Siemens, SAP, Telekom Warum deutsche Konzerne in Israel auf Start-up-Jagd gehen

Beim Thema Industrie 4.0 setzten viele Konzerne auf Kooperationen mit Start-ups – und werden immer häufiger in Israel fündig.

Siemens, SAP, Telekom: Deutsche Konzerne suchen nach Start-ups Quelle: Siemens

Tel AvivDas hebräische Wort „balagan“ (zu Deutsch: Chaos) beschreibt die Shoken Street im Süden Tel Avivs ziemlich treffend – der Ausdruck meint einen lauten, kreativen, fast fröhlichen Zustand des Durcheinanders. Die Häuser sind ein wenig heruntergekommen, auf Wände sind Graffitis gekritzelt, Motorräder stehen herum, die meisten Menschen auf der Straße sind jung und hip. In den umliegenden Straßen reihen sich Kunstgalerien an Falafel-Schnellrestaurants. Das Viertel Florentin ist so etwas wie das Soho Tel Avivs.

In einem weißen Eckhaus, das wohl irgendwann einmal als Lagerhalle gedient hat, herrscht weniger balagan und viel mehr durchdesignte Aufgeräumtheit. Ein Coworking-Space im Industriechic, mit alten Ledersofas und frischem Limetten-Minzwasser an der Kaffeebar. Und mit einer eindrucksvollen Liste an Mietern: von SAP über HP bis hin zur Deutschen Telekom. Sie alle sind hier, um mit interessanten Start-ups in Kontakt zu kommen. Der neueste Mitbewohner in der Großkonzern-WG ist Siemens. Und der will von hier die nächste industrielle Revolution vorantreiben.

Für seine Standort-Wahl hat der deutsche Industrieriese gute Gründe: Denn bei Innovationen im Bereich Industrie 4.0 und vernetzten Maschinen setzten viele Großkonzerne auf Kooperationen mit Start-ups – und davon gibt es in Tel Aviv eine Menge. Israel hat es geschafft ein besonders erfolgreiches Ökosystem für Neugründungen zu etablieren – auch für Start-ups im Bereich Industrie 4.0.

Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Deloitte und der israelischen Organisation Start-up Nation Central, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. Vier von fünf für die Studie befragte Unternehmen gaben an, dass Start-ups einen integralen Bestandteil ihrer Innovationsbemühungen seien. Obwohl in dem Land mit knapp acht Millionen Einwohnern gerade einmal 0,1 Prozent der Weltbevölkerung leben, strömten 2016 zehn Prozent des globalen Risikokapitals für den Sektor Industrie 4.0 2016 in das Land, so die Studie.

Von Anfang 2014 bis Oktober 2017 erhielt das Land die zweithöchste Summe an Risikokapital in diesem Bereich weltweit. Spitzenreiter ist das Land dabei besonders in den Bereichen Cybersecurity, Sensorik oder Predictive Maintenance – letzterer sogar mit einem dreißigprozentigen Anteil der weltweiten Finanzierung.

Industrie 4.0 macht die Fabrik digital: Maschinen werden intelligent, lernen das kommunizieren und vernetzen sich untereinander. Der Marktforscher CXP rechnet damit, dass der Umsatz mit Industrie-4.0-Lösungen aus den Bereichen Software, IT-Services und Hardware von rund vier Milliarden Euro im Jahr 2015 allein in Deutschland auf über sieben Milliarden Euro steigen wird.

Davon wollen nicht nur Großkonzerne wie Siemens profitieren, auch der deutsche Mittelstand macht mobil in Sachen Vernetzung. Doch ob groß, mittel oder klein: Die Digitalisierung von der Produktion bis hin zur einzelnen Maschine sorgt nicht nur für neue Absatzmöglichkeiten, sondern auch für Herausforderungen. Denn wenn Maschinen denken lernen, dann ändern sich auch die Anforderungen an ihre Hersteller. Und die brauchen dafür nicht selten Hilfe von außen.

Auch Siemens-Manager Alexandre Bonay sucht in Israel nach geeigneten Start-ups, die gemeinsam mit Siemens die Automatisierung von Fabrikprozessen nach vorne bringen: „Wir als Unternehmen liefern die Muskeln und das Gehirn von Maschinen, dabei setzen wir auch auf die Innovationskraft von Start-ups.“ Dabei arbeitet Bonay mit örtlichen Risikokapitalgebern und Scouts zusammen, die auf interessante Neugründungen im Bereich Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data, Smart City und künstliche Intelligenz hinweisen.

Industrie 4.0 ist ein gutes Geschäft für den deutschen Industriekonzern Siemens: Der Gewinn der Sparte „Digital Factory“ verzeichnete die größten Gewinnzuwächse – von knapp 1,6 Milliarden Euro im Vorjahr auf rund 2,1 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Israel ist zu einem Zentrum der globalen Hightech-Industrie geworden, erklärt Bonay: „Die Erklärungsansätze für dieses einmalige Ökosystem sind ziemlich zahlreich. Tatsache ist aber, dass es für Siemens hochinteressant ist, in diesem Umfeld nach geeigneten Partnern zu suchen.“

Zu den Start-ups, mit denen Siemens Dynamo zusammen arbeiten will, gehört Coretigo. Eran Zigman und seine zwei Mitgründer entwickeln das erste, kabellose Standard-Netzwerksystem für die Fabrikautomation von vernetzten Geräten in der Industrie. Denn wenn Geräte kabellos miteinander kommunizieren, dann müsse das System genauso effizient, sicher und verlässlich sein wie als wären die Geräte mit einem Kabel untereinander verbunden, erklärt Mitgründer Zigman. Das Interesse sei groß – nicht nur bei Siemens. Über 70 Prozent der Unternehmen, die Cortigo anspreche, wollten das System kennen lernen.

Doch längst nicht nur Großkonzerne suchen in Tel Aviv die Nähe zu Start-ups aus dem Bereich Industrie 4.0: So arbeitet etwa 3D Signal mit der Frankfurter Samson AG zusammen, einem deutschen Mittelständler. 3D Signal bietet eine „Alexa für Maschinen“, erklärt Mitgründer Amnon Shenfeld: „Unser System hört allen Geräuschen zu, die Maschinen machen, analysiert sie und erkennt, ob alles so läuft, wie es sollte.“ Im Fachjargon heißt das „Machine Hearing“. Dahinter stehe ein künstliche Intelligenz, die mittels Sensoren und einem Netzwerk nicht nur höre, sondern auch lerne.

Davon will auch der deutsche Mittelständler Samson AG profitieren, der Regelventile herstellt und 4.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt. Geschäftsführer Andreas Widl sagt: „Klar ist: Der Maschinenbau und seine Zulieferer sind heutzutage nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn sie sich nicht kontinuierlich weiterentwickeln und neu erfinden.“ Denn die zunehmende Vernetzung der Geräte fordere ein schnelles Umdenken in der Branche, meint Widl: „Sie können zukünftig kein Stück Eisen mehr verkaufen, das nicht intelligent ist.“

Helfen könne dabei zum Beispiel die Innovationskraft von Start-ups wie eben 3D-Signal, deren KI-basierte Schallanalyse im 21 Millionen Euro teuren Innovationszentrum von Samson zum Einsatz kommt, um die Funktionsweise von Ventilen vorauszusagen. Der deutsche Mittelständler setzte deshalb auch nicht nur auf eine Kooperation, sondern investierte direkt in das Start-up.

In Israel gäbe es großartige Ideen, die in Deutschland leider oft noch fehlten, meint Widl: „Das hat auch damit zu tun, dass wir immer noch nicht begriffen haben, dass wir schon in den Universitäten interdisziplinär denken und ausbilden müssen“. Ein Ingenieur müsse auch Software und das Internet der Dinge verstehen lernen, um später Lösungen für die Industrie zu finden, fordert der gelernte Physiker: „Ein bisschen mehr Querdenken und Fehlertoleranz kann nicht schaden“, glaubt Widl. Oder eben hier und da ein bisschen balagan.

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