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Neuordnung des Telekommunikationsmarktes Endlich schnelles Internet

Die Fusionswelle in Deutschland ist der Vorbote einer europaweiten Neuordnung des Marktes: Weniger, aber stärkere Anbieter sollen dank höherer Preise Milliarden in superschnelles Internet investieren. Spielt das Kartellamt mit?

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Jens Schulte-Bockum Quelle: Vodafone

Jens Schulte-Bockum gehört zu den Chefs, die gerne auf Statussymbole verzichten. Der neue Deutschland-Chef des britischen Mobilfunkkonzerns Vodafone residiert im 17. Stock des kürzlich fertiggestellten Büroturms im schmucklosen Düsseldorfer Büroviertel Seestern. Der 46-Jährige besitzt kein eigenes Chefbüro. Seine Kommandobrücke besteht aus vier einfachen hellen Holztischen, die spartanisch, ohne persönliche Accessoires, in einem Großraumbüro direkt an der Fensterfront zusammengeschoben wurden.

Diese Firmen mogeln bei den Preisen
Werbung Quelle: dpa
Häufige VerstößeAls Beispiele nennt die Wettbewerbszentrale Handyverträge mit versteckten Kosten oder Werbung für Möbel, die im Preis nur scheinbar reduziert sind. Auch Banken arbeiteten nicht immer transparent. Nachfolgend einige Einzelfälle aus verschiedenen Branchen ... Quelle: dpa
AppleDie Werbung von Apple wurde beanstandet, da damit geworben wurde, dass das iPad der dritten Generation den schnellen Mobilfunkstandard LTE unterstütze. Tatsächlich konnte diese Funktion zum damaligen Zeitpunkt nur in den USA und Kanada genutzt werden, nicht aber in Deutschland. Quelle: dpa
TelekomAuch gegenüber der Telekom Deutschland wurde mit einstweiliger Verfügung des Landgerichts Bonn durchgesetzt, dass in der Werbung für ein iPhone 5 darüber aufgeklärt wird, dass diese mit einer SIM-Lock-Sperre beziehungsweise ein Netlock versehen ist, das Telefon also nur mit einer bestimmten SIM-Karte oder nur im Mobilfunknetz des Anbieters genutzt werden kann. Quelle: dpa
1&1Gegen die 1&1 Internet AG wurde ein Urteil des Landgerichts Koblenz erwirkt, nachdem das Unternehmen eine All-Net-Flat zum Monatspreis von 29,99 Euro neben einem durchgestrichenen Preis von 39,99 Euro und der Aussage „Kostenlos ins deutsche Festnetz und in alle Handy-Netze telefonieren ... Entweder mit eigenem Handy oder das Samsung Galaxy S für 0,- Euro dazu bestellen“ beworben hatte. Allerdings sollte bei Bestellung des Samsung-Handys das Angebot 39,99 Euro, also zehn Euro mehr kosten. Gegen das Urteil hat 1&1 Internet AG Berufung eingelegt. Quelle: dpa
Vodafone D2Die Vodafone D2 GmbH wurde auf Antrag der Wettbewerbszentrale vom Landgericht Düsseldorf verurteilt, nachdem bei einer Werbung für eine Playstation zum Preis von 49,90 Euro nicht ausreichend darüber informiert wurde, dass das Gerät nur in Kombination mit einem Mobilfunkvertrag für weitere monatliche Kosten in Höhe von 19,99 Euro und einer Anschlussgebühr in Höhe von 29,99 Euro erworben werden konnte. Quelle: dpa
Air ChinaGegen die Fluggesellschaften Air China, Emirates Airlines und United Airlines wurden Gerichtsverfahren eingeleitet wegen unzulässiger Preisänderungsklauseln. Preisanpassungsvorbehalte auf Steuern und Gebühren sind nur dann zulässig, wenn zwischen Ticketverkauf und Abflugtermin mehr als vier Monate liegen. Diese Frist hatten die Anbieter in den Beförderungsbedingungen nicht berücksichtigt. Quelle: dapd

Mit aufgeklapptem Laptop sitzen sich hier Schulte-Bockum, sein neuer Finanzvorstand Thomas Nowak und Interims-Kommunikationschef Ralph Driever gegenüber, wenn sie mal nicht in Meetings sind. Intern heißt das Führungstrio „Kommune 18“. Schulte-Bockum hat zwar gar nichts mit den Alt-68ern gemein, die vor fast einem halben Jahrhundert im damaligen West-Berlin die Wohngemeinschaft „Kommune 1“ gegründet hatten, um lockere Formen des Zusammenlebens mit viel Lust und Liebe ohne formale Zwänge und Privatsphäre zu üben. Doch zumindest das Unprätentiöse haben Schulte-Bockum und seine beiden Manager mit den Langhaarigen von einst gemein. Ihr einziges sichtbares Privileg ist der Panoramablick auf den Rhein und über die gesamte nordrhein-westfälische Landeshauptstadt.

Die Zusammenarbeit in der „Kommune 18“ hat in den vergangenen Monaten gleichwohl zu späten, aber umwälzenden Einsichten geführt. Nach drei Jahren des Zauderns und einer fast abgeschlossenen, aber dann doch abgebrochenen Fusionsverhandlung konnte Schulte-Bockum, inzwischen fast elf Monate auf dem Posten, seine britische Konzernmutter zu einem wichtigen Schritt bewegen: nämlich mehr als zehn Milliarden Euro lockerzumachen und den größten hiesigen TV-Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland zu übernehmen.

Ausschlaggebend seien die technischen Verbesserungen im Kabelnetz gegenüber früher gewesen, räumt Schulte-Bockum in seinem ersten Interview nach Abgabe des Übernahmeangebots am 24. Juni gegenüber der WirtschaftsWoche ein. „Mit dem neuen Standard Docsis 3.0 sind Übertragungsgeschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde und mehr möglich. Das funktioniert deutlich robuster und stabiler als vor drei Jahren gedacht.“

Die späte Einsicht hat Vodafone-Chef Vittorio Colao über fünf Milliarden Euro gekostet. Vor knapp drei Jahren, als Schulte-Bockums Vorgänger Friedrich Joussen vor dem Börsengang von Kabel Deutschland unterschriftsreife Übernahmeverträge ausgehandelt hatte, wären die Briten noch mit rund fünf Milliarden Euro für den Kabelanbieter davongekommen. Doch damals waren die mit den technischen Beschleunigungsmöglichkeiten der Kabel-TV-Netze nicht so vertrauten Aufsichtsräte und Aktionäre nicht bereit, solch einem Deal durchzuwinken.

Tauziehen um E-Plus

Der Megadeal ist nur der Vorbote einer tief greifenden Veränderung im Telekommunikationsmarkt. In Europa und vor allem in Deutschland baut sich eine Fusions- und Übernahmewelle auf. Weitere treibende Kräfte neben Vodafone sind der spanische Telekomkonzern Telefónica und der mexikanische Milliardär Carlos Slim, die um die Vorherrschaft beim ebenfalls in Düsseldorf ansässigen Mobilfunker E-Plus kämpfen.

Die Spanier, mit O2 die Nummer vier auf dem deutschen Mobilfunkmarkt, wollen sich für 8,1 Milliarden Euro den etwas stärkeren Billiganbieter E-Plus einverleiben, um eine ähnlich starke Stellung wie die bislang übermächtigen Konkurrenten Deutsche Telekom und Vodafone zu bekommen. Doch genauso wichtig ist E-Plus für die europäische Expansionsstrategie von Slims América Móvil, der die Fusionspläne seines Erzrivalen Telefónica deshalb mit der Übernahme der holländischen E-Plus-Mutter KPN durchkreuzen will.

Wer das Rennen macht, ist völlig offen. Doch für Lutz Schüler, Chef des zweitgrößten Kabelanbieters Unitymedia, ist es durchaus möglich, dass am Ende statt der bisher sechs nur noch vier große Telekomanbieter auf dem deutschen Markt überleben werden: die Deutsche Telekom, die neu formierten Gruppen Vodafone/Kabel Deutschland und Telefónica/E-Plus sowie Unitymedia/Kabel BW als lupenreiner Kabelanbieter.

Fast über Nacht ist Deutschland zum Experimentierfeld für die Telekommunikationskonzerne in Europa geworden. Denn überall plagt die Anbieter das gleiche Problem:

  • Das Datenvolumen im Internet steigt durch übers Web abrufbare Programme (Cloud Computing), soziale Netzwerke, Online-Spiele, Videodienste und Internet-Fernsehen so exorbitant an, dass alle Fest- und Mobilfunknetze an ihre Belastungsgrenze stoßen.
  • Um der Bits und Bytes Herr zu werden, sind Milliardeninvestitionen in neue Glasfaser- und Mobilfunknetze erforderlich. Die amortisieren sich aber nur mit einer höheren Zahl an Kunden sowie zumindest stabilen Preisen aufgrund einer gewissen Marktmacht.

„Kapazitätsengpässe im Datennetz sind keine ferne Utopie, sondern eine immer weiter um sich greifende Realität“, sagt Stefan Heng, der für Telekommunikation zuständige Analyst bei der Deutschen Bank Research. Doch um damit fertig zu werden, reicht die Finanzkraft der zum Teil hoch verschuldeten Ex-Monopolisten wie der Deutschen Telekom oder Telefónica nicht mehr aus. Heftige Preiskämpfe, aber auch die von Regulierungsbehörden verordneten Tarifsenkungen lassen die Einnahmen seit Jahren kontinuierlich sinken. Vor diesem Hintergrund schoben die einstigen Staatskonzerne dringend benötigte, aber äußerst riskante Investitionen in superschnelle Glasfaser- und Mobilfunknetze auf die lange Bank, auch um ihre Bonität und ihr Rating auf den Kapitalmärkten nicht zu gefährden.

Der Investitionsstau ist dadurch mittlerweile so groß, dass Europa im Internet längst den Anschluss gegenüber wichtigen Industrienationen wie Südkorea, Japan oder den USA verloren hat. Beim Ausbau von Glasfasernetzen gehören führende Industrienationen wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien weltweit zu den Schlusslichtern. Und auch in der einstigen Domäne Mobilfunk fällt Europa inzwischen weit hinter den USA zurück, wie eine Studie der GSM Association (GSMA), des Weltdachverbands der Mobilfunkanbieter, ermittelte. Die Mobilfunknetze in den USA sind aufgrund deutlich höherer Investitionen der Betreiber 75 Prozent schneller als in Europa. Und dieser Vorsprung werde sich in den nächsten Jahren noch vergrößern, befürchtet die GSMA. Das habe deutliche Auswirkungen auf das Nutzungsverhalten. Die Datentransfers eines durchschnittlichen US-Kunden seien jetzt schon doppelt so hoch wie in Europa.

Höhere Preise

Ein Grund für den Vorsprung liegt darin, dass die höheren Preise in den USA die Telekommunikationskonzerne ermutigen, kräftiger in die Übertragungsnetze zu investieren. Während der Durchschnittskunde in den USA im Mobilfunk umgerechnet 53 Euro pro Monat zahlt, sind es nach jüngsten Marktanalysen der GSMA in Europa lediglich 29 Euro und in Deutschland sogar nur 23 Euro pro Monat.

Investitionen im Mobilfunknetz

Entsprechend kritisch sieht inzwischen die Brüsseler EU-Kommission den von vielen Anbietern und scharfem Wettbewerb geprägten europäischen Markt. „Es fällt uns schwer, im weltweiten ICT-Ökosystem zu bestehen“, schreibt die für Internet, Telekommunikation und IT (ICT) zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes in einem internen Positionspapier. Durch die Liberalisierung und die Einführung von Wettbewerb hatte Europa in den Neunzigerjahren die Führungsrolle bei Kommunikationstechnologien und -diensten übernommen, erinnert sich Kroes. Doch die habe Europa inzwischen an die USA und an Südostasien verloren. „Bei Nutzung superschneller Mobilfunknetze mit LTE-Technik spielt Europa in derselben Liga wie Afrika.“

Wettbewerbsintensität auf den Mobilfunkmärkten in Westeuropa

Fieberhaft denkt die Niederländerin deshalb über ein neues Regulierungsmodell nach, um die hohen Ausbauziele der Netze zu erreichen, die sie in ihrem Plan „Digital Agenda“ bis 2020 erreichen will. Jeder EU-Bürger soll bis dahin einen Breitbandanschluss mit einer Geschwindigkeit von mindestens 30 Megabit, jeder zweite sogar 100 Megabit pro Sekunde bekommen. Weniger strenge Vorgaben bei der Preisregulierung sollen die Netzbetreiber zu zusätzlichen Infrastrukturinvestitionen anstacheln.

Zugleich gehört die nun ausgebrochene Fusionitis ausdrücklich zu Kroes’ Programm, das eine Erleichterung von Firmenzusammenschlüssen und -übernahmen empfiehlt. Der zersplitterte Markt in der EU mit über 170 Netzbetreibern, die selten in mehreren Ländern aktiv sind, ist für sie eine Ursache dafür, dass Europa hinter führende Internet-Nationen wie die USA und China zurückfällt.

Als Modell für die Neuordnung soll der Infrastrukturwettbewerb in den USA und China dienen. Dort gibt es einen einheitlichen Telekommunikationsmarkt mit 315 beziehungsweise 1350 Millionen Kunden, die – so Kroes in ihrem Papier – „nur zwischen drei oder vier Netzbetreibern wählen können“.

Eine Fusion von O2 und E-Plus wäre da ein erster Schritt in diese Richtung. Einige Nachbarländer wie Österreich und die Niederlande haben bereits Übernahmen zugelassen, die die Zahl der Mobilfunkbetreiber auf drei reduzierten (siehe Grafik).

Doch Kroes hat die Rechnung ohne das Bundeskartellamt gemacht. „Solch ein Zusammenschluss hat erhebliche Folgen für den Wettbewerb und muss in all seinen Facetten genau geprüft werden“, kündigte Deutschlands oberster Wettbewerbshüter Andreas Mundt in der vergangenen Woche an. Auf politische Vorgaben aus Berlin oder Brüssel reagiert seine Behörde gewöhnlich allergisch.

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