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Obermanns letzter Akt Telekom verkauft Scout24 an US-Investor

Scout24 gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Internetportalen. Es ist ein elektronischer Handelsplatz mit Millionen von Nutzern für Autos und Immobilien. Nun hat die Telekom ihre Tochter in US-Hände gegeben.

Stärken und Schwächen der Telekom
Schwäche1: Bereinigte Kennzahlen verzerren das BildWie fast kein anderes Unternehmen ist die Deutsche Telekom dafür bekannt, in ihren Zahlen ständig irgendwelche Sondereinflüsse auszuweisen. Berichtete und bereinigte Kennzahlen weichen regelmäßig meilenweit voneinander ab. Der Konzern hat zwar immer zahlreiche Begründungen für die Bereinigungen parat. Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese die Berichterstattung komplexer und schwerer verständlich machen. Allein im Geschäftsjahr 2011 liegen berichtetes und bereinigtes Konzernergebnis 2,3 Milliarden Euro auseinander. Aufwendungen, die der Konzern als Sondereffekte deklarierte und somit auch bereinigte, waren unter anderem Ausgaben für den Konzernumbau wie etwa Personalmaßnahmen sowie Firmenwertabschreibungen auf die Tochtergesellschaften T-Mobile in den USA und OTE in Griechenland. Quelle: AP
Als positiven Sondereffekt bereinigte die Telekom die Ausgleichszahlung, die der Konzern vom US-Konkurrenten AT&T für das Platzen des T-Mobile USA-Deals erhielt. Zunächst sind alle diese Bereinigungen verständlich. Experten kritisieren aber, dass manche Sondereffekte seit Jahren auftreten - wie etwa die Aufwendungen für den Stellenabbau. Aus Konzernkreisen heißt es dazu, dass die Sondereffekte, die den Konzernumbau betreffen, in der Zukunft abnehmen werden. Einmaleffekte aus Unternehmenstransaktionen (M&A) will die Telekom aber weiterhin bereinigen, um sich innerhalb der Branche vergleichbar zu machen. Quelle: dapd
Schwäche 2: Schuldenberg drückt auf die BilanzEin Trostpflaster gibt es für die Telekom-Aktionäre. Die US-Tochter T-Mobile ist der Bonner Konzern im vergangenen Jahr zwar nicht losgeworden. Die Ausgleichszahlung für das Platzen des Deals von AT&T in Höhe von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro half dem Konzern aber an anderer Stelle: Die Telekom konnte ihre Nettofinanzschulden - also die Differenz aus Bruttofinanzschulden und Zahlungsmitteln - um 2,2 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent senken. Gleichwohl bleiben die Nettofinanzschulden mit 40,1 Milliarden Euro weiterhin hoch. Im Verhältnis zum Eigenkapital machen die Nettofinanzschulden 100 Prozent aus. Zudem betragen sie das 2,1-Fache des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Quelle: dapd
Damit bleibt die Telekom zwar innerhalb ihres eigenen Zielkorridors. Von den Ratingagenturen wird der Konzern aber - unter anderem wegen der hohen Verschuldung - nur mit BBB+ (S&P, Fitch) beziehungsweise Baa1 (Moody's) bewertet. Damit liegt die Telekom nur drei Stufen über Ramschniveau. Ratingagenturen ziehen bei ihrer Bonitätsbeurteilung auch die Pensionsverpflichtungen hinzu. In ihrer Bilanz weist die Telekom 6,1 Milliarden Euro an Rückstellungen für die Altersversorgung ihrer Mitarbeiter aus. Ihre Nettoschulden erhöhen sich aus Sicht der Ratingagenturen entsprechend. Der geplante Verkauf der Tochter T-Mobile USA an den US-Konkurrenten AT&T für 39 Milliarden Dollar hätte die Schulden auf einen Schlag reduziert. Nun, da der Deal geplatzt ist, muss der Bonner Konzern Alternativen finden. Quelle: dpa
Schwäche 3: Das Auslandsgeschäft bleibt mühevollUm das schrumpfende Geschäft im Heimatmarkt zu kompensieren, hat die Telekom in zahlreiche Auslandsmärkte investiert - mit gemischtem Erfolg. In den USA fällt es der Telekom-Tochter T-Mobile zunehmend schwer, mit starken nationalen Konkurrenten wie Verizon und AT&T zu konkurrieren. Der geplante Verkauf der Sparte an AT&T hatte daher Begeisterung bei den Investoren ausgelöst. Seit der Deal wegen kartellrechtlicher Bedenken der US-Behörden scheiterte, warten die Aktionäre auf eine Alternative von Konzernchef René Obermann. In Griechenland ist die Telekom mit 40 Prozent an OTE beteiligt. Neben der Schuldenkrise machen dem Konzern dort vor allem die immer strengere Regulierung und die höheren Steuern zu schaffen. Quelle: dpa
Die Telekom spielt daher auch schon die Konsequenzen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone durch. Es heißt, der Konzern sei dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die griechische Tochter OTE danach auch ohne Hilfen der deutschen Mutter überlebensfähig sei. OTE muss auch im Falle eines Währungswechsels und einer spürbaren Abwertung der Drachme die finanziellen Verpflichtungen erfüllen können. Denn noch laufen Kredite und Anleihen in Euro, der Kapitaldienst würde sich drastisch verteuern. Weil OTE mit dem Mobilfunk momentan gutes Geld verdient und sich vor allem im ersten Quartal positive Trends zeigten, könne die OTE ihre Finanzierung allein stemmen, so die Hoffnungen der Telekom. Quelle: dpa
Stärke 1: Anleger werden bei Laune gehaltenAls Wachstumswert kann die Telekom ihre Aktie den Investoren nicht verkaufen, dafür aber als Dividendenpapier. Bis einschließlich nächstes Jahr garantiert der Konzern die Ausschüttung sogar. Wie im Vorjahr sollen die Aktionäre für das abgelaufene Geschäftsjahr daher 70 Cent je Aktie erhalten. Das entspricht einer Ausschüttungssumme von drei Milliarden Euro. Bei einem Konzernüberschuss von nur 557 Millionen Euro im Jahr 2011 erscheint der Betrag zunächst riesig. Doch da das Nettoergebnis durch zahlreiche Sondereinflüsse belastet ist, misst die Telekom ihre Ausschüttungsquote lieber am Free Cash-Flow. Das sind die freien Mittel, die nach Abzug der Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von den Zuflüssen aus dem operativen Geschäft noch übrig bleiben. Diese Relation liegt 2011 mit 43 Prozent unter dem Vorjahreswert von 59 Prozent. Quelle: dpa

Für René Obermann ist es der letzte große Akt als Vorstandschef der Deutschen Telekom: Der Verkauf der Internettochter Scout24 an den US-Finanzinvestor Hellman & Friedman. Der Deal bringt dem Konzern einen warmen Geldregen. Rund 1,5 Milliarden Euro streicht der Bonner Telekommunikationsriese für die Veräußerung von 70 Prozent an Scout24 ein - und darf als Minderheitsanteilseigner weiterhin ein Wörtchen bei der Weiterentwicklung von Scout24 mitreden.

Derzeit kann die Telekom jeden Euro dringend benötigen. Finanzchef Tim Höttges, der ab 2014 das Erbe Obermanns an der Konzernspitze antreten wird, steht in den kommenden Jahren vor gewaltigen, auch finanziellen Herausforderungen. Es geht um den Ausbau und die Aufrüstung der Telekom-Netze zu Datenautobahnen in Höchstgeschwindigkeit. Hierfür hat das Unternehmen Milliardensummen vorgesehen. Nach gut sieben Jahren als Vorstandsvorsitzender kehrt Obermann dem Bonner Konzern zum Jahresende den Rücken. Der 50-jährige Manager sucht beim niederländischen Kabelnetzbetreiber Ziggo eine neue unternehmerische Herausforderung. Mit dem nun vollzogenen Anteilsverkauf der Scout-Gruppe hinterlässt Obermann einen aufgeräumten Schreibtisch. Dabei hat er am Ende noch einmal einen profitablen Deal für die Telekom herausgeschlagen. „Die Transaktion fügt sich ein in die Reihe intelligenter, wertsteigernder Transaktionen der vergangenen Jahre“, lobt der künftige Telekom-Chef Höttges den Deal.

Mit dem mehrheitlichen Verkauf von Scout24 macht die Telekom einen extrem guten Schnitt: Vor knapp 10 Jahren hatte T-Online von der Beisheim Holding in der Schweiz das Internetunternehmen zum Preis von 180 Millionen Euro in bar komplett übernommen. Damals kam die Plattform gerade einmal auf 70 Millionen Euro Umsatz - und unter dem Strich blieb nicht viel übrig. Heute zählt die 1998 gegründete Scout-Gruppe zu den größten Netzwerken für den Onlinehandel in Europa. Im Konzern der Telekom habe sich Scout24 zu einem führenden deutschen Online-Anzeigenportal entwickelt, heißt es in Bonn. Zugpferde sind vor allem der Online-Handel mit Autos und Immobilien. Aber auch Marktplätze für Finanzprodukte, Jobs, Reisen und Kontakte hat die Gruppe fest etabliert. Über 10 Millionen Menschen europaweit nutzten Autoscout24 jeden Monat, in Deutschland seien es jährlich 17 Millionen, heißt es in der eigenen Präsentation im Internet.

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Bei Immoscout24 sollen monatlich mehr als 10 Millionen Nutzer nach einem neuen Heim stöbern. Das Portal bezeichnet sich schlechthin als der Immobilienmarkt im Netz. „In ganz kurzer Zeit haben wir die Immobiliennachfrage und das -angebot ins Internet geholt“, heißt es. Angesichts des boomenden Kleinanzeigenmarktes im Internet erhoffte sich die Telekom seinerzeit mit dem Erwerb von Scout24 einen Zugewinn für ihre Online-Tochter. Denn mit seinen Marktplätzen Auto und Immobilien, Finanzprodukte, Reisen, Jobs und Kontakte stieß die Gruppe schnell auf ein zunehmend interessiertes Publikum. Am Wachstum dieser Rubriken-Märkte wolle T-Online teilhaben, begründete das Unternehmen damals den Erwerb. Doch ein richtiger Erlös- und Gewinnbringer ist Scout24 nie geworden. Zuletzt kam das Unternehmen mit Sitz in München nach Schätzungen aus Branchenkreisen auf einen Umsatz von 350 Millionen Euro und einen operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 100 Millionen Euro.

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