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RTL-Interactive-Chef „Bundesliga? Geschenkt gerne!“

Die Verlängerung von linearen TV-Inhalten auf andere Plattformen wie Internet oder Smartphones gewinnt zunehmend an Bedeutung, sagt RTL-Interactive-Chef Marc Schröder. Exklusiv-Inhalte hält er dagegen für problematisch.

RTL-interactive-Chef Marc Schröder. Quelle: picture-alliance

KölnHerr Schröder, das Oberlandesgericht Düsseldorf hat vor wenigen Wochen Ihre Beschwerde gegen die Untersagung der mit ProSiebenSat.1 geplanten Videoplattform abgewiesen. Werden Sie die Entscheidung nun vor dem Bundesgerichtshof überprüfen lassen?

Schröder: Obwohl wir unser geplantes Projekt einer senderoffenen Internet-Plattform zum zeitversetzten Abruf von TV-Inhalten ohne jegliche eigene Vermarktungsaktivität nach wie vor für wettbewerbsrechtlich unbedenklich halten und die getroffene Entscheidung insbesondere angesichts der Position internationaler Player im Netz nicht nachvollziehen können, werden wir nicht weiter gegen die Entscheidung vorgehen. Vielmehr werden wir die in der Zwischenzeit unabhängig von dem geplanten Projekt deutlich ausgebauten Video-on-Demand Angebote unserer Gruppe unter der Marke "now" weiter forcieren, wie zuletzt mit dem Start von RTL II now und RTL Nitro now. Im November werden wir diese Familie mit dem Start von n-tv now komplettieren. Vielleicht noch in 2012 werden wir die Now-Angebote auf den TV-Bildschirm bringen als weitere Plattform nach Computer, Smartphones und Tablets. Kunden von Kabel Deutschland werden voraussichtlich bis zum neuen Jahr in den Genuss unserer non-linearen Angebote der Now-Familie kommen. Gespräche mit weiteren Plattformbetreibern laufen, von denen das eine oder andere durchaus fortgeschritten ist.

Ihr Gesellschafter RTL Group hat vor wenigen Wochen die Halbjahreszahlen bekannt gegeben. Was hat der Digitalbereich, den Sie verantworten, zu dem Ergebnis der Mediengruppe RTL Deutschland beigesteuert?

Schröder: Bewegtbild ist der Wachstumsmotor auch im Internet. Mit den professionell produzierten Bewegtbildinhalten der Mediengruppe RTL Deutschland haben wir im ersten Halbjahr 634 Millionen Videoabrufe im Internet erzielt. Ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei der mobilen Nutzung liegen die Wachstumsraten mit 92 Prozent noch deutlich höher. Wir partizipieren damit an zwei Megatrends. Erstens, die Ausdehnung der linearen Nutzung auf alle relevanten Geräte wie beispielsweise auch über Smartphones oder Tablets. Zweitens, die Bereitstellung der Inhalte zur zeitversetzten, nicht-linearen Nutzung. Wir verfolgen dabei konsequent das Prinzip "RTL überall und jederzeit". Das gelingt seit vielen Jahren mit den Sendersites, seit 2006 mit unserem Videoclip-Portal Clipfish und seit 2007 mit RTL now unsere Video-on-Demand Plattform zum zeitversetzten Abruf kompletter Sendungen. Seit 2010 erreichen wir gerade das junge Publikum auch mit der RTL App mit 24-h-Live-TV. Im Februar haben wir darüber hinaus die Second Screen App RTL Inside gestartet, die die Zuschauer parallel zur TV-Ausstrahlung mit TV-synchronen Informationen und Videos versorgt und den Ausstauch mit anderen über soziale Netzwerke ermöglicht. Zum Start der RTL-Show Supertalent werden wir die Second Screen App auch für Tablets und online anbieten. Früher haben wir "nur" Fernsehen gemacht, heute bieten wir Bewegtbildinhalte auf allen Plattformen an - mit weiter zunehmenden Nutzungszahlen bei auch wirtschaftlich sehr gesunder Entwicklung.


„Der Werbemarkt folgt dem Trend“

Wie reagieren die Werbekunden auf diese Entwicklung?

Schröder: Der Werbemarkt folgt diesem Trend erfreulicherweise, die Spots sind sehr gut gebucht. Immer wichtiger wird daher die Erfassung und Ausweisung der Nutzung unserer Inhalte unabhängig vom genutzten Endgerät. In Zukunft muss auch nicht-lineare Nutzung ausgewiesen werden und in den Kosmos der TV-Quoten einfließen. Nach Jahren des Stillstands geht die Entwicklung auch hier endlich in die richtige Richtung einer Konvergenzwährung, die die Nutzung von TV-Inhalten abbildet, wie sie in der Realität längst stattfindet.

Es gibt erste Versuche, Formate nur für das Web zu produzieren. Plant RTL auch solche Experimente?

Schröder: Unsere Schlagkraft liegt nachweislich darin, die Themen im linearen TV für ein Millionenpublikum zu setzen und dann ins Internet zu verlängern. Das ist erfolgreich und gleichzeitig effizient. Darüber hinaus zeigen wir eigene Erzählstränge etwa unserer Soaps nur im Netz, aber die Verbindung zum TV-Format bleibt entscheidend. Gleiches gilt für das Angebot von Previews vor Ausstrahlung im TV bei unseren Now-Portalen. Versuche von Anbietern, nur fürs Netz zu produzieren, waren bisher vielleicht aus Marketingsicht befriedigend, aus Sicht der Nutzung selbst sicher nicht.

Damit tauchen aber plötzlich Wettbewerber auf, die sie als linearer TV-Sender früher nicht hatten - wie zum Beispiel der Axel-Springer-Verlag, der die Digitalisierung sehr intensiv betreibt, oder?

Schröder: Natürlich stellen sich auch andere Inhalte-Anbieter sinnvollerweise multimedial auf. Nur bleibt die Frage, inwieweit das eigentliche Kerngeschäft nachhaltig in die digitale Welt überführt werden kann. Nur wenige Unternehmen haben so gute Voraussetzungen, originäres Bewegtbild zu erstellen und so konsequent über alle Plattformen ausspielen zu können, wie wir. Und professionelles Bewegtbild entfaltet nun mal die größte emotionale Wirkung und damit auch die größte Wirkung für Werbetreibende. Wir haben mit Interesse verfolgt, dass mal ein Infrastrukturbetreiber und auch ein Verlag sich etwa Bundesliga-Teilrechte gesichert haben. Das zeigt, wie attraktiv Bewegtbild sein kann, auch wenn eher offen sein dürfte, ob das jeweilige Engagement ein strategischer Erfolg war.

Also hätten Sie die Rechte an der Fußball-Bundesliga für eine Ihrer Plattformen nicht gerne genommen?

Schröder: Geschenkt immer. Aber zu den kolportierten Konditionen und unter unseren strategischen Zielen hätte sich die Bundesliga für eine einzelne Plattform nicht gelohnt. Es gibt kaum eine Marke, die so zersplittert ist wie diese. Wir setzen, im Sport und auch in anderen Genres, eher auf Exklusivität.


„Signalschutz ist für uns ein wichtiges Thema“

Sie bieten ein eigenes soziales Netzwerk. Lohnt es sich, gegen Facebook oder Twitter anzutreten?

Schröder: "wer-kennt-wen.de" ist ein deutsches, regionales und mit dem Schwerpunkt Sicherheit positioniertes Netzwerk, das auch in Zeiten von Facebook sehr gut funktioniert. Wir haben über neun Millionen sehr aktive Mitglieder, sprechen aber weniger die klassische Metropol-Bevölkerung an, sondern sind eher im lokalen Bereich sehr stark. Unsere Mitglieder interessieren sich für regionale Themen, reden eher über ihre Haustiere, ihren Verein, ihr Auto. Ein deutsches soziales Netzwerk mit seinen spezifischen Stärken kann neben einem international dominanten Anbieter wie Facebook bestehen, auch wenn es sicher einfachere Aufgaben gibt. Daneben nutzen wir natürlich auch Facebook als Distributionskanal. Denn die Sendungen der Mediengruppe RTL Deutschland bieten täglichen Gesprächsstoff in sozialen Netzwerken. Sie werden dort aber keine umfassenden Inhalte von uns finden, sondern Teaser oder Videoclips, die immer auf unsere eigenen Angebote verlinken, damit die Nutzung bei uns stattfindet und wir die Vermarktungsmöglichkeiten nutzen können. So entsteht ein sehr interessantes Öko-System.

Welche Bedeutung hat es in diesem System, den eigenen Content zu schützen und die volle Kontrolle zu behalten?

Schröder: Der Signalschutz ist für uns ein wichtiges Thema, wir wollen natürlich mitbestimmen, was mit unseren Inhalten geschieht. Wir wollen vermeiden, dass Anbieter auf der Basis unserer mit hohen Investitionen verbundenen Inhalte Geschäfte machen, ohne uns zu beteiligen. Wir haben etwas dagegen, dass unsere Inhalte von Dritten ungefragt überblendet oder eigene Werbung darüber geschaltet wird.

Hat es deswegen so lange gedauert, das Sie sich mit einem Netzbetreiber wie Kabel Deutschland über die Einspeisung ihres Signals geeinigt haben und man RTL dort heute nicht in HD aufzeichnen kann?

Schröder: Auch in der linearen Welt ist der Signalschutz wichtig. Grundsätzlich erlauben wir Privatkopien, egal bei welchen Partnern. Sie können unser HD-Signal aufzeichnen, wenn es eine Vorspulsteuerung gibt, die das Überspringen der Werbung unterbindet. Allerdings sind die technischen Möglichkeiten, um das Vorspulen zu verhindern, bisher nur begrenzt vorhanden. Wer HD empfängt, kann aber auch immer SD empfangen. Wenn also das Vorspulen im Vordergrund steht, kann der Zuschauer auch SD aufnehmen.


„Verschlüsselung und Digitalisierung sind kein Widerspruch“

Wenn ich bei RTL now eine Daily Soap gucke, kann ich die Pre-, Mid- und Post-Roll nicht vorspulen. Diese Werbespots muss ich also sozusagen ertragen - dafür kann ich die Folge jederzeit gucken. Diese Steuerung der nicht-linearen Nutzung würden Sie gerne auf die Nutzung von nicht-linearen Inhalten auf dem großen Bildschirm überführen. Richtig?

Schröder: Wir möchten natürlich maximale Benutzerfreundlichkeit, unter der Prämisse, dass unser Geschäftsmodell des werbefinanzierten Fernsehens geschützt bleibt, denn nur so können wir auch in Zukunft attraktive Inhalte anbieten, egal auf welcher Plattform. Für die Unterbrecherwerbungen einer nicht-linearen Sendung wäre das ein denkbares Modell, es ist aber heute technisch noch sehr aufwendig. Eins ist mir zum Thema Signalschutz aber noch wichtig: In Aussagen der Landesmedienanstalten zum Thema Verschlüsselung wurde suggeriert, dass die Themen Verschlüsselung und Signalschutz ein Digitalisierungshemmnis seien. Diese Aussagen haben wir mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, und sie halten einem Faktenabgleich nicht stand. In Deutschland ist der Empfang vom Satelliten unverschlüsselt und viele Kabelnetze sind es auch. Im europäischen Ausland ist die Verschlüsselung viel weitgehender umgesetzt und dennoch ist der Digitalisierungsgrad dort viel weiter fortgeschritten als bei uns. An der Verschlüsselung kann es also nicht liegen. Verschlüsselung und Digitalisierung sind kein Widerspruch. Wir gestalten vielmehr aktiv die Digitalisierung und bringen sie mithilfe der Landesmedienanstalten auch im Kabel gern voran, gerne auch durch eine sogenannte harte inselweite Umschaltung. Wie erfolgreich ein solcher Umstieg gemeistert werden kann, zeigte Ende April die gemeinschaftlich über zwei Jahre aktive Initiative "klardigital" zur Abschaltung des analogen Satelliten unter aktiver Beteiligung der Mediengruppe RTL Deutschland.

Wie sieht in dieser Umgebung für Sie die ideale Mediennutzung der Zukunft aus?

Schröder: Der große Fernseher wird weiterhin das Zentrum des Wohnzimmers darstellen und darauf wird Bewegtbild weit überwiegend genutzt, zumeist linear, aber auch zeitunabhängig. Verschiedene Geräte werden selbstverständlich sein, die von den Zuschauern im Grad ihrer "Privatheit" unterschieden werden. Das Smartphone ist sehr privat, damit kann ich Mails schreiben, ohne dass jemand mitliest. Der Fernseher ist öffentlich, da möchte ich keine privaten vertraulichen Dinge kommunizieren. Eine konvergente Nutzung, also eine begleitende, verlängernde Nutzung zum laufenden Programm auf dem großen Bildschirm wird es auf einem Tablet, dem Second Screen geben.

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