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Online-Händler Amazon macht Konzernchef Bezos zwölf Milliarden Dollar reicher

Amazon macht Konzernchef Bezos zwölf Milliarden Dollar reicher Quelle: AP

Nach erneut glänzenden Quartalszahlen geht die Amazon-Aktie durch die Decke. Der Masterplan des Jeff Bezos scheint aufzugehen.

Satte Kursgewinne haben Amazon-Chef Jeff Bezos, ohnehin schon der reichste Mensch der Welt, am Donnerstag noch einmal um rund zwölf Milliarden Dollar reicher gemacht. Die Aktie des Online-Händlers schoss nachbörslich um bis zu 107 Dollar auf 1625 Dollar nach oben und vergrößerte damit Bezos‘ Vermögen laut Bloomberg auf 134 Milliarden Dollar.

Kurz zuvor hatte Amazon die Zahlen für das erste Quartal bekanntgegeben. Demnach lag der Umsatz um 43 Prozent über Vorjahr bei 51 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn wurde mit 1,6 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Die vorgelegten Ergebnisse zeigen eines: Der Masterplan des rastlosen Jeff Bezos zur Weltbeherrschung beginnt mit beängstigender Präzision aufzugehen. Und jetzt müssen auch Facebook und Google anfangen in ihren ureigensten Geschäftsfeldern zu zittern.

Cloud-Computing und Online-Werbung sind die größten Wachstumstreiber für Amazon. Und Online-Werbung ist das Lebenselixier von Facebook und Google. Letzterer Konzern versucht zum dritten Mal, ebenfalls im Cloud-Geschäft Fuß zu fassen. Bezos kann sich einen Seitenhieb auf die Konkurrenz nicht verkneifen. Die Tochter AWS für Cloud-Computing haben den „ungewöhnlichen Vorteil eines siebenjährigen Vorsprungs“ gehabt, bevor „gleichgesinnte Wettbewerber aufgetaucht sind.“ Damit sind vor allem Microsoft und Google gemeint. Während Microsoft in dem Multimilliarden-Dollar-Geschäft langsam aufholt, kämpft Google noch immer abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Ein ehemaliger Buchhändler hat dem größten Softwareunternehmen der Welt und der größten Online-Suchmaschine der Welt den auf Jahrzehnte größten Wachstumsmarkt weggenommen. Ein Husarenstück mit weitreichenden Konsequenzen. AWS hat im abgelaufenen Quartal für Amazon 5,4 Milliarden Dollar umgesetzt und ist um 49 Prozent gewachsen. Noch wichtiger aber: das operative Ergebnis sprang von 890 auf 1,4 Milliarden Dollar im Quartal. Diesen 1,4 Milliarden Dollar stehen ganze 527 Millionen Dollar aus dem gesamten Restkonzern gegenüber. AWS finanziert praktisch die gesamte Expansion. Gleichzeitig durchläuft AWS einen dramatischen Wandel. Zu Beginn wurde nur Computer-Rechenzeit und Speicher an Unternehmen vermietet. Mittlerweile offeriert AWS seinen Kunden umfangreiche Service-Pakete von Datenbanken über Sicherheitsdienste bis hin zu künstlicher Intelligenz für die Datenanalyse. Diese Angebote werden nach Nutzung bezahlt und sind nicht einfach mal gegen andere Produkte austauschbar. Damit wird AWS immer mehr zu einem Softwareunternehmen mit konstanten Umsatzströmen aus Abonnements. Dieses System hatte Microsoft im Unternehmensbereich großgemacht.

Amazons Geheimwaffe ist der Sprachdienst Alexa

Die Werbung ist noch verschämt im Bereich „Sonstiges“ versteckt. Aber bereits im vergangenen Quartal hatte Bezos klargestellt, dass die neue Werbesparte das größte Wachstum innerhalb des Bereichs darstellt. Und dieses Wachstum war atemberaubend: Ein Plus von 139 Prozent auf zwei Milliarden Dollar steht auf der Rechnung.

Marketing-Spezialisten wie E-Marketer gehen davon aus, dass Amazon bald offen mit Facebook und Google um Online-Werbung buhlen wird. Für beide eine Herausforderung, weil Werbung praktisch bei beiden die einzige Einnahmequelle darstellt. Amazons Geheimwaffe ist der Sprachdienst Alexa, der in Lautsprechern wie dem hauseigenen Echo eingebaut ist. Immer mehr Nutzer gehen nicht mehr auf die Google-Suche, wenn sie ein Produkt suchen, sondern fagen Alexa. Microsofts Cortana ist da ebenso abgeschlagen wie Apples Siri und selbst Facebook soll überlegt haben, einen eigenen Sprecher einzuführen, um nicht zu viele Suchen an den Amazon zu verlieren.

So sieht es in Amazons gigantischem Logistikzentrum aus

Es stellt sich die Frage, ob Amazon nicht bereits das General Electric des 21. Jahrhunderts ist. GE war einmal eines der mächtigsten Industriekonglomerate der Welt, mit den Fingern in allen bedeutenden Märkten, von Turbinen über Lokomotiven und Kraftwerken bis Medizintechnik, Lebensversicherungen und Mikrowellen. Und überall war GE ganz vorne mit dabei. Amazon ist ebenfalls in immer mehr digitalen Kanälen wie Handel und Cloud führend und expandiert zunehmend in die analoge Welt. Die Lebensmittelkette Whole Foods, 2017 von Amazon für 13,7 Milliarden Dollar übernommen, ist der bisher massivste Vorstoß in die alte Welt. Ohne Whole Foods wäre der Umsatz nicht um 43, sondern nur um 23 Prozent gewachsen.

In Seattle ist der erste Lebensmittelladen ohne Verkaufspersonal entstanden, zusammen mit JP Morgan und Berkshire Hathaway wurde der Einstieg in die Krankenversicherung vollzogen. Amazon hat eine eigene Flotte von Fracht-Jets, Lagerhäusern und Versandcentern in aller Welt. In einem weiteren Schlag gegen Google erwarb Amazon Anfang 2018 Ring, einen Hersteller für Türkameras und Haussicherheit. Googles Nest ist hier tätig und soll eigentlich umgekehrt Amazons Alexa angreifen.

Die Voraussage für Umsatz und Gewinn im laufenden zweiten Quartal liegen mit einer Spanne von 51 bis 54 Milliarden Dollar beim Umsatz und 1,1 bis 1,9 Milliarden Dollar beim operativen Gewinn über den Erwartungen.

Einen kleinen Wermutstropfen für Neukunden hielt Amazon im Analystengespräch für Neukunden des beliebten Prime-Dienstes bereit, der kostenlose Lieferung gekaufter Waren und einen Online-Videostreaming-Kanal enthält. Ab Mai steigt der Preis für Neukunden von 99 Dollar im Jahr auf 119 Dollar an. Bezos glaubt, sich das leisten zu können. Schon über 100 Millionen Kunden zählt der Dienst, hatte er vor wenigen Tagen verkündet.

Amazon scheint unverwundbar und auf der Höhe seiner Macht. Aber Bezos sollte vielleicht einen Blick auf den alten Weltherrscher der amerikanischen Wirtschaft werfen, dessen Platz er gerade übernimmt. GE ist nur noch ein Schatten seiner selbst – verschuldet und strategielos nach Fehlinvestitionen und falschen Entscheidungen. Der Aktienkurs dümpelt auf Tiefstkursen um 14 Dollar, wo im Hoch noch über 60 Dollar standen.

Irgendwann kommt wohl auch der erfolgreichste Konzern mal von seinem Weg ab. Jeff Bezos glaubt auch dieses Problem gelöst zu haben. Er will niemals stillstehen. Er arbeitet in einem Büro mit dem Namen „Tag eins“. Denn für ihn muss jeder Tag eines Unternehmens „Tag eins“ sein, denn „Tag zwei“ läute schon das langsame Sterben ein.

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