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Pro Amazon und Google sind Pest und Cholera

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Warum Amazon und Google keine Konkurrenten sind

Wahrscheinlich wurde aber Eric Schmidt nur falsch verstanden und meinte wohl eher, dass Amazon ein ähnlich gearteter Quasi-Monopolist wie Google sei. Damit dürfte er dann zweifelsohne Recht gehabt haben, auch wenn das Bundeskartellamt aufgrund eines offensichtlich verqueren Marktverständnisses anderer Meinung ist.

Gabriel - Wir brauchen Spielregeln für Google

Zwar kommt Amazon nicht – wie Google in Deutschland – auf rund 90 Prozent Marktanteil, erreicht aber im Teilsegment „Online-Handel Buch“ immerhin fast 80 Prozent. Bei E-Books rund 50 Prozent – hier auch nur so wenig Dank des enormen Kraftaktes der Tolino-Allianz.

Auch bei Amazon sind die Preise nicht verhandelbar

Und trotzdem: Nach Kartellrecht besitzt ein Anbieter mit mehr als 40 Prozent Marktanteil bereits eine dominierende Marktstellung und ist damit wie Google ebenfalls ein „Quasi-Monopolist“. Demnach also auch bei E-Books. Mit rund drei Milliarden Deutschlandumsatz im Teilsegment „Online-Handel-Electronics“ wohl auch, und so weiter. Und ein „Monopölchen“, das seine dominierende Marktstellung missbraucht, weil auch die Konditionen von Amazon weder auf der Verkaufsseite noch auf der Einkaufsseite verhandelbar sind.

Das Beispiel Bonnier zeigt, dass Verlage mit hohen Umsatzanteilen bei Amazon – wie bei Fachbuchverlagen zum Teil mehr als 50 Prozent – nicht nur in einer Abhängigkeitsfalle sind und permanente Konditionsverschlechterungen akzeptieren müssen. Amazon treibt die Vertikalisierung im Buchbereich voran, setzte eigene Programme auf, übernimmt damit die bisherige Verlagsfunktion und versetzt der Branche so den finalen Todesstoß.

Selbst Untereinstandspreise darf Amazon tätigen, ohne dass Lieferanten etwas tun können, und bekommt dafür vom Bundeskartellamt auch noch den Rücken gestärkt, wie der Fall Adidas zeigt. Der Sportartikelhersteller hatte es seinen Absatzpartnern untersagt, adidas-Produkte auf Marktplätzen von Ebay und Amazon zu verkaufen. Das Bundeskartellamt zwang den Hersteller, die Beschränkungen aufzugeben.

IT



Auch wenn Google und Amazon ihre Geschäftsfelder derzeit stetig erweitern, zu direkten Konkurrenten werden sie nicht. Google wird in Zukunft allenfalls Marktplatzfunktion übernehmen, um sein Kerngeschäft, die Suchmaschine zu stärken. Amazon tut demgegenüber alles zur Unterstützung seines Kerngeschäfts, dem Einzelhandel, auch mit seinem Marktplatz, selbst wenn es sich die Produktsuche von Herstellern monetarisieren lassen würde und die „tödliche Umarmung“ damit enger zieht. Insofern gibt es vielleicht Ungleichungen in Teilbereichen, aber keine direkte Konkurrenz. Die besteht höchstens im Kampf um Kundendaten und die enge Bindung der Nutzer.

Bei Google und Amazon handelt es sich nicht um konkurrierende Unternehmen, auch wenn viele Amazon-Besucher ohne Google-Suche „organisch“ zu Amazon gelangen und dort dann eine Suchfunktionsleiste benutzen. Ihr Wachstum lässt zwei Riesen entstehen, die den Handel im Netz kontrollieren. Nicht zwei Konkurrenten, die sich gegenseitig aufheben.

Pest oder Cholera? Online-Anbieter haben längst nicht mehr die Wahl. Sie haben bereits „Pest oder Cholera“ und können allenfalls entscheiden, ob sie sich zusätzlich noch „Cholera oder Pest“ holen.

Professor Gerrit Heinemann ist Leiter des eWeb Research Centers und Professor für BWL, Managementlehre und Handel an der Hochschule Niederrhein.

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