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Salesforce Co-CEO Keith Block „Wir sind kein Tanker“

Keith Block (57) ist Co-CEO des rasch wachsenden kalifornischen Online-Softwareunternehmens Salesforce Quelle: Bloomberg

Der Softwareanbieter Salesforce wird immer mächtiger – und im nächsten Jahr 20 Jahre alt. Konzernchef Keith Block beharrt darauf, dass man noch lange nicht zu der von ihm geschmähten alten Riege wie Oracle und SAP gehöre.

Mr. Block, Sie sind seit August neben Gründer Marc Benioff gleichberechtigter CEO von Salesforce. Warum jetzt diese Doppelspitze?
Das hat mit der wachsenden Größe und Komplexität unseres Unternehmens zu tun. Wir wollen bis 2022 einen Umsatz von 23 Milliarden Dollar erreichen, was vom Wachstum her in der Softwarebranche einzigartig ist. Marc fokussiert sich auf Strategie, Kultur und Produktentwicklung, ich mich auf den operativen Betrieb, Ausführung und Wachstumsstrategie. So machen wir das bereits, seit ich vor fünf Jahren zu Salesforce kam.

Doppelspitzen haben allerdings keinen guten Ruf in der Wirtschaft.
Eine gute Beziehung basiert auf Vertrauen. Marc und ich kennen uns seit 1986, als wir bei Oracle starteten. Wir sind befreundet. Wir haben unterschiedliche Blickwinkel auf Probleme. Das Zusammenspiel funktioniert hervorragend, wie unsere Resultate zeigen.

Da Sie über Vertrauen sprechen: Es gibt mittlerweile weltweit Zweifel, ob die Tech-Unternehmen im Silicon Valley dieses noch verdienen. Wie sehen Sie das?
Vertrauen ist das Fundament unserer Kultur. Gerade bei uns, wo es um Kundendaten geht. Wenn man kein Vertrauen genießt, hat man nichts. Privatsphäre wiederum ist der Bruder oder die Schwester von Vertrauen. Wir begrüßen, was die EU mit ihren Datenschutzvereinbarungen tut und meinen, dass es auch für die USA ein Vorbild sein kann. Wir brauchen in diesem Bereich dringend verlässliche Abkommen zwischen Wirtschaft und Behörden, damit die digitale Neugestaltung der Wirtschaft vorankommt und nicht strauchelt.

In Tech-Unternehmen wird kontrovers diskutiert, wie eng man mit der Regierung arbeiten kann, wenn die Produkte für kontroverse Zwecke genutzt werden. Unter Ihren Mitarbeitern gab es Kritik an dem Vertrag mit der US-Grenzschutzbehörde.
Erst einmal, wir tolerieren nicht, dass Kinder und Eltern (nach einem illegalen Grenzübertritt, Anm. d. Redaktion) getrennt wurden. Das ist grundfalsch und unmoralisch, da gibt es nichts zu Diskutieren. Unsere Produkte, um das ganz klar festzuhalten, werden dafür nicht genutzt. Die US-Regierung ist unserer Kunde. Sie ist dazu da, ihren Bürgern zu dienen, beispielsweise um deren Sicherheit zu schützen. Das tun unsere Produkte und deshalb arbeiten wir auch weiterhin mit der Regierung.

Sie haben gerade eine enge Kooperation mit Apple vereinbart. IBM unterhält eine ähnliche im Unternehmensgeschäft schon seit Jahren. Im Markt sieht man wenig davon. Wird das bei Salesforce anders sein?
Die Allianz mit Apple ist großartig. Sie bringt das bedeutendste Unternehmen der Mobilität mit dem im Kundenbeziehungsmanagement zusammen. Das ist gut für die Kunden beider Partner. Apple ist für uns hochinteressant, gerade was die Apps auf mobilen Geräten angeht, die Möglichkeiten für Entwickler, die Sprachassistentin Siri. Unsere Kunden fordern solche Partnerschaften, wie wir sie auch beispielsweise mit Google geschlossen haben.

Salesforce setzt bei seiner Künstlichen-Intelligenz-Initiative namens Einstein ebenfalls auf Sprachsteuerung. Warum treiben Sie die eigene Entwicklung voran, wenn es im Markt mit Alexa von Amazon oder Assistant von Google schon viel Wettbewerb gibt?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Sprachsteuerung eine tragende Rolle in unserer Branche spielen wird. Wie bei jeder Innovationswelle versuchen viele Unternehmen, sie zu nutzen. Es wird viel investiert, es werden eine Menge Allianzen geschlossen, die Landschaft formiert sich und bereinigt sich auch. Das ist nicht nur in der Techbranche so, sondern auch in andern Sektoren der Wirtschaft. Wir bauen unsere Stärken aus. Das hindert uns nicht daran, mit anderen Anbietern Kooperationen zu schließen. Der Gradmesser ist, ob das unseren Kunden nutzt.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Geschäften in Deutschland?
Deutschland ist unser am schnellsten wachsender Markt. Wir haben dort nicht ohne Grund viel investiert. Es ist ein interessantes Land, vor allem was seine Ingenieurskultur angeht. Wir sehen dort gerade viel Innovation in der Wirtschaft. Beispielsweise bei unserem Kunden Adidas, eine seit vielen Jahrzehnten erfolgreiche Marke bei Konsumenten. Das Geschäftsmodell dahinter war jedoch bislang klassisches business to business. Das ändert sich gerade, Adidas rückt noch stärker an den Verbraucher heran. Diese noch stärkere Ausrichtung direkt zum Endkunden hin zieht sich durch die ganze Wirtschaft. Neu ist, dass sie nun Chefsache ist. Entweder man hat eine offensive oder eine defensive Strategie, um sich auf die Veränderungen einzustellen. Wenn man nichts hat, setzt man sein Unternehmen aufs Spiel.

Sie reden viel über Chancen, Erfolge und Mut zum Risiko. Wovor fürchten Sie sich eigentlich?
Meine persönlichen Phobien? Wollen wir wirklich darüber reden? Nein, im Ernst, ich mache mir stets Gedanken darüber, wie wir sicherstellen, dass wir unsere Dynamik behalten. Ich sorge mich nicht um Wettbewerb. Der war immer da, den wird es immer geben. Die Welt liegt vor uns, mit jeder Menge Chancen. Wir müssen nur sicherstellen, dass wir sie erschließen.

Das wollen und sagen Ihre Wettbewerber wie Oracle und SAP auch und bauen Ihre Cloud-Offerten aus.
Selbst wenn man Cloud-Lösungen anbietet und diese als Abomodell offeriert, bedeutet das noch lange nicht, dass man auch ein Cloud-Unternehmen ist. Das ist nämlich nicht nur eine Frage der Technologie und des Geschäftsmodells. Sondern zu allererst eine Frage der Unternehmenskultur. Ist man bereit, eng mit Kunden zu arbeiten und die Angebote auf sie auszurichten und flexibel zu gestalten? Es ist verdammt schwer, eine Unternehmenskultur, die in der Vergangenheit der Softwarebranche geformt wurde, neu auszurichten. Es ist wie ein Tanker, der plötzlich zum Schnellboot werden muss.

Nun wird Salesforce im nächsten Jahr 20 Jahre alt. Stehen Sie nicht bereits an der Spitze eines sogenannten Legacy-Unternehmens, sind ebenfalls ein Tanker?
Nein. Überhaupt nicht. Welche Innovationen geschehen denn noch bei ERP-Systemen (Geschäftsressourcenplanung)? Das ist Geschichte, war 1999 auf dem Höhepunkt. Die Digitalisierung der Wirtschaft benötigt andere Stärken und Produkte.

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