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Quartalszahlen Wie sich Googles Investitionen bezahlt machen

Wiederholt enttäuschte Google Anleger und Analysten mit niedrigen Wachstumszahlen und teuren Zukäufen. Das Portfolio des Konzerns wird immer unübersichtlicher. Verrennt sich der Internet-Gigant?

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Google's Investitionen in die Zukunft Quelle: Montage aus: dpa (5), Reuters, AP (2)

Das Duell ist erstmal entschieden. Als sich Google im Februar 2014 auf Platz zwei der wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt schob, sah es noch so aus, als könne der Konzern in Apples Dimensionen vorstoßen.

Doch während der iPhone-Hersteller zum Jahresbeginn 2015 einen neuen Höhepunkt seiner Unternehmensgeschichte feiert und mit einem Börsenwert von 683 Milliarden Dollar die Analysten begeistert, ist das Image von Google angekratzt. Wegen rückläufiger Anzeigenpreise und ungünstiger Währungseffekte beim Umsatz hat der Internet-Gigant weniger zugelegt als erwartet: Für das vierte Geschäftsquartal gab der Suchmaschinenbetreiber am Donnerstag nach US-Börsenschluss einen um 15 Prozent höheren Umsatz von 18,10 Milliarden Dollar an. Analysten hatten jedoch 18,46 Milliarden Dollar erwartet.

Vier Enttäuschungen in Folge

Google hat Vertrauen verloren. Trotz steigender Umsätze und hoher Gewinne blieb der IT-Konzern bei jedem der vergangenen vier Quartalsabschlüsse hinter den Erwartungen der Wall Street zurück. Die Unzufriedenheit zeigt sich am Börsenkurs. Im Januar 2014 wurde die Google-Aktie an der Technologiebörse Nasdaq für 589 Dollar gehandelt. Ein Jahr später sind es noch 539 Dollar. Nach Bekanntwerden der Quartalszahlen verloren die Papiere am Donnerstag nachbörslich 3,5 Prozent.

Während Apple mit dem traditionellsten Geschäftsmodell der großen Tech-Konzerne - handfeste Ware zu handfesten Preisen - zum profitabelsten Unternehmen aller Zeiten aufsteigt, werden sich die großen Investitionen von Google frühestens in einigen Jahren auszahlen. Wenn überhaupt.

Aktien der Internetgiganten im Aufwind

In der Tech-Branche stößt die Skepsis auf Unverständnis. "Die Investoren erwarten zu viel", urteilt Christoph Salzig, Kommunikationsspezialist und früherer Pressesprecher des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. "Die Anleger wollen ungebremstes Wachstum und Wachstumsraten, die kaum ein Unternehmen erfüllen kann."

Aber sind es wirklich allein die zu hohen Erwartungen der Wall Street, die am Image kratzen? Auch intern rumort es. Manche Angestellten befürchten, Google sei für die Zukunft nicht richtig aufgestellt. "Ich glaube, 2015 wird desaströs", sagte ein ehemaliger Mitarbeiter Ende vergangenen Jahres dem Portal "Business Insider".

Die Sorge hat einen einfachen Grund: Bei seiner Haupteinnahmequelle machen sich für Google Probleme bemerkbar. Auch, wenn der Posten "Sonstiges" in der Bilanz - hauptsächlich getrieben von den Erlösen im Play Store – wächst: Den Großteil seines Geldes macht der Konzern nach wie vor mit Werbung in seiner Suchmaschine. Zuletzt waren es 88,9 Prozent des gesamten Gewinns.

Das muss sich ändern, glauben viele Börsianer. Und zwar schnell. Denn die Zahl der bezahlten Klicks wächst von Quartal zu Quartal langsamer. Und der "cost per click" genannte Durchschnittspreis für die Werbung sank nun zum Vorjahrszeitraum um drei Prozent.

Die zehn teuersten Google-Käufe

Internetnutzer lassen den Desktopcomputer immer häufiger ausgeschaltet. Sie surfen stattdessen mehrheitlich via Smartphone und Tablet - dort sind die Gewinnspannen geringer. Gleichzeitig werden Apps gegenüber Browsern immer bedeutender. Das perfekte Werbeformat für die kleineren Bildschirme hat Google noch immer nicht gefunden. Zudem sinkt der Anzeigenpreis. Weil Facebook es immer besser schafft, aus der Entwicklung Kapital zu schlagen, entsteht Google langsam aber sicher ein ernstzunehmender Konkurrent.

Druck von der Konkurrenz

Auch bei der Desktopsuche gerät Google weiter unter Druck. Auf dem Heimatmarkt USA ist der Markanteil im Dezember von 77,5 auf 75,3 Prozent gefallen, weil Mozillas Browser Firefox nun per Voreinstellung mit Yahoo statt Google sucht. In Russland liegt Google hinter Platzhirsch Yandex und schloss dort zuletzt sogar seine Entwicklungsabteilung.

Immer häufiger überspringen Nutzer bei der Suche nach Produkten den Schritt über die Suchmaschine zudem völlig und gehen direkt auf die Seite des Händlers. Bei Amazon etwa schoss die Anzahl der Desktop-Suchen laut dem Internet-Marktforschungsunternehmen Comscore innerhalb des vergangenen Jahres um fast 50 Prozent in die Höhe.

"Kurzfristig ist das fatal für Google", sagt Marcus Tandler, Experte für Suchmaschinen. Denn: Produktsuchen sind um ein vielfaches lukrativer als Suchen nach einfachen Informationen.

Wo Google noch Probleme hat

Das ist Jammern auf hohem Niveau, keine Frage. 70 Prozent der weltweiten Werbeeinahmen über Suchmaschinen gehen auf Googles Konto und 40,5 Prozent der mobilen Werbung. Die Gefahr, dass Google seine Führungsrolle einbüßt, besteht auf absehbare Zeit kaum. Doch die Zeit des rasanten Aufstiegs im Kerngeschäft ist vorüber.

So dominant ist Google



Die Grafik zeigt die weltweite Verbreitung der Google-Suche. Je dunkler die Farbe, desto größer ist der Anteil am Suchmaschinen-Markt.

Quelle: Statcounter

Deshalb investiert Google Milliarden in immer neue Projekte. Alleine von September 2013 bis September 2014 hat Google 39 Unternehmen gekauft - das ist ein Viertel aller Zukäufe des Konzerns seit 2001. Der jüngste Coup: Gemeinsam mit dem Finanzier Fidelity Investments steckt Google eine Milliarde Dollar in das Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk, mit dem Ziel, bis zu 4000 Kommunikationssatelliten ins All zu schießen.

Eine Satelliten-Armada passt gut in Googles Kuriositäten-Sammlung. Die umfasst mittlerweile intelligente Kontaktlinsen, ein selbstfahrendes Auto und lernende Raum-Thermostate.  Die meisten der großen Investitionen werden erst in vielen Jahren Gewinn machen. Wenn überhaupt. Im 17. Jahr nach seiner Gründung wird Google erwachsen, weiß aber noch immer nicht, was es mal werden will.

Hier dominiert Google nicht den Suchmaschinenmarkt

Doch der Google-Führung um Larry Page, Eric Schmidt und Sundar Pichai das Einkaufsverhalten eines Zwölfjährigen im Süßigkeitenladen vorzuwerfen,  greift zu kurz. Google zieht seinen Plan durch, auch wenn der nicht den kurzfristigen Interessen der Wall Street entspricht.  

"Natürlich agiert Google als börsennotiertes Unternehmen nicht im luftleeren Raum und muss die Erwartungen der Anleger befriedigen", sagt Salzig. "Letztlich folgt Google aber vor allem einer eigenen Unternehmensstrategie - einem Masterplan." Und der folgt Googles vier Maximen:

1. Sammle Daten

"Als wir vor 15 Jahren mit Google starteten, war es meine Vision, dass die Menschen nicht mehr suchen müssen, um an Informationen zu kommen, die Informationen sollen zu ihnen kommen", erklärte Larry Page im Jahr 2013.

Einen großen Schritt bei der Realisierung dieses Plans hat Google mit einem Zukauf aus dem vergangenen Jahr gemacht: Der Konzern kaufte den Londoner Big-Data-Spezialisten Rangespan. Bis dato analysierte das Unternehmen die Anfragen Tausender Lieferanten – etwa für die Supermarktkette Tesco. Für Google sollen die Mitarbeiter des Unternehmens das Verhalten der Kunden bis ins Detail analysieren und die Google-Angebote entsprechend des Verhaltens optimieren.

So will Google künftig ein mögliches Kaufverhalten antizipieren, ohne dass überhaupt eine Suchanfrage gestellt wird. "Schläft beispielsweise ein Paar seit drei Monaten in derselben Wohnung, kann Google das anhand der Ortungsdaten des Smartphones erkennen", sagt Tandler.

Ausgewählte Randaktivitäten von Google

Wenn nun die Frau nach Hochzeitskleidern sucht und ihr Mann in den letzten Tagen bei einem Juwelier war, ahnt Google: Die Hochzeit steht ins Haus und könnte in Zukunft entsprechende Angebote direkt aufs Handy schicken - etwa für einen Anzug und ein Brautkleid. Google will nicht mehr den Menschen zum Produkt bringen, sondern das Produkt zum Menschen.

So müsste der Nutzer beispielsweise gar nicht mehr auf die Amazon-Webseite gehen, um dort zu bestellen. Google wählt selbst aus, welche Angebote es weiterleitet. "Ab diesem Moment hat Amazon ein Problem", sagt Tandler. Heute sucht fast jeder, der etwas im Internet kaufen will, direkt bei Amazon - diese Zeiten könnten dann vorbei sein. "Diese Entwicklung hat das Potenzial, die Werbe- und Verkaufswelt komplett zu revolutionieren." Bis es soweit ist, braucht Google seiner Einschätzung nach allerdings noch drei bis fünf Jahre.

2. Sei früh

2005 etwa bewies Google Weitblick. Damals kaufte es für 50 Millionen Dollar Andy Rubins Start-Up Android - und erntete vor allem Unverständnis. Eine Suchmaschine braucht doch keine Handy-Software, hieß es.

Doch als Apple 2007 das iPhone herausbrachte, konnte Google binnen weniger Monate mit seinem Betriebssystem Android nachziehen. Heute ist auf 84 Prozent aller weltweit verkauften Smartphones das Google-Betriebssystem installiert.

Erfolg im Scheitern

Auch die Unternehmen, die Google 2013 und 2014 schluckte, zielen auf eine ferne Zukunft ab. Google kann sich Risiken leisten: Das Unternehmen hat 60 Milliarden Dollar liquide Mittel, um zu investieren.

"Google investiert in Technologien, die vielleicht erst in 30 Jahren relevant sind", sagt Tandler. Roboter etwa. Alleine acht Roboterhersteller hat Google 2013 aufgekauft - darunter Boston Dynamics. Das Unternehmen baute bisher Roboter für das US-Militär.

Geleitet wird Googles Roboter-Projekt von Android-Gründer Rubin. Daran zeigt sich ein weiterer Vorteil der Zukäufe: Google holt sich die großen Köpfe der Technik-Welt ins Haus.

Rubin arbeitet als Leiter der Roboter-Forschung mit seinem Team an Greifarmen und Sehtechnologien. Insider gehen davon aus, dass Google in den nächsten Jahren zwei Anwendungsbereiche forciert: Fertigungs- und Service-Roboter, die in der Logistik und im Handel tätig sein sollen.

Das Ziel ist es letzten Endes, autonome Systeme zu produzieren, die Senioren betreuen oder Pakete zustellen und Lagerarbeiten übernehmen können.

"Heute, wo die Unternehmen noch vergleichsweise günstig sind, hat Google bereits den halben Markt für sich", sagt Tandler. Langfristig verspricht das gigantische Gewinne. So schätzen Wissenschaftler der Oxford Universität, dass knapp die Hälfte aller Arbeitsplätze in den USA in zehn bis 20 Jahren Robotern zum Opfer fällt.

3. Schaffe dir deine eigenen Kunden

Anders als bei den Robotern behält Google bei den meisten Investitionen sein Kerngeschäft im Auge - die Suche. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer danach aussieht. Was hat Google beispielsweise mit dem Drohnen-Hersteller Titan Aerospace vor?

Drohnen könnten bei der Breitband-Erschließung in entlegenen Gebieten eine große Rolle spielen. Bislang hatte Google dieses Ziel mit seinem Project Loon verfolgt, bei dem mithilfe von Wetterballons das Internet über den Luftweg verbreitet werden sollte. Die Drohnen gelten als zuverlässiger als Satelliten - und sind zudem günstiger.

Drei Projekte wollen das Internet in den letzten Winkel der Welt bringen

In die gleiche Richtung zielt auch Googles Beteiligung an den Weltraumabenteuern des Elon Musk. Die SpaceX-Satelliten sollen auch den Menschen Zugang zum Internet ermöglichen, die bislang noch offline sind. Denn: Je mehr Menschen Zugang zum Internet haben, desto mehr potenzielle Kunden gibt es für Google.

Das Potenzial ist enorm. Bis dato sind laut dem Verband International Telecomunication Union (ITU) noch 4,3 Milliarden Menschen noch ohne Zugang zum Web.

4. Nimm Rückschläge in Kauf

Versprechungen für die ferne Zukunft begeistern längst nicht jeden. Dass Googles mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Datenbrille Glass in ihrer geplanten Form nicht weitergeführt wird, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Die größten Flops von Google
Google Quelle: dpa
Google Videos Quelle: Screenshot
Google X Quelle: Screenshot
Larry Page Quelle: REUTERS
KnolZu den Projekten die eingestellt werden gehört auch Knol. Es sollte Googles Alternative zu Wikipedia sein: Eine Wissenssammlung, bei der die Nutzer die Artikel schreiben und bearbeiten. Der Erfolg hält sich in Grenzen – oder kennen Sie intensive Knol-Nutzer? Quelle: Screenshot
Google WaveNach knapp einem Jahr hat Google sein Projekt „Wave“ wieder gestoppt. Beim Start hatte der Konzern noch getönt, Wave sei wie die Neu-Erfindung der Mail. Doch selbst viele Nerds konnten mit dem Angebot nichts anfangen, mit dem man Nachrichten gemeinsam bearbeiten und kommentieren konnte. Ende April 2012 wird Wave nun endgültig dicht gemacht.  
LivelyAls der Hype um virtuelle Welten wie Second Life noch groß war, startete Google "Lively". Damit konnten Avatare geschaffen werden und Räume in denen man sich treffen konnte. Resonanz und Halbwertzeit waren dürftig: nach nicht einmal sechs Monaten wurden die neuen Tummelplätze wieder geschlossen. Quelle: Screenshot

In den Augen von Salzig übersehen sie dabei jedoch, was für einen großen Wert die Arbeit an der Datenbrille für das Unternehmen hat: Sie war ein wichtiger Schritt hin zur Verbindung der virtuellen Welt mit der tatsächlichen Realität.

Während die Datenbrille wohl für besondere Anwendungen weiterentwickelt wird - möglicherweise für ferngesteuerte Wartungsarbeiten an Maschinen - lebt die Idee, die hinter dem Projekt steckt in anderen Google-Projekten fort.

Die logische Fortsetzung der Datenbrille ist aus Salzigs Sicht Googles Betriebssystem für das selbstfahrende Auto. "Hier kommt die Idee zum Tragen, an einem beliebigen Standort maßgeschneiderte Informationen und Orientierung zu liefern." Und im besten Fall einen Kaufimpuls.

In Arbeit
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So könnte das Auto beispielsweise auf Angebote von Restaurants hinweisen, an denen der Insasse des selbstfahrenden Autos vorbei gefahren wird - und mit wenigen Anweisungen eine Reservierung oder Vorbestellung für ihn erledigen.

Natürlich lässt sich nicht vorhersagen, welche Investitionen zum Erfolg führen und welche scheitern werden. "Letztlich ist es wie bei den Silicon-Valley-Investoren", sagt Salzig. "Google kauft zehn Unternehmen und hofft, dass eines davon so profitabel ist, dass sich die Akquisitionen unter dem Strich lohnen."

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