugendubel GmbH & Co. KG), Carel Haff (Vorsitzender der Geschäftsführung Verlagsgruppe Weltbild GmbH) und Thomas Kiessling (Chief Product & Innovation Officer Deutsche Telekom AG) posieren mit dem eReader Tolino. Quelle: dpa

Lange haben sie es unter dem Tisch halten können,  Freitagvormittag gingen die Partner dann an die Öffentlichkeit: Die Buchhändler Thalia, Hugendubel / Weltbild und der Club Bertelsmann verbünden sich mit der Deutschen Telekom, um unter der gemeinsamen Marke Tolino ein digitales Lesegerät auf den Markt zu bringen. Mit der grauen Flunder, die angeblich leichter ist als ein Taschenbuch und Platz bietet für 2000 Bücher, aber auch mit anderen elektronischen Readern können Leser unter 300.000 deutschsprachigen Titeln wählen, die die Literaturverkäufer gemeinsam auf die Waage bringen; im Markt gibt es derzeit kein größeres Angebot.

Die Strategie verspricht Vorteile für alle Beteiligten. Nehmen wir die Buchhändler. Schon seit einigen Jahren versuchen sie, jeweils eigene digitale Lesegeräte zu etablieren. Das lief so mittelprächtig vor sich hin und eher nach dem Modell der Kleinstaaterei. Richtig ab ging keines der Geräte. Ein Gegengewicht zu den Angeboten der Technikriesen wie Sony oder vor allem Apples iPad zu schaffen, gelang den Buchhändlern so nicht. Und ein echtes Pendant zu Amazons Kindle war auch nicht in Sicht. Folgte die Einsicht, alleine nicht wirklich weiterzukommen. Denn im Vergleich zum globalen Milliardenkonzern Amazon sind die deutschen Buchhandelsgrößen Weltbild/Hugendubel und Thalia Zwerge.

Preiswerte E-Reader auf dem Vormarsch
TolinoNina Hugendubel (Geschäftsführende Gesellschafterin Buchhandlung H. Hugendubel GmbH & Co. KG) posiert mit dem eReader tolino. Die führenden deutschen Buchhändler Thalia, Weltbild, Hugendubel sowie Club Bertelsmann bündeln künftig ihre Kompetenzen im Hinblick auf das digitale Lesen. Die Partner setzen dabei auf die neue Marke tolino. Das neue Gerät verfügt über einen sechs Zoll großen Bildschirm und wiegt 183 Gramm. Der Akku läuft angeblich bis zu sieben Wochen. Die integrierte Beleuchtung ist stufenlos regelbar. Der eReader ist mit einem Zwei- und einem Vier-Gigabyte-Speicher erhältlich. Der Cloud-Speicher verfügt über 25 GB, wobei Einzeldateien in einer Größe von 500 MB geladen werden können. Das gerät läuft mit dem Google-Betriebssystem Android. Quelle: dpa
Drei Frauen lesen auf dem E-Reader 'txtr Quelle: Presse
Amazon gehört bei den elektronischen Lesegeräten zu den Vorreitern. Der US-Konzern bietet in Deutschland mittlerweile eine ganze Palette an. Die billigste Version ist ein Kindle für 80 Euro. Das Gerät ist sechs Zoll groß und greift per WLAN auf die Amazon-Website zu. Doch der US-Riese hat noch mehr im Angebot. Quelle: dpa
Kindle Fire Quelle: REUTERS
Die Buchhandelskette Thalia bietet das Cybook Odyssey vom französischen Hersteller Bookeen für 120 Euro an. Das Gerät hat einen Touchscreen und einen WLAN-Anschluss, über den Nutzer direkt zum vorinstallierten Online-Shop des Unternehmens gelangen. Weitere Geräte sollen zum Weihnachtsgeschäft herauskommen. Quelle: Presse
eBook Reader 4 Quelle: Presse
Auch Sony vertreibt in Deutschland Lesegeräte - etwa dieses Modell mit WLAN. Quelle: Presse

Also bündeln sie jetzt die Kräfte und setzen auf ein gemeinsames Gerät unter einer gemeinsamen Marke. Der Vorteil für die Buchläden: Die Deutsche Telekom kümmert sich komplett um die Technik – um Reader und Software, um Speicherplätze und Service. Gleichzeitig bringen die Partner viel Marketinggeld mit, das sie nun in den Aufbau der Marke Tolino stecken können. Der mit reichlich Geigen unterlegte TV-Spot, bei dem ein zuckersüßes Kinderstimmchen zu Beginn fragt: „Wäre es nicht schön, wenn Bücher fliegen könnten?“ setzt da schon mal die Duftmarke.

Auffallend auch, wie sehr sich alle Beteiligten bei der Vorstellung des Tolino ins Zeug warfen, um die guten Beziehungen zu den deutschen Verlagen zu betonen. Amazon, so der wenig subtile Subtext, macht sich gerade mit seinen Geschäftskonditionen schwer unbeliebt bei den Buchhäusern. Erste, kleinere Verlage haben angekündigt, nicht mehr mit dem US-Riesen arbeiten zu wollen. Nun kommen die Telekom, Thalia und Co. und bieten sich an zum nationalen Schulterschluss. Eine Strategie, die aufgehen könnte.

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