Secunet-Experte Baumgart „IT-Sicherheit wie im Wilden Westen“

Exklusiv

Secunet Security Networks, der IT-Sicherheitsberater der Bundesregierung, warnt vor gravierenden Mängeln beim Schutz vor Hacker-Angriffen. Strengere Regeln und Kontrollen seien dringend nötig.

Netzwerkkabel Quelle: dpa

Die neuen Vorschläge der Bundesregierung zum Schutz von Bürgern und Unternehmen im Netz bieten nach Ansicht des Vorstandsvorsitzender des Essener Secunet Security Networks AG, Rainer Baumgart, keinen wirksamen Schutz vor Cyberangriffen. „Ohne Regulierung mit strengen Vorschriften und ihrer konsequenten Überwachung, dass sie auch eingehalten werden, wird es keinen Schutz vor Cyberangriffen geben“, sagte Baumgart, der das Netz von Bunderegierung, Kanzleramt und Bundesbehörden mit hochsicherer Verschlüsselungstechnik ausstattet, im Interview mit der WirtschaftsWoche.

Am kommenden Mittwoch will das Bundeskabinett die „Digitale Agenda“ verabschieden, damit Deutschland – wie es im Entwurf heißt – „digitales Wachstumsland Nummer Eins in Europa“ wird. Ein Schwerpunkt wird die IT-Sicherheit sein. Die Vorschläge sollen in einem künftigen IT-Sicherheitsgesetz münden.

Kritik übt Baumgart insbesondere daran, dass die Bundesregierung auf den freiwilligen Selbstschutz setzt und den Nutzern die Verantwortung überträgt, ihre Computer ausreichend abzusichern. Das sei ein grundlegender Fehler: „Bei der IT-Sicherheit gelten so wenig Regeln wie im Wilden Westen“, kritisiert Baumgart. „Jeder kann machen, was er will. Der Anwender wird lediglich aufgerufen, Vorsicht walten zu lassen.“ Dabei lehren Erfahrungen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen wie dem Gesundheitswesen, das strenge Vorgaben und Kontrollen erforderlich sind. „Hält sich niemand an die Hygienevorschriften, würden sich sofort gefährliche Erreger ausbreiten.“

Die größten Hacker-Angriffe aller Zeiten
Telekom-Router gehackt Quelle: REUTERS
Yahoos Hackerangriff Quelle: dpa
Ashley Madison Quelle: AP
Ebay Quelle: AP
Mega-Hackerangriff auf JPMorganDie US-Großbank JPMorgan meldete im Oktober 2014, sie sei Opfer eines massiven Hackerangriffs geworden. Rund 76 Millionen Haushalte und sieben Millionen Unternehmen seien betroffen, teilte das Geldhaus mit. Demnach wurden Kundendaten wie Namen, Adressen, Telefonnummern und Email-Adressen von den Servern des Kreditinstituts entwendet. Doch gebe es keine Hinweise auf einen Diebstahl von Kontonummern, Geburtsdaten, Passwörtern oder Sozialversicherungsnummern. Zudem liege im Zusammenhang mit dem Leck kein ungewöhnlicher Kundenbetrug vor. In Zusammenarbeit mit der Polizei gehe die Bank dem Fall nach. Ins Visier wurden laut dem Finanzinstitut nur Nutzer der Webseiten Chase.com und JPMorganOnline sowie der Anwendungen ChaseMobile und JPMorgan Mobile genommen. Entdeckt wurde die Cyberattacke Mitte August, sagte die Sprecherin von JPMorgan, Patricia Wexler. Dabei stellte sich heraus, dass die Sicherheitslücken schon seit Juni bestünden. Inzwischen seien die Zugriffswege jedoch identifiziert und geschlossen worden. Gefährdete Konten seien zudem deaktiviert und die Passwörter aller IT-Techniker geändert worden, versicherte Wexler. Ob JPMorgan weiß, wer hinter dem Hackerangriff steckt, wollte sie nicht sagen. Quelle: REUTERS
Angriff auf Apple und Facebook Quelle: dapd
 Twitter Quelle: dpa

Laut Baumgart setzt die Mehrheit deutscher Firmen IT-Sicherheitsprodukte, „wenn überhaupt, nur als Feigenblatt ein“. Daran hätten auch die Enthüllungen von Edward Snowden, dem ehemaligen Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, nichts geändert.

Mit dem Kauf von Firewalls und Virenschutzprogrammen sei es nicht getan. Baumgart: „In den Unternehmen gibt es nachweislich noch viele Sicherheitslücken, die schnell geschlossen werden müssen.“ Mehraufwand und Zusatzkosten würden aber gescheut. Secunet ist mit einem Jahresumsatz von über 60 Millionen Euro einer der größten Anbieter in seinem Segment.

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