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OVHCloud kurz vor Börsengang Wartungsfehler legt Europas Hoffnungsträger für Cloud-Dienste lahm

Die Dienste des französischen Cloud-Anbieters OVH sind am Mittwoch offline gegangen. Grund war ein falsch konfigurierter Router. Quelle: imago images

Zwei Tage vor dem Börsengang hat ein Wartungsfehler in den USA Europas großen Hoffnungsträger für Cloud-Dienste lahmgelegt – und mit ihm viele Kunden.

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Manche nahmen es am Mittwochvormittag mit Humor: „Wie soll ich denn Browsergames spielen während der Arbeit wenn OVH down ist :(“, twitterte ein Nutzer ironisch. Aber viele andere, auch Firmenkunden waren verärgert, als gegen 9.20 Uhr weltweit plötzlich Websites nicht mehr erreichbar waren, Downloads fehlschlugen und die Quelle der Störung bei dem französischen Cloud-Anbieter OVHCloud ausfindig gemacht wurde. Der Internetdienstleister wirbt für sich immerhin als zuverlässige europäische Alternative zu den US-Marktführern Amazon Web Services (AWS), GoogleCloud und Microsoft Azure – und will an diesem Freitag an die Börse gehen.

Der Zeitpunkt konnte also kaum schlechter sein, und der Grund für die weltweiten Beeinträchtigen stand im schweren Missverhältnis zum sonst so selbstbewussten Auftreten der Franzosen: „Menschliches Versagen“, musste Firmengründer Octave Klaba einräumen, habe den massenhaften Ausfall verursacht.

OVH habe in den vergangenen Tagen eine Zunahme von DDoS-Angriffen registriert, erklärte Klaba. Das sind gezielte Attacken von Cyber-Kriminellen, die durch eine mutwillig herbeigeführte Überlastung der IT-Infrastruktur etwa versuchen, von Unternehmen Lösegelder zu erpressen. Um solchen Angriffen vorzubeugen, hatte sich OVHCloud nach eigenen Angaben entschieden, seine Abwehr in den USA zu stärken. Dabei sei in einem Datencenter im US-Bundesstaat Virginia dann der Fehler unterlaufen. Ein falsch konfigurierter Router habe das komplette eigene Netz lahmgelegt.

Nach gut einer Stunde fuhr das Unternehmen die Dienste wieder hoch. Aber der Spott war in der Welt: „Hallo, wir hosten nicht bei #OVH, haha. Beste Grüße, eine Website, die noch funktioniert“, machte sich ein Kommentator auf der Plattform Downdetector lustig. Ein anderer machte seiner Wut Luft: Anstatt die Wartungsarbeiten nachts zu machen, damit die zumeist in Europa ansässigen Kunden nicht beeinträchtigt würden, habe das Unternehmen die für das Geschäft wichtigen Vormittagsstunden gewählt.

Bereits nach dem verheerenden Feuerausbruch in einem Datenzentrum in Straßburg im Frühjahr hatten Fachleute die Brandschutzvorkehrungen des Unternehmens kritisiert. Viele Kundendaten waren damals verloren gegangen.

Die meisten Nutzer schauten auch diesmal in Frankreich in die Röhre. Wenngleich OVHCloud eigenen Angaben zufolge 32 Datenzentren weltweit betreibt, ist das Unternehmen auf seinem Heimatmarkt als Anbieter von Speicherplatz, Rechenleistung und Software aus der Datenwolke führend. Wie viele Kunden in Deutschland betroffen waren, konnte eine Sprecherin des Unternehmens zunächst nicht beziffern. Doch gerade hierzulande hat OVHCloud große Wachstumspläne, wie der General Manager für Mitteleuropa, Falk Weinreich, der WirtschaftsWoche zu Jahresbeginn sagte. „Der Geschäftskundenmarkt des gehobenen Mittelstands ist unsere Zielgröße“, so Weinreich damals: „Da haben wir ein Riesenpotenzial.“

Die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire ins Leben gerufene Mittelstandsinitiative Gaia-X ist für OVHCloud ein willkommenes Tool, um Bekanntheit und Umsatz außerhalb Frankreichs zu steigern. Teilnehmende Firmen sollen darin ihre Fähigkeiten bündeln, um die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft durch eine vor Zugriffen von außen geschützte IT-Infrastruktur für Software, Speicher und Rechenleistung anzukurbeln. OVHCloud gehörte zu den 22 Gründungsmitgliedern. Inzwischen sind mehr als 230 in dem Netzwerk.

Der Börsengang an diesem Freitag in Paris soll aber auch die finanziellen Mittel für Übernahmen bringen. Klaba und seine Leute hoffen auf rund 350 Millionen Euro an frischem Kapital. Als Preisspanne für die Ausgabe der Aktien gaben sie zwischen 18,50 und 20 Euro an. Mit einer Firmenbewertung zwischen 3,5 und 3,7 Milliarden Euro wäre es einer der größten Börsengänge in der lebhaften französischen Tech-Szene.

Mit einem für dieses Jahr erwarteten Umsatz von rund 650 Millionen Euro und einem 2020 verbuchten Gewinn von 255 Millionen Euro ist OVHCloud zwar viele Wolken von der übermächtigen US-Konkurrenz entfernt. Die drei Marktführer vereinen etwa 60 Prozent des weltweiten Cloud-Geschäfts auf sich. Sie sind aus Datenschutzgründen allerdings auch umstritten. Die Alternativen aus China wie Alibaba oder Huawei kommen für viele Nutzer erst recht nicht infrage.

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Und der Cloud-Markt wächst – auf 41,8 Milliarden US-Dollar allein im ersten Quartal 2021. Das sind laut der Analystenfirma Canalys 35 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Beste Aussichten also für einschlägige Anbieter – sofern die Technik läuft.

Mehr zum Thema: Deutschland soll sich mit der Cloud-Initiative Gaia-X unabhängig von US-Technologieriesen machen – wünscht sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Doch neben Unternehmen unterläuft ausgerechnet der Staat das Ziel. Deutsche Cloud-Initiative: Warum es Zweifel am Erfolg von Gaia-X gibt

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