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Neuralink Elon Musk zeigt hirnimplantiertes Schwein

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Alles nur übertriebene Versprechungen?

Die Präsentation steckt wie üblich bei Musk voller Visionen. Wann der Neuralink-Chip verfügbar ist und auch beim Menschen implantiert werden kann, ist noch offen. Nur, dass dies geplant ist.
Und er an sich wenig kosten wird, „weil es im Grunde die gleichen Bauteile wie in Smartphones und Smartwatches sind“, erklärt Musk. Er will den Preis für Operation inklusive Chips auf wenige tausend Dollar bringen, „in etwa wie bei einer Lasik-Augenoperation.“ Der Neurochirurg Matt McDougall, der bei Neuralink das Operationsteam leitet, möchte in einer klinischen Studie zunächst auf Querschnittsgelähmte fokussieren, ihnen das Kontrollieren ihrer Gliedmaßen über Gedanken ermöglichen. Sein großes Ziel ist vor allem eins: „Schmerzen lindern oder ganz vermeiden“, sagt er knapp.

Das meiste bei der Neuralink-Präsentation hört sich wie ein Hollywood-Drehbuch an, etwa wenn es um das Aufzeichnen und Abspielen von Erlebnissen geht.

Tatsächlich sind sogenannte „Hirnschrittmacher“, die das Gehirn mit elektrischen Signalen stimulieren, seit zwei Jahrzehnten in Gebrauch, helfen beispielsweise Parkinson-Patienten oder Epileptikern. Laut Musk sind sie jedoch oft nicht zuverlässig. „Es ist manchmal wie beim Tritt gegen den Fernseher“, sagt er salopp.

Das ist übertrieben. Forscher des Battelle in Columbus im US-Bundesstaat Ohio feierten jüngst einen Durchbruch. Dank eines Implantats und einer mit Elektroden versehen Bandage kann der US-Amerikaner Ian Burkhardt, der seit einem Badeunfall gelähmt ist, nicht nur seine Hand wieder bewegen, sondern sogar nach Gegenständen greifen. Er muss nur daran denken. Das klappt, weil ein Computer aus den etwa drei Millionen Signale pro Sekunde jene herausfiltert, die für Bewegungen gedacht sind und die Anweisungen über die Bandage gibt, die direkt die nötigen Muskeln in der Hand stimuliert. Burkhardt hat so sogar Teile seines Tastsinns zurückgewonnen, auch wenn dieses nach eigener Einschätzung eher einem Vibrieren ähnelt. Aber es zeigt, was möglich ist.
Es ist das, was auch Musk vorschwebt, wenn er davon spricht, „beschädigte Bahnen im Körper zu überspringen.“ Den Battelle-Forschern mangelt es nicht an Ambitionen. Aber im Gegensatz zu Musk würden sie ihr Implantat niemals mit einem „Fitbit fürs Gehirn“ vergleichen.

Bringt Musk mit solchen Aussagen die Gehirn-Computer-Schnittstelle tatsächlich voran oder schadet er mit übertriebenen Versprechungen? Darf man Kranken solche Hoffnung machen?
Klar ist, dass Milliarden von Dollar in das Erforschen und Kommerzialisieren der Computer-Hirn-Schnittstelle fließen. Nicht mehr nur von Medizintechnik-Unternehmen. Sondern auch Silicon-Valley-Ikonen wie Facebook, Apple und Google, die sie als eine Art neues Smartphone sehen.

Doch keiner geht so weit wie Musk und will direkt unter die Schädeldecke. Facebook arbeitet in seinen Laboren an einer Kopfhaube, die mittels Laserdioden Blutzirkulation und Sauerstoff im Hirn misst. Anhand der Signale sollen Gedanken ausgelesen werden. Anstatt etwas zu sagen, denkt man es einfach. An etwas ähnlichem, nur dass die Signale über das Handgelenk abgegriffen werden, arbeitet das Startup CTRL Labs, das Facebook im vergangenen Herbst für angeblich eine halbe Milliarde Dollar erworben hat.

Der Softwareunternehmer Bryan Johnson hat Hunderte Millionen Dollar mit dem Verkauf seines Start-ups an Paypal verdient. Wie Musk arbeitet er seit vier Jahren mit seinem Start-up Kernel an einer Computer-Hirn-Schnittstelle und hat dafür 100 Millionen Dollar aus seinem persönlichen Vermögen reserviert. Anders als Musk, den er bewundert, hat Johnson den einstigen Ansatz aufgegeben, auf ein Implantat zu setzen. „Es dauert einfach zu lange“, sagt er. Der Unternehmer rechnet mit mindestens sieben Jahren, bis solche Operationen genehmigt werden und nochmal mit der doppelten Zeit, bis Spezialisten ausgebildet, Kliniken gewonnen und Versicherungen überzeugt sind.

Deshalb hat sein Start-up Kernel statt dem ursprünglich verfolgten Implantat eine Art Helm entwickelt, der wie bei Facebooks Lösung die Signale außerhalb der Schädeldecke ausliest. Johnson vergleicht das Erforschen des Hirns mit dem Entziffern des menschlichen Erbguts. „Der Markt wird weitaus größer sein, als heute angenommen wird“, sagt er. Seine Idee ist, dass durch die Daten Entwickler zu eigenen Anwendungen inspiriert werden, so wie einst das iPhone Smartphone-Apps populär machte.

Aber dieses Sammeln der Signale durch bessere Lauschgeräte sind gleichzeitig der wunde Punkt. Denn die große Herausforderung ist noch immer, diese nicht nur richtig zu interpretieren. Sondern auch Softwares zu entwickeln, um das Hirn zu steuern.

Bei der DNA-Analyse machte man sich auch große Hoffnungen, was das bessere Verständnis von Krankheiten angeht. Warum sie bei manchen Menschen mit gleicher genetischer Veranlagung ausbrechen, bei anderen jedoch nicht, ist bislang in fast allen Fällen immer noch ein Rätsel.

Ist das Neuralink-Implantat die Illumina-DNA-Sequenziermaschine fürs Hirn? Bei der Neuralink-Präsentation beantworteten Musk und sein Team Fragen, die über den Kurznachrichtendienst Twitter gestellt wurden. Fragen, die technische Details betrafen oder ob man seinen Tesla künftig bei Telepathie vorfahren lassen kann. „Definitiv“, bestätigte Musk. Aber niemand fragte, wie weit Neuralink eigentlich bei der Auswertung der Hirnaktivität gekommen ist oder ob die Priorität mehr auf der Hardware liegt. Auch ethische Fragen spielten eher eine Nebenrolle, wobei Musk mehrfach betonte, viel Wert auf Sicherheit und Freiwilligkeit zu legen.

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