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Neues Online-Netzwerk Was hinter dem Hype um die Audio-App Clubhouse steckt

In den virtuellen Räumen können die User einem Audio-Chat anderer Clubhause-Anwender zuhören oder sich aktiv an dem Gespräch beteiligen. Quelle: dpa

Audio-Dienste boomen. Nicht nur Podcast-Apps sind in der Coronakrise beliebt. Auch das neue soziale Netzwerk Clubhouse setzt ganz auf Gespräche – und ein fragwürdiges Verständnis von Datenschutz.

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Es ist gerade kaum möglich durch Instagram oder Twitter zu scrollen, ohne auf die neueste, angesagteste Social-Media-App zu stoßen: Clubhouse. In der digitalen Welt gibt es seit dem Wochenende kaum ein anderes Thema.

Nutzen kann die App nur, wer von einem Freund oder einer Freundin eingeladen wird, anders ist eine Registrierung derzeit nicht möglich. Außerdem läuft sie momentan nur auf iPhones, Android-Nutzer werden noch ausgeschlossen. Klingt nach einem ziemlich exklusiven Club.

Genau das zieht momentan offenbar die Nutzer an, sagt der Social-Media-Experte Nico Lumma, der mit dem Next Media Accelerator in junge Medien-Start-ups investiert: „Wenn nun alle über Clubhouse reden, aber zunächst einmal nicht dabei sein dürfen, weckt das selbstverständlich Begehrlichkeiten.“ Das könnten sich nur Unternehmen leisten, die genügend Venture Capital eingesammelt hätten. So wie die Gründer von Clubhouse.

Aber worum geht es beim Hype um Clubhouse? Zeit für einen Selbstversuch: Heute Morgen kam sie, meine persönliche Einladung. Und konfrontierte mich rasch mit dem fragwürdigen Datenschutzkonzept der App: Nach der Registrierung synchronisiert die App alle meine Handykontakte. Fünf davon sind ebenfalls Mitglied in diesem exklusiven Club. Außerdem werde ich dazu aufgefordert, mein Profil mit anderen Plattformen zu verbinden.

Kein Wunder, dass die Datenschutzbeauftragte des Saarlands und Vorsitzende der Datenschutzkonferenz, Monika Grethel, auf Nachfrage der WirtschaftsWoche die App kritisiert: „Dass Nutzer dem Dienst Clubhouse Zugriff auf ihre Kontakte gewähren und ihm somit Kontaktinformationen von Personen zur Verfügung stellen, die selbst nicht Teilnehmer des Dienstes sind, ist grundsätzlich kritisch zu sehen“, sagt Grethel.

Nach der Registrierung geht es in nur wenigen Schritten weiter: Aus einer Vielzahl von Möglichkeiten kann ich meine Interessen auswählen – von Börse, über Politik bis hin zu Veganismus und Covid-19. Außerdem stoße ich sofort auf bekannte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik in Deutschland: Investor Frank Thelen, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, Fernsehmoderator Joko Winterscheidt und viele mehr sind schon Teil dieser Welt. „In den USA waren am Anfang viele namhafte Persönlichkeiten aus dem Silicon Valley in Clubhouse vertreten. Das schuf eine gewisse Aura, denn viele Menschen wollten Teil von Clubhouse werden, um mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen“, erzählt Lumma, er selbst ist seit Mitte Dezember bei Clubhouse. So weit so gut – aber was genau mache ich hier?

Anders als bei Twitter, Instagram und Co. konzentriert sich Clubhouse auf Audioformate. Wie in einer Art Live-Podcast, kann ich mich in verschiedene Räume zuschalten oder selbst ein Gespräch veranstalten. Beiträge schriftlich kommentieren oder „Likes“ vergeben kann ich hingegen nicht.

Eine Art Dashboard zeigt mir laufende Gespräche an – sowohl deutsch- als auch englischsprachige. Ich schalte mich bei einem Gespräch zum Thema E-Commerce-Aktien zu. Am Gespräch beteiligt sind fünf Redner, unter anderem Aboutyou Gründer Tarek Müller. Mehr als 1000 Menschen hören als stille Teilnehmer zu. Hier geht es geht um Börsengänge, die Westwing-Aktie, Amazon, Tesla – und deren Potenzial. Und es ist tatsächlich sehr interessant. Im Hintergrund klirrt Geschirr, es werden Witze gemacht und immer mal wieder Zuhörer und Zuhörerinnen zugeschaltet und deren Fragen beantwortet. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man einem Telefonat lauschen – oder einer Radioshow, nur dass ich mir selber aussuchen kann, was ich hören möchte und sogar mitdiskutieren kann.

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„Das Angebot von Clubhouse passt in diese Zeit, denn Audio boomt, da es eine Alternative zu Video und Text bietet“, erläutert Lumma. Zudem sei es für viele Menschen daheim während des Lockdowns eine willkommene Ablenkung. „Und gerade für die Generation Airpods, die ständig mit Kopfhörern im Ohr herumläuft, ist es ein reizvolles Angebot.“ Ob der Trend langfristig anhalte, hängt nach Ansicht von Lumma auch davon ab, ob die dort erbrachten Leistungen wie das Moderieren von Gesprächsrunden auch monetarisiert werden können.

Vorerst aber ist der Ansturm auch so schon riesig: Bei eBay-Kleinanzeigen wurden am Wochenende Einladungen für bis zu 50 Euro gehandelt. Auch im App-Store lässt sich der Hype ablesen: Am Montag verdrängte die Audio-Anwendung den populären Messengerdienst Telegram in Deutschland von Platz zwei der Liste der am häufigsten heruntergeladenen Gratis-Anwendungen. Auf Platz 1 liegt der Messenger Signal.

Clubhouse startete im April 2020 und löste zunächst in den USA in der Coronakrise einen Boom aus, der an die Anfänge von WhatsApp oder Snapchat erinnert. Der Wagnis-Kapitalgeber Andreessen Horowitz, der auch früh in Silicon-Valley-Stars wie AirBnB, Facebook, Instagram, Lyft und Twitter investiert hatte, steckte im Mai 2020 zwölf Millionen Dollar in Clubhouse. Damit wurde das Start-up mit 100 Millionen Dollar (aktuell 82,78 Mio Euro) bewertet – zu einem Zeitpunkt, als nur 1500 Nutzer die Anwendung aktiv dabei waren. Darunter befanden sich aber schon prominente User wie der Rapper Drake, der Comedian Kevin Hart und die US-Schauspielerin Tiffany Haddish.

Mit Material der dpa.

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