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Russischer Unternehmer in Haft Vom IT-Überflieger zum Landesverräter

Ilja Satschkow, Gründer und Chef des russischen IT-Unternehmens Group IB, wurde wegen des Verdachts auf Hochverrat festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Quelle: imago images

Der Russe Ilja Satschkow galt mit seiner Group IB für Behörden und Unternehmen weltweit als verlässlicher Partner. Nun hat ihn Russland wegen Geheimnisverrat ans Ausland inhaftiert. Wie es so weit kommen konnte.

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Es war eine hochriskante Darbietung, eine Zitterpartie am Drahtseil, die für den Russen Ilja Satschkow lange Zeit gut zu gehen schien. Der 35-jährige galt als einer der begabtesten IT-Unternehmer Russlands. Die von ihm noch zu Studienzeiten in Moskau gegründete Group IB galt ihrerseits weltweit als eine der besten Adressen, um sich vor Hackern zu schützen und Angriffe von Cyberkriminellen abzuwehren. Vergangene Woche dann der Rückschlag: Satschkow wurde von den russischen Behörden verhaftet, angeblich wegen Hochverrats. Was war passiert?

Russlands Geheimdienste und Moskaus Innenministerium gehörten zu Satschkows Stammkunden, ebenso wie russische und internationalen Konzerne, globale Behörden wie Europol und Interpol und sogar das amerikanische FBI. 2020 etwa half die Group IB Europol und einem Team aus ungarischen, italienischen und britischen Fahndern Kreditkartenbetrug in Höhe von 40 Millionen Euro zu verhindern. Das Unternehmen eröffnete Niederlassungen in Singapur, Dubai und Amsterdam. Im vergangenen Jahr schmiedeten die Russen eine Partnerschaft mit dem bayrischen Vertriebspartner Ectacom GmbH, um auch in deutschsprachigen Ländern Kunden zu gewinnen. Zu den Geschäftszahlen macht die Group IB keine Angaben, der Wert des Unternehmens wird von russischen Experten zuletzt auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt.

In den Moskauer IT-Kreisen, aber auch vielen im Kreml galt Satschkows Offenheit nach Ost und West als waghalsig. Schließlich driften Russland und der Westen seit Jahren in eine Neuauflage des Kalten Krieges. Als Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB vor wenigen Tagen die Handschellen an Satschkows Handgelenken zuklackten, klappte dieses riskante Konstrukt nun zusammen.

Seitdem sitzt Satschkow im Moskauer Untersuchungsgefängnis Lefortowo. Die Ermittler werfen ihm Landesverrat vor. Im schlimmsten Fall drohen Satschkow nun bis zu 20 Jahre in einem russischen Straflager. Zu den Hintergründen der Vorwürfe ist bislang nur wenig bekannt. Eine anonyme Quelle sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, Satschkow habe möglicherweise geheime Informationen an ausländische Geheimdienste weitergegeben. Eine Chance auf mehr Transparenz gibt es kaum, denn nach russischem Recht sind auch die Verfahren vor Gericht geheim, sodass die genauen Vorwürfe oft auch nach einer Verurteilung vage bleiben. Das Tagesgeschäft, so eine Sprecherin der Group IB, laufe bislang wie gewohnt weiter. Doch die weitere Zukunft des Unternehmens ist ungewiss.

Der Fall Satschkow schlug in der russischen IT-Branche ein wie eine Bombe. Zwar hatte es in Russland zuletzt eine ganze Reihe zweifelhafter Verfahren wegen Landesverrats gegeben. Bislang waren davon jedoch entweder Wissenschaftler an militärnahen Instituten, hochrangige Mitarbeiter von Staatskonzernen oder Geheimdienstler selber betroffen. Für Aufsehen sorgte zuletzt auch der Fall des Moskauer Journalisten Iwan Safronow, der nicht näher genannte, geheime Dokumente an den tschechischen Geheimdienst weitergegeben haben soll. „Früher gab es pro Jahr vielleicht zwei oder drei solcher Verfahren. Heute sind es zehn bis fünfzehn“, sagt etwa auch Iwan Pawlow, ein Anwalt, der sich auf Verrats-Verfahren spezialisiert hat. Die allgemeine Hexenjagd auf Spione und der militaristische Kurs des Kremls würden solche Verfahren begünstigen, so Pawlow.

Dass die Behörden nun auch in der aufstrebenden IT-Branche des Landes zuschlagen, ist dagegen neu. Bislang hat der Staat seine Fühler in diesem Bereich auf sanftere Art ausgestreckt. Etwa als der russische Suchgigant Yandex im vergangenen Jahr genötigt wurde einen Beirat zu etablieren, der über Verkäufe größerer Aktienpakete des Unternehmens an ausländische Investoren mitentscheiden soll und damit faktisch verhindert, dass Russlands IT-Gigant einflussreiche Aktionäre aus dem Ausland bekommt.

Früher zu Gast bei Putin, jetzt in U-Haft

Die Vorwürfe gegen Satschkow überraschen auch, weil der Russe über beste Verbindungen in Moskau verfügte. Gleich drei Mal traf er Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich, empfing zum Dank für seine Arbeit mehrere Urkunden vom Inlandsgeheimdienst FSB und dem Verteidigungsministerium. Neider und Oppositionelle hatten Satschkow sogar zu viel Nähe mit den russischen Behörden vorgeworfen und seinen unternehmerischen Aufstieg allein mit dem Zugang zu lukrativen Staatsaufträgen erklärt. Dabei war Satschkow einer der wenigen, der sich offen traute, den russischen Staat, also einen seiner Auftraggeber, zu kritisieren. Bei einem öffentlichen Treffen mit Regierungschef Mikhail Mischustin warf er den russischen Behörden Untätigkeit vor, weil international gesuchte Hacker in Moskau seelenruhig und unbehelligt leben können.

Dass Satschkow tatsächlich ein Verräter oder gar Spion sein könnte, daran zweifeln die allermeisten Moskauer Branchenkenner. Bislang kursieren gleich mehrere mögliche Erklärungen für die Verhaftung des Unternehmers. Die wohl populärste dreht sich um den ehemaligen Chef des Zentrums für IT-Sicherheit des FSB, Sergej Michailow, der 2019 selber zu 22 Jahren wegen Landesverrats verurteilt wurde. Michailow galt lange Zeit als ein Gönner Satschkows. Andere Experten halten es für möglich, dass Satschkows Kooperation mit westlichen Offiziellen aus russischer Sicht zu eng wurde. Kaum jemand glaubt jedoch an tatsächlichen Verrat, auch wenn der IT-Experte durchaus Zugang zu geheimen Informationen gehabt haben könnte.

„Ilja war ein Patriot, der an seiner Moskauer Alma Mater unterrichtete, um die jungen IT-Talente zu überzeugen in Russland zu bleiben“, sagt ein IT-Unternehmer aus Moskau, der zu Satschkow ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Zudem habe der 35-jährige eigenhändig verwaiste Soldatengräber aus dem Zweiten Weltkrieg gepflegt. „Gleichwohl wusste Ilja, dass er es für sein Unternehmen und für ihn in Russland gefährlich werden könnte“.

Tatsächlich hatte Satschkow sich in den vergangenen Jahren um mehr Distanz zum russischen Staat bemüht. Noch im vergangenen Jahr freute sich Satschkow, dass sein Unternehmen mittlerweile die Hälfte seines Umsatzes außerhalb der ehemaligen Sowjetunion mache. Im Frühjahr erklärte der Group-IB-Gründer, er wolle sein Unternehmen an einer ausländischen Börse listen. Als die Group IB ihren Hauptsitz 2019 nach Singapur verlegte, sagte Satschkow, dass sein Unternehmen von da aus weiterarbeiten würde, sollte die Moskauer Vertretung irgendwann schließen müssen. Noch vor gut zwei Jahren klagte Satschkow in einem Interview, dass die Behörden ohne Umschweife von ihm fordern, seine Tätigkeit im Ausland einzustellen. „Das CIA wird euch kaufen und dann schreibt ihr in euren Berichten, was die Amerikaner wollen“, beschrieb er den Vorwurf aus dem Kreml.



Waren am Ende also Satschkows Versuch, sich unabhängig zu machen, und sein Lavieren zwischen den Fronten genug für den FSB, um den jungen Unternehmer wegzusperren? Für Andrej Soldatow, der sich als Buchautor und Journalist auf den FSB und die staatliche Kontrolle übers Internet und den IT-Sektor spezialisiert hat, ist das durchaus schlüssig. „Der Kreml möchte jegliche Interaktion beim Thema Cyber-Sicherheit mit den USA selber kontrollieren“, so Soldatow. Selbst semi-unabhängige Akteure werden nicht akzeptiert.

Mehr zum Thema: Der Ruf als Hackerparadies stellt für Russland nicht nur ein politisches Problem dar. Nun wird das Land selbst zum Ziel von Attacken.Wie das Imperium sich selbst schlägt.

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