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Rocket Internet Olis Einhorn-Zucht schwächelt

Oliver Samwer galt als deutsche Antwort auf das Silicon Valley. Doch der Glanz seiner Start-up-Fabrik verblasst, ein großer Börsengang müsste her. Sind die beiden Kandidaten Hello Fresh und Delivery Hero dafür reif?

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Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer. Quelle: dpa


Die Frage passte: „Where’s the money?“, damit war eine Podiumsrunde bei der Digital-Konferenz DLD im Januar in München überschrieben. Auf der Bühne: Oliver Samwer, Chef der Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet. Samwer – weiß-gestreiftes Hemd, dunkler Pulli, verstrubbeltes Haar – sollte zwar eigentlich über Investmentchancen in den Märkten von morgen sprechen. Doch dann ging es auch um die Performance von Rocket Internet, schließlich dürften sich auch die Aktionäre von Rocket Internet fragen, wo ihr Geld geblieben ist.

Rund 60 Prozent hat die Rocket-Aktie seit ihrem Börsendebüt vor zweieinhalb Jahren verloren. Kein Wunder: Samwer hat bislang nicht bewiesen, dass das Geschäftsmodell von Rocket Internet funktioniert, geschweige denn für die Börse taugt. Im Gegenteil: Erst strapazierte Rocket die Nerven seiner Aktionäre mit einer bizarren Finanzkommunikation, dann verstimmten horrende Verluste die Investorenschar. Ein geplanter Börsengang wurde verschoben, wichtige Portfoliounternehmen wurden abgewertet. Hinzu kam Streit mit der schwedischen Beteiligungsgesellschaft Kinnevik, die einst zu den zentralen Geldgebern der Berliner gehörte – und die ihr Engagement bei Rocket Internet im Februar aufs Nötigste eingedampft hat.

Im Klartext: Die einst größte deutsche Internethoffnung steckt in einer veritablen Krise und Investoren wie Online-Strategen fragen sich, ob es Samwer gelingt, den Kurs seiner Rakete zu korrigieren.

Schon die kommenden Monate könnten über die Antwort entscheiden. Denn ab dem zweiten Quartal, so heißt es in Finanzkreisen, würden die Börsenpläne für die beiden wichtigsten Beteiligungen im Rocket-Reich Fahrt aufnehmen. Sowohl der Kochboxversender Hello Fresh als auch der Essenslieferdienst Delivery Hero gelten seit geraumer Zeit als Kandidaten für Milliarden-IPO’s – und könnten Samwer den ersehnten Befreiungsschlag bringen. Oder aber – im Fall des Scheiterns – den Konzern endgültig in ein Desaster stürzen. Denn dass die Börsenaspiranten am Finanzmarkt reüssieren, scheint längst nicht ausgemacht. Interne Zahlen und vertrauliche Unterlagen zeigen, dass die Unternehmen unter hohen Verlusten und teuren Krediten leiden.

Die wichtigsten Beteiligungen im Rocket-Imperium und ihre letzten Bewertungen

So macht Delivery Hero derzeit vor allem der Zusammenschluss mit dem Wettbewerber Foodpanda zu schaffen. Ende 2016 hatte Delivery Hero 49 Prozent an Foodpanda von Rocket Internet übernommen. Foodpanda ist vor allem in Schwellenländern aktiv. Zusammen kamen Delivery Hero und Foodpanda laut internen Unterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, im Jahr 2016 auf ein negatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von minus 117 Millionen Euro.

Einem internen Plan zufolge rechnet der Vorstand damit, dass Foodpanda auch 2017 Verlust machen wird. „Die Foodpanda-Märkte weisen einen anderen Reifegrad auf“, heißt es hierzu in einer Stellungnahme von Delivery Hero. „Dies impliziert ein aktuell negatives Ebitda in vielen Foodpanda-Märkten, aber auch ein besonders hohes Wachstumspotenzial.“

Laut interner Planung sollte Delivery Hero – ohne Foodpanda – ab dem dritten Quartal 2017 bereits Gewinn machen. Im Kerngeschäft erwirtschaftete Delivery Hero bereits 2016 schwarze Zahlen. Jetzt will Delivery Hero laut interner Planung das Geschäft von Foodpanda in Bulgarien, Rumänien, Georgien, Kasachstan und der Slowakei bis Ende April entweder verkauft haben oder es schließen. Delivery Hero sagte dazu: „Wir schauen uns kontinuierlich unser Portfolio an, und bewerten mögliche Zu- oder Verkäufe unter Gesichtspunkten wie Marktführerschaft und Wachstumspotenzial.“ Zudem will die Gruppe jährlich etwa sechs Millionen Euro Personalkosten einsparen, indem offene Positionen bei Delivery etwa mit Foodpanda-Mitarbeitern besetzt werden.

Kreditzinsen auf Disponiveau für Hello Fresh


Auch bei Hello Fresh, dem zweiten Börsenkandidaten im Rocket-Reich, sind 2017 keine Gewinne in Sicht. „Auf Gruppenebene wird das Unternehmen weiter stark in Wachstum und Marketing investieren, wodurch das operative Ergebnis weiterhin negativ bleiben wird“, heißt es in einem internen Papier, das der WirtschaftsWoche vorliegt. Hello-Fresh-Chef Dominik Richter bestätigte das. Sein Unternehmen sei „weiterhin im Investitionsmodus“, so Richter. Auch Informationen über einen hochverzinsten Kredit von Rocket Internet an Hello Fresh bezeichnete Richter als „korrekt“.

Demnach hat das Berliner Start-up, an dem Rocket Internet 53 Prozent der Anteile hält, im April 2016 ein Gesellschafterdarlehen von Rocket Internet erhalten. Die zugesagte Kreditsumme beträgt 50 Millionen Euro, wovon bereits die Hälfte abgerufen wurde. „Die Laufzeit des Gesellschafterdarlehens beträgt drei Jahre“, heißt es in internen Unterlagen, und es „wird jährlich mit elf Prozent verzinst“.

Kreditzinsen auf Disponiveau? Rocket Internet schweigt dazu. Hello-Fresh-Chef Richter sieht es schon als „starkes Zeichen für die Robustheit unseres Geschäftsmodells“, dass überhaupt Kredite bewilligt wurden. Investoren dürften den Zinssatz wohl eher als Beleg für die Risiken bei Hello Fresh werten. Zumal künftig auch Player wie Amazon oder der Supermarktkonzern Rewe in den Markt für einkaufsmüde Hobbyköche vorpreschen und für Konkurrenz sorgen könnten.

Doch lässt sich Samwer davon abschrecken? Auch für ihn steht viel auf dem Spiel. Schließlich hat er seinen Aktionären versprochen, 2017 zumindest eine Beteiligung an die Börse zu bringen, sofern der Aktienmarkt mitspielt. Ein weiterer Vertrauensverlust wäre verheerend. Sein Image als erfolgreicher Internetunternehmer ist ohnehin angekratzt, der Mythos von Rocket Internet als Zentrum der deutschen Netzwirtschaft verblasst.

„Rocket startet ein neues Start-up, drängt damit erratisch in alle nur denkbare Richtungen, stellt eine riesige Zahl von Leuten ein und gibt gigantische Summe Geld aus, um Traktion zu gewinnen – das nennen sie dann operative Exzellenz“, ätzte Christoph Gerber, Mitgründer des Essenslieferdienst Lieferando, Rivale von Delivery Hero, schon im vergangenen Jahr in einem Blog-Beitrag.

Tatsächlich hat der klassische Inkubatorenansatz – also das Kopieren, Verfeinern und internationale Ausrollen von Online-Geschäftsmodellen – viel von seinem ursprünglichen Charme verloren. Zum einen, weil aussichtsreiche Start-ups zunehmend selbst und mit höherem Tempo die Expansion forcieren. Zum anderen ist die Expertise über Erfolgsfaktoren wie Suchmaschinenmarketing oder eine einheitliche Software für Online-Shops inzwischen weitaus breiter verfügbar. Hinzu kommt, dass im Zeitalter von virtueller Realität und künstlicher Intelligenz viel stärker technologisch getriebene Ideen gefragt sind, bei denen Rocket Internet kaum mithalten kann.

Schon seit geraumer Zeit baut Samwer sein Unternehmen daher um: Weg von der reinen Start-up-Fabrik, stärker hin zu einer Beteiligungsgesellschaft mit Inkubator-Know-how. Unter anderem dafür hat Samwer seit Mitte 2015 in mehreren Schritten bis Anfang dieses Jahres insgesamt eine Milliarde Euro im Rocket Internet Capital Partners Fund eingesammelt.

Die reichsten Medienunternehmer Deutschlands

Der Fund soll Rocket-Investments begleiten – und belegt den Strategieschwenk weg vom Inkubator genannten Brutkasten für Startups hin zum Risikokapitalgeber. „Rocket macht weiter beides: Start-ups von Grund auf selber aufbauen wie auch in erfolgversprechende Unternehmen investieren“, sagte Finanzvorstand Peter Kimpel der WirtschaftsWoche.

Auf der DLD-Konferenz wurde Samwer deutlicher: „Den Geldgebern ist es egal, wie sie ihr Geld verdienen.“ Hauptsache Samwer liefert.

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