Ortungsgeräte Apples Stalking-Problem mit den AirTags

Apples AirTags sind eigentlich dazu da, seine eigenen Wertgegenstände - wie Schlüsselbund, Rucksack oder Koffer - orten zu können.

Ein neuer Stalking-Fall mit Apples AirTags in den USA bringt den Konzern erneut in Erklärungsnot. Kriminelle missbrauchen die Ortungsgeräte, um Personen und Wertgegenstände auszuspähen. Nun verschärft sich auch in Deutschland die Kritik von Sicherheitsexperten.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Es ist eine Horrorvorstellung: Ein Fremder überwacht jeden Schritt, den man geht, und weiß genau, wo man sich aufhält. Mit Apples AirTags kann diese Horrorvorstellung Realität werden: In den USA tauchen immer mehr Berichte auf, in denen Personen die jackenknopfgroßen Funktracker nicht bloß dazu nutzen, den eigenen Schlüsselbund wiederfinden zu können, sondern dazu, andere zu stalken.

Erst Anfang der Woche berichtete beispielsweise das amerikanische Model Brooks Nader, dass ihre Bewegungen mithilfe von AirTags über Stunden verfolgt worden seien. Sie hatte einen der kleinen Tracker in der Jackentasche gefunden. Den habe ihr offenbar jemand Unbekanntes dort hinein gesteckt, als die Jacke über einer Stuhllehne hing, erzählte sie auf ihrem Instagramprofil. Nader war zuvor von Bar zu Bar gezogen, erst auf dem Heimweg, nach Stunden, machte sie ihr iPhone darauf aufmerksam, dass sich ein fremdes Ortungsgerät in ihrer Nähe befindet.

Die kleinen Ortungsgeräte senden regelmäßig Funksignale aus und lassen sich mit Apples iPhones koppeln. Anschließend bekommt der Eigentümer regelmäßig Hinweise, wo sich der Tracker befindet, sobald dessen Signale von einem fremden iPhone empfangen wurden. Angesichts eines weltweiten Netzes von rund einer Milliarde Applegeräten, die diese Signale empfangen und die zugehörige Position melden können, lassen sich mit AirTags recht erfolgreich verloren gegangene Hausschlüssel oder gestohlene Fahrräder wiederfinden, wenn daran einer der kleinen Ortungsknöpfe befestigt ist.

Genauso aber ermöglicht es die Technik auch Stalkern, Bewegungsprofile anzulegen oder beispielsweise Autoknackern den Standort von begehrten Luxuskarossen auszuspähen. Anfang Dezember erst hatte etwa die York Regional Police im kanadischen Bundesstaat Ontario berichtet, dass Kriminelle mithilfe der AirTags erst den Standort von Fahrzeugen überwacht und diese anschließend gestohlen hatten.

von Thomas Kuhn, Andreas Macho, Melanie Bergermann

„Ich finde das besorgniserregend“, sagt Anke Domscheit-Berg, Digitalexpertin der Partei Die Linke, auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Noch seien keine derartigen Fälle in Deutschland bekannt geworden. Sie halte die Sorge davor aber „für sehr berechtigt“. Es bestehe ein großes Missbrauchspotenzial, so die Politikerin. Das Risiko bestätigen auch Experten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Durch den missbräuchlichen Einsatz der beliebten Bluetooth-Tracker könnten unter anderem „Standort oder Nutzungsverhalten – etwa eines Autos – getrackt werden“, warnt ein Sprecher der Bonner IT-Sicherheitsbehörde.

Warnhinweise kommen oft erst spät

Um Stalking oder Diebstähle unter Einsatz von AirTags zu vermeiden, hatte Apple die Sicherheitseinstellungen bereits nachgeschärft. Anfangs hatten sich die kleinen Ortungsgeräte erst nach drei Tagen mit Piepstönen gemeldet, wenn sie sich außerhalb der Reichweite der mit ihnen gekoppelten iPhones befanden. Inzwischen hat Apple die Frist verkürzt. 

„Wir nehmen die Sicherheit unserer Kundinnen und Kunden sehr ernst und sind dem  Datenschutz und der Sicherheit von AirTag verpflichtet", betont ein Apple-Sprecher. Man habe die Geräte mit einer Reihe von Funktionen entwickelt, die unerwünschtes Tracking verhindern sollen. Unter anderen würden die Nutzer informiert, wenn sich ein unbekannter AirTag in ihrer Nähe befindet, so der Sprecher. 

Tatsächlich zeigen iPhones inzwischen automatisch an, wenn sie im Umfeld Signale von nicht mit ihnen gekoppelte AirTags erkennen. „Diese Hinweise sollten von Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzern ernst genommen werden“, mahnt auch der BSI-Sprecher. Doch auch im Fall von Model Nader soll es mehrere Stunden gedauert haben, bis die entsprechende Warnung angezeigt wurde. Bei Tests des IT-Fachmagazins C’t im vergangenen Jahr hatte es teils bis zu acht Stunden gedauert, bis die Hinweise in den iPhone-Displays erschienen.



Und auch nur dort werden die Warnungen automatisch eingeblendet. Für Nutzer von Android-Telefonen hat Apple zwar inzwischen ebenfalls eine App entwickelt, die es Nutzern erlaubt, das eigene Umfeld auf mögliche, verborgene AirTags abzuscannen. Doch ganz so um die Sicherheit von Android-Nutzern wie um die von Apple-Kunden scheint das Unternehmen nicht besorgt zu sein. Denn anders als bei Apple-Handys läuft die Suche bei Android nicht automatisch ab. Statt dessen muss sie jedes Mal neu von Hand gestartet werden.

Angesichts der Tatsache, dass Apples Marktanteil am weltweiten Smartphone-Absatz nur um rund 20 Prozent pendelt, ist damit klar, dass der überwiegende Teil der Handynutzer bislang keine automatische Warnung vor Apples Trackern erhält. Der praktische Nutzen der Android-App ist damit begrenzt.

Parallel zur Warn-App hatte Apple schon an einer Funktion gearbeitet, die die AirTags piepsen lässt, wenn sie 24 Stunden in der Nähe eines Menschen sind, der kein iPhone bei sich trägt. Doch auch das reicht Expertinnen wie Domscheit-Berg nicht. „Piepsen kann von Stalkern ja auch ganz einfach verhindert werden, indem die kleinen Lautsprecher darin verstopft oder anders zerstört werden“, kritisiert die Linken-Politikerin, die sich gegen Cyberstalking einsetzt. „Es schützt eben auch nicht, wenn mir ein Stalker einen solchen ‚AirTag‘ unbemerkt in die Tasche steckt und wenige Stunden später weiß, wo ich wohne, wenn das Gerät erst später piepsend auf sich aufmerksam macht.“

von Matthias Hohensee, Jörn Petring

In Deutschland ist bisher noch kein Cyberstalking mit Apples AirTags bekannt

Apple hat die AirTags im April letzten Jahres vorgestellt. Sie ähneln Schlüsselanhängern und dienen eigentlich dazu, dass Nutzer ihre eigenen Besitztümer tracken. Apple selbst schlägt auf der Website vor: „Mach eins an deine Schlüssel, steck ein anderes in deinen Rucksack. Und schon sind sie in der ‚Wo ist?‘ App auf deinem Radar.“ Doch schon kurz nach der Vorstellung wurden erste Fälle bekannt, laut denen die Ortungsgeräte für schädliche Zwecke missbraucht worden sind.

In Deutschland verkauft Apple die AirTags für 35 Euro. Wie viele der Tracker der US-Konzern bisher schon verkauft hat, weist Apple nicht separat aus. Im Produktbereich Wearables, Home und Zubehör, zu dem neben den AirTags beispielsweise Apples AirPods oder die Apple Watch zählt, hat Apple im 4. Quartal 2021 rund 8,79 Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Hierzulande sind bislang keine Fälle von Cyberstalking mit Apples AirTags bekannt. Auf Nachfrage der WirtschaftsWoche erklärten das Bundeskriminalamt und mehrere Landeskriminalämter, dass das Thema bei Ihnen bisher noch keine Rolle spielt. Auch dem in Deutschland für Apple zuständigen Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht liegen bezogen auf Apple bisher „keine spezifischen Beschwerdevorgänge vor“, so Michael Will, der Präsident der Behörde, der allerdings die Brisanz des Phänomens bestätigt. „Der Einsatz von Trackingtechnologien im unternehmerischen Umfeld war der Vergangenheit wiederholt Gegenstand von aufsichtlichen Verfahren.“ Apple betont, bei Verdacht missbräuchlicher Nutzung der Tracker den Strafverfolgungsbehörden „alle verfügbaren Informationen über den unbekannten AirTag bereitzustellen.“

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders

Geldanlage Das Russland-Risiko: Diese deutschen Aktien leiden besonders unter dem Ukraine-Krieg

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine belastet die Börsen. Welche deutschen Aktien besonders betroffen sind, zeigt unsere Analyse.

Krisenversicherung Warum Anleger spätestens jetzt Gold kaufen sollten

Der Krieg in der Ukraine und die Abkopplung Russlands von der Weltwirtschaft sind extreme Inflationsbeschleuniger. Mit Gold wollen Anleger sich davor schützen – und einer neuerlichen Euro-Krise entgehen.

Flüssigerdgas Diese LNG-Aktien bieten die besten Rendite-Chancen

Mit verflüssigtem Erdgas aus den USA und Katar will die Bundesregierung die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland mindern. Über Nacht wird das nicht klappen. Doch LNG-Aktien bieten nun gute Chancen.

 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier

Missbrauchspotenzial also ist vorhanden – und damit auch die Möglichkeit, dass es auch in Deutschland zu ähnlichen Fällen mit AirTags kommen könnte. Dass sich Apple und auch Google sich in den USA mittlerweile bemühen, Warn-Mechanismen in die Betriebssysteme zu integrieren, findet die Linke Domscheit-Berg folglich gut. Aber: „Wohler wäre mir, wenn es solche Geräte gar nicht gäbe, die einen überschaubaren Nutzen, aber eine große Gefahr mit sich bringen.“


© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%