1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. IT
  4. Intel vs. Nvidia und AMD: „Überall ist KI – außer bei Intel“

Schwächelnder Chipkonzern„Überall ist künstliche Intelligenz – außer bei Intel“

Seit drei Jahren steht Pat Gelsinger an der Spitze von Intel. Seine Amtszeit ist bislang vom Schrumpfen dominiert. Auch bei künstlicher Intelligenz tut sich der Konzern schwer.Matthias Hohensee 17.02.2024 - 08:09 Uhr

Volldampf voraus? Fünf Jahre hat sich Pat Gelsinger Zeit gegeben, seine ehrgeizigen Pläne für Intel umzusetzen. Nach drei Jahren fällt die Bilanz durchwachsen aus.

Foto: AP

Als Pat Gelsinger 2021 zum Intel-Chef gekürt wurde, machte sich Erleichterung in der Belegschaft breit. Endlich einer, der versteht, wie der Konzern tickt. Schließlich waren die Probleme bei dem Konzern, der sich rühmt, das „Silicon“ ins „Silicon Valley“ gebracht zu haben, immens: Produktionsprobleme, Verspätungen bei neuen Produkten, den Markt für Smartphone-Chips vertändelt, Führungschaos und Flucht von Talenten und Großkunden wie Apple. Aktivistische Aktionäre forderten das Zerlegen des Halbleiterbranchen-Primus. 

Wer würde damit besser umgehen können als Gelsinger, der einst mit 18 Jahren in der Intel-Qualitätskontrolle angefangen hatte und nach dem Elektrotechnikstudium zum ersten Technologiechef aufgestiegen war, der die Stärken und Schwächen von Intel kannte? „Ich komme zurück nach Hause“, beruhigte Gelsinger. Und versprach, den Konzern nicht nur zusammenzuhalten, sondern sogar auszubauen – mit der zusätzlichen Rolle als Auftragsfertiger, die Intel zuvor nie ernsthaft verfolgt hatte. Investoren hofften auf den „Gelsinger-Effekt“ und zogen Parallelen zu Steve Jobs. Der war bei Apple auch als verlorener Sohn triumphal zurückgekehrt. „Durch das ganze Unternehmen ging ein Ruck“, erinnert sich ein deutschstämmiger Manager, der damals im Hauptquartier in Santa Clara arbeitete.

Drei Jahre ist das nun her. Gelsingers Image in der Branche ist weiterhin gut, Mitarbeiter schätzen seine bedachte Art und sein sympathisches Auftreten. Aber an der Wall Street, bei Anlegern und Analysten wächst die Ungeduld. Denn bislang ist Gelsingers Amtszeit vor allem von einer Konstante geprägt: Rückgang. Der Rekordumsatz von 79 Milliarden US-Dollar im Jahr des Amtsantritts, angefacht von der massiven Nachfrage nach Computern während Covid? Lange vergessen. Der Jahresumsatz von Intel ist seitdem kontinuierlich auf nunmehr 54 Milliarden Dollar geschrumpft. Noch alarmierender sieht es beim Gewinn aus. Der ist von rund zwanzig Milliarden Dollar auf nur noch 1,7 Milliarden Dollar im Jahr 2023 zusammengeschmolzen.

Die Intel-Aktie hat seit Gelsingers Einzug ins Hauptquartier um ein Drittel nachgegeben. Was unter anderem daran liegt, dass die Dividende gekürzt wurde. 2020 waren es noch sagenhafte 19,8 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr wurden für Dividenden und Aktienrückkäufe nur noch 3,1 Milliarden Dollar bereitgestellt.

In der Kernsparte schmilzt der Umsatz

„We are an industry leader“ ist der aktuelle Jahresbericht von Intel überschrieben. Tatsächlich konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr wegen Preiskämpfen und Verwerfungen im Halbleitermarkt die Krone als umsatzstärkster Chiphersteller der Welt von Samsung zurückgewinnen, hat das Beratungsunternehmen Gartner errechnet.

Aus der Lektüre des Berichts könnte man das allerdings nicht schließen. In fast allen Bereichen ist der Umsatz gefallen. In der Kernsparte, die Prozessoren für Desktops und Notebooks offeriert und derzeit der einzige signifikante Gewinnbringer im Konzern ist, ging der Umsatz um 2,5 Milliarden Dollar auf 29,3 Milliarden Dollar zurück. Schuld sind die in den Corona-Jahren vorgezogenen Käufe, die seit zwei Jahren die Nachfrage dämpfen.

Die zweite wichtigste Umsatzsäule – Serverchips für Rechenzentren und künstliche Intelligenz – ist von 19,4 Milliarden Dollar auf 15,4 Milliarden Dollar gefallen. In der Sparte für Netzwerklösungen knickte der Umsatz sogar um 45 Prozent ein.

Die wenigen Umsatzsteigerungen stammen aus Neugeschäften wie Mobileye, dem noch unter Gelsingers Vorvorgänger Brian Krzanich zugekauften Spezialisten für Fahrassistenzsysteme und autonomes Fahren. Und der Auftragsfertigung. Doch die so gewonnenen Umsätze sind überschaubar. Bei Mobileye sind es 2,1 Milliarden Dollar. Die Auftragsfertigung, in die momentan Milliarden gesteckt werden, konnte ihren Umsatz verdoppeln – auf eine Milliarde Dollar.

Sicher, die Chipbranche ist traditionell von tiefen Zyklen geprägt. Vergangenes Jahr war die Nachfrage nach Prozessoren besonders schlecht, ausgenommen Grafikchips für Künstliche Intelligenz.

Chiphersteller Arm

Wird dieses britische Unternehmen ein zweites Nvidia?

von Marlon Bonazzi

Intels beharrlicher Schrumpfkurs ist umso bitterer, da ausgerechnet die Konkurrenz aus dem Silicon Valley sich nicht nur gut schlägt, sondern sogar Rekorde feiert. Sowohl AMD als auch Nvidia sind in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Das von Mitgründer Jensen Huang geführte Nvidia ist derzeit der wertvollste Chipanbieter der Welt. Am 21. Februar wird Nvidia seine Quartalszahlen bekannt geben. Es sieht ganz so aus, als ob Huang dank des Booms bei künstlicher Intelligenz das Kunststück gelingen könnte, im Finanzjahr 2023 Intel beim Umsatz zu überrunden.

Beim Gewinn spielt Nvidia ohnehin in einer anderen Liga – sagenhafte über 20 Milliarden Dollar in den vergangenen zwölf Monaten. Bitter ist auch, dass inzwischen sogar AMD Intel beim Börsenwert überholt hat. In einem schwierigen Jahr für PC-Prozessoren konnte AMD laut dem Marktforschungsunternehmen Mercury Research sogar leicht beim Marktanteil zulegen, während Intel schrumpfte.

Ausgerechnet AMD, ein Konkurrent, der über viele Jahre nicht ernst genommen und als Billigheimer und Wadenbeißer verhöhnt wurde.

KI-Quiz

Test: Können Sie die echten Menschen von den Fälschungen unterscheiden?

Bis vor Kurzem konnte man leicht sehen, wenn ein Bild von einer KI generiert war, selbst ohne größere Patzer. Bei den neuen Modellen ist das kaum noch möglich. Oder erkennen Sie, welche Bilder echte Menschen zeigen?

Der Spurt beim Börsenwert hat vor allem mit der Ekstase bei künstlicher Intelligenz zu tun. Sie zwingt die großen Datenzentren-Anbieter wie Amazon, Microsoft und Google in ihre Infrastruktur zu investieren und treibt die Nachfrage nach Chips, vor allem Grafikprozessoren. Nvidia ist bei AI-Prozessoren momentan der Goldstandard, dominiert das Geschäft mit Marktanteilen jenseits der 80 Prozent, ist auf Monate hinaus ausverkauft.

AMD-Chefin Lisa Su hat sich gerade aufgemacht, mit einem Konkurrenzprodukt namens MI300 Nvidia die Stirn zu bieten. Das hat Anleger so elektrisiert, dass AMD – gemessen am prognostizierten Wachstum – derzeit sogar höher als Nvidia bewertet wird.

Die neue Hardware verkauft sich nicht

Intel hingegen tut sich mit dem Boom der generativen Künstlichen Intelligenz schwer. Zwar hat es auch eigene KI-Beschleuniger, die aus dem Zukauf des israelischen Unternehmens Habana Labs aus dem Jahr 2019 stammen. Mit Ponte Vecchio offeriert Intel einen hochentwickelten GPU-Chip für Supercomputer und Künstliche Intelligenz. Er wurde noch vor dem Boom der generativen KI konzipiert. Mit Gaudi gibt es zudem einen KI-Beschleuniger, der sich rasch skalieren lässt. Die Intel-Produkte sähen gut auf dem Papier aus, konstatiert Analyst Ryan Shrout von Signal 65. Aber große Verkäufe seien bislang ausgeblieben. Denn Nvidia punktet nicht nur mit seiner Hardware, sondern auch mit seiner Software und der engen Bindung zu Entwicklern. Hans Mosesmann, Analyst bei Rosenblatt Securities, wird noch deutlicher. „Es sieht so aus, als ob KI überall ist, nur nicht bei Intel“, spottet er.

Trost spendet, dass der Boom der auf KI spezialisierten Grafikchips von Nvidia auch Intel hilft, weil die Rechenzentren oft mit zusätzlichen Serverchips von Intel verstärkt werden. Der Anteil wird mittlerweile auf ein Drittel der Rechenzentren-Sparte von Intel geschätzt. Der Einbruch dort könnte also noch viel dramatischer aussehen.

Gibt es also nur Kritik an Intel? Das Unternehmen spaltet die Gemüter. „Es gibt Analysten, die nie etwas Positives bei Intel sehen“, meint Daniel Newman, Chef des Beratungsunternehmens Futurum Group, der Intel unfair behandelt sieht.

Dass beispielsweise der Umsatz so stark zurückgegangen ist und die Schulden steigen, hat auch damit zu tun, dass Gelsinger den Ausstieg aus dem volatilen Geschäft mit Speicherchips weiter vorangetrieben hat und zudem kräftig in seine Fabriken investiert.

Hoffen auf geopolitische Krisen

„Pat hat von Anfang an klargemacht, dass das Neuaufstellen von Intel eine längerfristige Geschichte ist“, verteidigt Bob O' Donnell von Technalysis Research den Konzernchef. Fünf Jahre Zeit, bis 2026, hat Gelsinger sich erbeten, um die Intel-Chips zu verbessern und gleichzeitig bei der Produktion wieder Weltspitze zu werden.

Langfristig habe Intel eine riesige Chance, meint Newman von der Futurum Group. „Intel hat die Chance ergriffen, zum Chiphersteller der westlichen Welt aufzusteigen.“

Aktienanalyse

Tech, Chips und Japan – Was Canons große Pläne für Anleger bedeuten

von Alan Gałecki

Nvidia und AMD profitieren zwar derzeit davon, dass sie keine eigene Chipfertigung haben. Sie lassen ihre Produkte hauptsächlich beim taiwanesischen Auftragsfertiger TSMC herstellen. Dessen Fähigkeiten, Transistoren in immer kleinere Strukturen zu packen, inzwischen wird an 2 Nanometer Fertigungstechnologien gearbeitet, sind unerreicht. Selbst Intel bucht Kapazitäten bei TSMC.

Über dem Weltmeister beim Chipfertigen hängt jedoch der Konflikt mit China. Eine Invasion von Taiwan würde die ganze Chipbranche erschüttern. Zwar baut TSMC auch Produktionsstätten im Ausland auf. In Japan beispielsweise oder in Arizona, in der Nähe der Fertigung von Intel. Dort werden 40 Milliarden Dollar in gleich zwei Fabriken investiert. Doch das Projekt ist von Verzögerungen geplagt. Die erste Fabrik sollte eigentlich dieses Jahr mit der Fertigung von 4 Nanometer Chips starten. Nun ist sie auf nächstes Jahr verschoben, wegen Mangel an Experten. Die zweite Fabrik, die noch gebaut wird und drei Nanometer Chips produzieren soll, wird nicht wie geplant 2026, sondern frühesten 2027 mit der Produktion beginnen. In Dresden ist eine weitere Fabrik geplant.

Die Expansion von TSMC, der Perle der taiwanesischen Wirtschaft, ist für die Regierung von Taiwan zweischneidig. Denn die Anwesenheit von TSMC ist für die Insel auch ein Sicherheitsfaktor, dass die USA und die westliche Welt bei einem Konflikt beistehen. An der Dominanz der Produktion in Taiwan wird sich so schnell nichts ändern.

Auch bei Intel gibt es Verzögerungen beim Bau seiner beiden neuen Chipfabriken in Ohio. Laut dem Wall Street Journal werden sie statt dem nächsten Jahr frühestens Ende 2026 die Produktion aufnehmen können. Gelsinger hat klargemacht, dass er die Risiken mit Subventionen mindern will. Die fließen allerdings in den USA langsamer als gedacht und sind mittlerweile Wahlkampfthema. Auch in Deutschland reißen die Debatten nicht ab, ob man wegen der Lücken im Haushalt sich leisten kann, die zwei von Intel nahe Magdeburg geplanten Chipfabriken mit knapp zehn Milliarden Euro zu subventionieren.

Geht Gelsingers Fünfjahresplan auf, wäre Intel neben Samsung einer der raren Anbieter, der nicht nur eigene Prozessoren entwickelt, sondern diese auch selbst herstellt und zugleich als Auftragsfertiger für Chip-Anbieter ohne eigene Fabriken fungiert. Letzteres gilt als Wachstumsgeschäft. Auch Microsoft, Amazon und Google entwickeln mittlerweile ihre eigenen Prozessoren für Rechenzentren.

Im Wettbewerb der Blöcke könnte Intel also der bevorzugte Anbieter für den Westen werden, besonders bei sicherheitsrelevanten Produkten, was strenggenommen mittlerweile alles ist, was mit KI zu tun hat. Im Silicon Valley gibt es bereits Gerüchte, dass Nvidia auch Intel als Fertiger verpflichten könnte, um sich besser abzusichern. Man braucht viel Know-How, um moderne Chipfabriken hochzuziehen. „Intel hat es“, sagt Technalysis Analyst O' Donnell. „Selbst wenn Nvidia wollte, könnten sie nicht einfach eigene Fabriken bauen.“

Die große Frage ist jedoch, wie stark Intel noch hinter TSMC Fertigungsvorsprung zurückliegt. TSMC und Samsung produzieren derzeit 3-Nanometer-Chips. Intel schafft derzeit nur 7-Nanometer-Chips. Kann der Halbleiterbranchen-Primus gleich mehrere Generationen überspringen?

Momentan ist das schwer einzuschätzen, meint Branchenkenner O' Donnell. Aber Gelsinger verwende viel seiner Zeit darauf, die Produktion fit zu machen. An seiner Seite hat er Ann Kellleher. Die irische Ingenieurin ist dafür bekannt, „dass sie Leuten auch mal kräftig in den Hintern tritt und sicherstellt, dass zugesagte Sachen auch geschehen“, sagt O' Donnell.

Die Branche horchte auf, als bekannt wurde, dass Intel hochmoderne Belichtungsmaschinen beim niederländischen Ausrüster ASML bestellt hat. Diese sollen in der Lage sein, Strukturen von 2 Nanometern in die Siliziumwafer zu bringen. Doch die große Herausforderung ist, die Produktion mit möglichst wenig Ausschuss hochzufahren und vor allem sie dann hochzuskalieren.

Zweistellige Rückgänge erwartet

Kurzfristig muss Gelsinger erstmal beweisen, dass er im Markt für Rechenzentren wieder zulegen kann und seine KI-Produkte überzeugender vermarkten. Er setzt dabei auf seinen neuen Gaudi3-Chip, der in diesem Jahr gegen Nvidias und AMDs Produkte antreten soll. Große Wachstumschancen sieht er auch bei Prozessoren für Notebooks und Desktops, die mit KI-Beschleunigern aufgerüstet werden. In dem Markt ist jedoch auch schon AMD aktiv, auch Qualcomm will hier punkten. Zudem ist die Frage, wie hoch hier die Nachfrage tatsächlich ist, wenn viele Dienste bereits über die Cloud geliefert werden.

Hinzu kommt, dass KI noch in den Kinderschuhen steckt und der Markt stärker in Richtung Anwendung von KI geht, statt dem Schaffen von neuen Modellen.

Helfen könnte Gelsinger, dass sich der Markt für PC-Prozessoren wieder normalisiert. Im vierten Quartal konnte der Umsatz in dieser Sparte um 33 Prozent gesteigert werden. „Wir erwarten, dass das PC-Geschäft in diesem Jahr wächst“, erwartet Gelsinger.

Das Geschäft mit Serverchips bleibt jedoch angespannt. Intel erwartet hier zweistellige Rückgänge im ersten Quartal, was die Aktie belastet.

2024 werde zeigen, wie schnell Gelsingers Transformationsstrategie vorankommt, meint Analyst Shrout. „Kann der einst unangreifbare Tech-Riese wieder auf die Beine kommen und sowohl in der Produktion als auch bei den Produkten Spitzenleistungen bieten?“, fragt Shrout. „Oder wird er weiterhin von Nvidia, AMD oder sogar Qualcomm geschlagen werden – Unternehmen, die bis vor kurzem nur Fliegen waren, die um seinen Kopf herumschwirrten?“

Lesen Sie auch: Warum sich der Bau einer Intel-Fabrik in den USA verzögert

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick