Smartphone-Sucht Apples Herz für Handysüchtige hat Kalkül

Hohes Suchtpotenzial: Studien zufolge greifen Jugendliche im Schnitt 86 Mal pro Tag zu ihrem Smartphone. Quelle: REUTERS

Zwei Apple-Investoren fordern, der iPhone-Konzern solle gegen Smartphone-Sucht bei Kindern vorgehen. Das ist kein Altruismus, sondern Sorge um den Aktienkurs. Schon früher gingen Großaktionäre gegen ihr Unternehmen vor.

Der Schock bei den Fans war groß, als Popstar Selena Gomez im Sommer 2016 ihre Welttournee absagte. Die 25-jährige Sängerin, die für viele Teenager ein Idol ist, begab sich in psychotherapeutische Behandlung. Ein Grund für ihre Panikattacken: Instagram-Sucht. In Interviews berichtete Gomez, die mit 132 Millionen Followern zu den erfolgreichsten Nutzern des sozialen Netzwerks zählt, die App habe von morgens bis abends ihren Alltag bestimmt.  

Gomez thematisierte damit ein Problem, vor dem Pädagogen und Psychologen bereits seit einiger Zeit warnen: soziale Netzwerke, Messenger-Dienste und Online-Spiele haben bei Kindern und Jugendlichen hohes Suchtpotenzial. Jeder Like, jeder Follower, jeder Kommentar sorgt bei den Nutzern immer wieder für die Ausschüttung von Glückshormonen. Und daraus kann – wie bei Alkohol, Haschischkonsum oder Glücksspiel – eine Sucht entstehen. Mögliche Folgen: Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit oder soziale Isolation.   

Nicht nur besorgte Eltern und Pädagogen treibt das Thema um, sondern neuerdings auch Investoren. Zwei Großaktionäre des iPhone-Herstellers Apple haben den Konzern dazu aufgefordert, gegen Smartphone-Sucht bei Minderjährigen vorzugehen. Apple solle untersuchen lassen, wie sich die übermäßige Handy-Nutzung auf die Psyche der Kinder auswirkt, berichtete das „Wall Street Journal“ am Sonntag. Die beiden Investoren forderten außerdem, Apple solle eine Software entwickeln, mit der Eltern die Nutzungsdauer auf den Smartphones ihrer Kinder beschränken können.

Kalkül statt Kinderherz

Sehr verantwortungsvoll von den Investoren, könnte man meinen. Doch tatsächlich steckt hinter der Sorge um die Psyche von Kindern reines Kalkül. Die beiden Großaktionäre, der Hedgefonds Jana Partners und der kalifornische Lehrer-Pensionsfonds CalSTRS, halten gemeinsam Anteilsscheine im Wert von etwa zwei Milliarden Dollar an Apple. Wenn der Konzern das heikle Thema nicht bald angeht, befürchten sie einen Einbruch des Aktienkurses.

Dass Investoren vor den Produkten ihres eigenen Unternehmens warnen, ist gar nicht so ungewöhnlich. In den USA schalteten die Tabakkonzerne Philip Morris USA, Lorillard, R. J. Reynolds Tobacco und Altria eine gemeinsame Werbekampagne, in der sie auf die Gefahren des Rauchens hinwiesen. Ein Gericht hatte die Zigarettenhersteller dazu verdonnert, weil sie jahrzehntelang nicht über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens aufgeklärt haben. Die Kampagne, die Anzeigen in großen Zeitungen und Fernsehspots beinhaltet, fungiert als Gegendarstellung.

Der Tabakhersteller Philipp Morris, zu dem Marken wie Marlboro oder Chesterfield gehören, riet Rauchern kürzlich sogar dazu, mit dem Rauchen aufzuhören. Stattdessen sollten Raucher auf „weniger schädliche Alternativen“ zurückgreifen – gemeint war natürlich das hauseigene Produkt „iqos“, das den Tabak auf 300 Grad Celsius erhitzt. So entstünden nach Konzernangaben angeblich weniger krebserregende Stoffe als beim Rauchen einer gewöhnlichen Zigarette.

Smartphone-Sucht – So können Eltern ihre Kinder schützen

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Auch andere Anbieter von Produkten mit Suchtpotenzial bemühen sich, Klagen durch Prävention abzuwehren. Der Spirituosenhersteller Pernod Ricard startete einst eine PR-Kampagne, die schwangere Frauen vom Alkoholkonsum abhalten sollte. Und in Großbritannien schlossen sich einige Buchmacher für eine Kampagne gegen die Suchtgefahr durch Glücksspiel zusammen, um einer schärferen Regulierung ihrer Branche vorzubeugen.

Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hält man von solchen firmeneigenen Warnkampagnen nicht viel. „Das sind keine nachhaltigen Präventionsmaßnahmen, sondern kurzfristige Aktionen, die ein gutes Image herstellen sollen“, sagt eine Sprecherin des Vereins, der sich für Suchtkranke einsetzt.  

Und so dürfte auch der Vorstoß der Apple-Investoren darauf abzielen, mögliche Klagen und teure Gegendarstellungen abzuwenden. Immerhin: Die Gefahren der Smartphone-Sucht bei Minderjährigen dürften dadurch wieder stärker diskutiert werden. Denn Meldungen zum Softwareriesen Apple erlangen mindestens so viel Aufmerksamkeit wie ein Instagram-Post von Megastar Selena Gomez.

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