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Platten, Polaroid und Papier Warum das Comeback des Analogen mehr als ein Hype ist

Egal ob Schallplatten, Polaroid oder Papier: Produkte von vorgestern boomen wie nie zuvor – vor allem bei jungen Käufern. Der Mensch scheint nicht gemacht für die totale Digitalisierung.

Die analoge Revolution. Quelle: Getty Images

Es klingt, als würde eine Dampflok einfahren, als sich die Presse mit einem Druck von 100 Tonnen zischend herabsenkt. 25 Sekunden lang nehmen zwei Matrizen 150 Gramm weiches Polyvinylchlorid in die Zange. 130 Grad heißer Dampf verteilt den Kunststoff in der Form – und aus Chemie wird Musik. „Das sieht ganz gut aus“, sagt Bernd Altmann und betrachtet die Schallplattenpresse liebevoll. Die Toolex Alpha, werkzeuggrün und gut mannshoch, ist eine seiner Favoritinnen.

Vor mehr als 30 Jahren in Schweden gebaut, spuckt die Maschine jeden Tag im 25-Sekunden-Takt ein paar Tausend schwarze Scheiben aus. Altmann, Leiter der Datenträgerfertigung bei Europas größtem Vinylproduzenten Optimal Media, und seine 40 Industrie-Relikte arbeiten am Anschlag: 24 Millionen Platten wollen sie allein in diesem Jahr für Musikkonzerne pressen. Die Schallplatte, schon vor Ewigkeiten für tot erklärt, erlebt weltweit eine Renaissance.

Nicht nur hier feiert die analoge Welt ihr Comeback. „Digital only“ war gestern – heute wünschen sich viele Konsumenten, besonders die jungen, Produkte zum Anfassen; sie verlangen nach Authentizität und Entschleunigung in einer sich immer schneller drehenden Welt. „Menschen suchen nach Ankerpunkten, nach Dingen, die nicht einfach reproduzierbar und nicht flüchtig sind“, sagt Rainer Pfuhler vom Marktforschungsinstitut Rheingold Salon aus Köln. Findige Mittelständler verdienen mit bereits vergessen geglaubten Technologien wieder gutes Geld.

Bücher, TV, Streaming? Diese Medien finden die Deutschen unverzichtbar

So legen die Umsätze mit Vinylplatten in Deutschland seit Jahren zu, zuletzt um 40 Prozent auf 70 Millionen Euro. Die Polaroid-Kamera, deren Hersteller 2008 Insolvenz beantragte, bringt es auf Zuwächse von jährlich 20 Prozent. Füllfederhalter von Lamy, Buntstifte von Schwan-Stabilo und Notizbücher von Moleskine erleben einen ungeahnten Aufschwung; ihre Hersteller berichten von zweistelligen Absatzzuwächsen. Oldtimer trotzen rollenden Computern – die Zulassungszahlen von Autos, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben, steigen seit Jahren. 2016 waren fast 350.000 Pkws mit H-Zulassung angemeldet, so viele wie nie.

Und weiter: Statt Computer- sind Brettspiele angesagt; Silicon-Valley-Größen wie Mark Zuckerberg spielen mittlerweile „German-style Games“ wie Siedler von Catan. Und klassische Partnervermittlungen berichten von steigender Nachfrage. Die Kunden verlangen wieder mehr Diskretion und sind die geschönten Fotos beim Onlinedating leid. Selbst digitale Disruptoren eröffnen inzwischen klassische Ladengeschäfte – Möbel- und Textilanbieter wie Home 24, Urbanara und Made.com ebenso wie der Internetoptiker Mister Spex, die Elektronikverkäufer Notebooksbilliger und Cyberport oder das Reiseportal urlaubsguru.de. Ganz zu schweigen von Amazon: Der Onlineversender hat in den USA bereits sechs Megabuchläden aufgesperrt und plant die Eröffnung von mindestens sechs weiteren.

Auch Textil-Onlinehändler Zalando hat bereits Outlets, in Köln, Frankfurt und Berlin, um Restposten zu verkaufen. Für Selbstabholer, das spart Versandkosten. Erst vor wenigen Tagen kündigte Co-Vorstandschef Rubin Ritter an, über Flaggschiff-Filialen in Berlin, London und Paris nachzudenken.

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