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Softwareikone SAP soll sexy werden

Wenn Deutschlands Softwareikone im April ihr 40-jähriges Jubiläum feiert, stehen die Zeichen auf rasanten Wandel. Gemeinsam mit seinem neuen Ziehsohn Lars Dalgaard trimmt Mitbegründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner den Konzern auf moderne IT-Technologie. Geht die Strategie auf, stehen die drei Buchstaben aus Walldorf bald nicht mehr nur für monströse Unternehmenssoftware, sondern auch für handliche und bedienerfreundliche Computertechnik – sexy, attraktiv, populär.

Plattners provokanteste Sprüche
Hasso Plattner Quelle: REUTERS
Hasso Plattner Quelle: dpa
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Hasso Plattner war in seinem Element, wie ihn bisher nur wenige erlebten. „Wir befinden uns im fünften Jahr des Umbaus“, polterte er vor Mitarbeitern in Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien, „insgesamt sind’s ja sogar schon zehn Jahre.“ Der Ätzton galt den Kollegen in der Konzernzentrale im fernen badischen Walldorf, die Plattners Hoffnungsträger, die Zukunftssoftware Business By Design, mit Ach und Krach sowie rund 18 Monate verspätet auf den Markt brachten. „Da sollte jeder Beteiligte mal in den Spiegel schauen und sich fragen: ,Was machen wir hier eigentlich?‘ “

Mindestens so böse klang, was der 68-Jährige schon fast Weißhaarige den neuen Kollegen des US-Softwarehauses SuccessFactors riet, die seit Anfang Dezember zu seinem Reich gehören. Die Amerikaner sind spezialisiert auf Software, die der Nutzer aus dem Internet abruft, statt sie auf dem eigenen Rechner zu installieren, kurzum: auf das sogenannte Cloud Computing. Auch das gilt als Geschäft mit großen Wachstumschancen.

Wo der Spargel wächst

Und auch hier sandte Plattner nur Spott heim über den Atlantik. „Wenn euch irgendwer aus Walldorf eine Technologie spendieren will, schaut euch das Geschenk gut an – und lehnt es im Zweifelsfall ab“, ermunterte er die Amis. Denn nur, „wenn die Deutschen verstehen, dass weniger mehr ist, sind sie in der Cloud-Welt herzlich willkommen“. Die Schlussfolgerung, dass die Germans andernfalls dort versauern sollten, wo der Spargel wächst, ersparte sich Plattner zwar. Die amerikanischen SAPler verstanden den Spott trotzdem – und johlten ihm zu.

Plattner ist einer der fünf Gründer sowie der amtierende Aufsichtsratschef von SAP, kurzum: Godfather der deutschen Softwareikone. Eigentlich war er locker drauf an diesem Tag Ende Februar. Das Video von seinem Auftritt an der amerikanischen Westküste, das im SAP-Intranet kursiert, zeigt ihn in einem grauen Troyer; unter dem Seglerpulli mit Reißverschluss trägt er ein türkisfarbenes Polohemd. Doch die Tonalität, die das Konzernurgestein an diesem Tag pflegte, enthielt keine Freizeitbotschaft, sondern eine knallharte Ansage: Bei SAP brechen neue Zeiten an, das Geschäft, wie es bis vor Kurzem noch lief, soll es künftig immer weniger geben.

Die Entwicklung von SAP

Denn der passionierte Segler Plattner peitscht seine Mannschaft an zur vielleicht härtesten Kurskorrektur in den nunmehr 40 Jahren der Unternehmensgeschichte. SAP will mit seiner Software künftig nicht nur als biederer digitaler Buchhalter im Hintergrund Dinge wie Finanzwesen und Personalwirtschaft abwickeln. Das Ziel heißt, alle Bereiche des Wirtschaftslebens künftig mit SAP-Programmen abzudecken – sei es als App für Kundenbindung auf einem Smartphone oder Tablet-PC, sei es als schlanke Cloud-Lösung auf dem Laptop.

„Es gibt Produkte bei SAP, die sind weder praxistauglich noch begehrenswert und attraktiv für den Kunden – und wir verkaufen sie dennoch“, heizte Plattner seinen Leuten von Palo Alto aus ein. „Genau das wird in der Ära von Cloud Computing nicht mehr funktionieren.“ Auf gut Deutsch: Die neuen SAP-Programme sollen nicht mehr monströs und spröde daherkommen, sondern handlich, bedienerfreundlich, mobil – einfach sexy.

Der Auserkorene

Intern hat Plattner die Wende zumindest auf den Weg gebracht. Neben dem Kerngeschäft Unternehmenssoftware sind Cloud Computing, Mobil- und In-Memory-Technik – eine neuartige Form der Datenspeicherung – als neue Wachstumsmärkte von SAP identifiziert. Und auch erste Angebote gibt es. So verfügt SAP inzwischen über einen eigenen App Store im Internet. Ähnlich wie beim Vorbild Apple können Nutzer hier kleine Business-Apps auf Knopfdruck herunterladen. Immer mehr klassische SAP-Unternehmensanwendungen wandern in die Internet-Wolke. Anfang März auf der IT-Messe Cebit kam beispielsweise die Ankündigung, die Mittelstandssoftware Business One gebe es nun auch in der Cloud. Schließlich hat SAP seit Mitte 2011 ein erstes Datenanalyseprodukt im Angebot, dessen Kern, die In-Memory-Technik, künftig in alle Konzernprodukte Eingang finden soll.

„Das ist dann ein massiver Angriff in Richtung Oracle, aber auch IBM und Microsoft“, sagt Frank Naujoks, Marktbeobachter beim Schweizer Analysehaus I2S in Zürich, das auf Unternehmenssoftware spezialisiert ist.

Auserkoren, um diesen Angriff zu fahren, hat Plattner einen Newcomer im SAP-Imperium: Lars Dalgaard, Gründer und Chef des US-Softwareanbieters SuccessFactors, den SAP schluckte. Der 43-jährige Däne leitet ab sofort die gesamten Cloud-Aktivitäten von SAP, also auch die von Plattner gescholtenen Entwickler von Business By Design. Mit Dalgaard holt sich Plattner genau den Typ Manager ins Unternehmen, der seine IT-Visionen umsetzen kann. Dalgaard gilt als dynamisch und durchsetzungsstark. So hat er den Umsatz von SuccessFactors seit dem Börsengang im Jahr 2007 verdreifacht. Plattner hat Dalgaard dem SAP-Aufsichtsrats bereits für einen Posten im Konzernvorstand vorgeschlagen.

Antrittsbesuch in Walldorf

Hasso Plattner Quelle: dapd

In Walldorf hat die Personalie bereits Wellen geschlagen: In der vergangenen Woche erklärte SAP-Co-Chef Snabe seinen Mitarbeitern per interner E-Mail nicht nur die Personalie Dalgaard, sondern auch das Ausscheiden des bisherigen Cloud-Verantwortlichen Peter Lorenz. Der altgediente Manager, der seit 1993 bei SAP arbeitet, wolle eine Auszeit nehmen.

Dalgaard selbst hat erste Schritte unternommen, um sich auf die höheren Weihen vorzubereiten. Nach der Ankündigung der Übernahme durch SAP im Dezember besuchte er sogleich die Zentrale seines künftigen Arbeitgebers in Walldorf. Er trat auf einer Mitarbeiterversammlung auf und sorgte mit wohlgewählten Worten für gute Stimmung bei den Beschäftigten. Walldorf sei für ihn fast wie eine Ankunft zu Hause, erzählte der Skandinavier den Deutschen in ihrer Muttersprache. Schließlich habe er früher einmal im hessischen Ladenburg in der Nähe von Darmstadt gewohnt, einer ähnlichen Kleinstadt wie das nordbadische Walldorf und nur eine halbe Autostunde entfernt. „Das ist sehr gut angekommen“, erinnert sich ein SAP-Manager unter den Zuhörern.

Plattner mischt sich wieder so stark ins Tagesgeschäft von SAP ein, seit der von ihm installierte glücklose Vorstandschef Léo Apotheker im Februar 2010 zurücktrat. Er will den Softwareriesen, den er 1972 mitgründete, fit machen für die nächste Dekade – und endgültig vor einer feindlichen Übernahme sichern. Da ist sich Plattner mit seinem alten Kompagnon Dietmar Hopp einig: „SAP soll langfristig eigenständig bleiben“, sagt Hopp im Interview.

In die Jahre gekommen

Innerhalb von vier Jahrzehnten haben Plattner, Hopp und ihre drei Gründerkollegen, allesamt Abtrünnige des IT-Riesen IBM, aus einer Fünf-Mann-Bude Deutschlands größten IT-Anbieter mit 53.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt fast 15 Milliarden Euro geformt. Mit Computerprogrammen zur Steuerung aller Unternehmensabläufe sind die Walldorfer Weltmarktführer geworden. SAP ist heute der einzige deutsche High-Tech-Konzern von Weltgeltung.

Umsatz- und Gewinnentwicklung von SAP Quelle: Unternehmensangaben, IDC

Doch das Gros der SAP-Software gilt inzwischen als schwerfällig und veraltet. Die sogenannte Business Suite, der Nachfolger des Erfolgsprodukts R/3, ist in die Jahre gekommen. Im Kern ist das Paket aus Buchhaltung, Finanzwesen und Produktionssteuerung weiterhin ein monolithischer Block, dessen Einführung die Unternehmen immer noch Monate, wenn nicht Jahre sowie viel Geld kostet. Zwar bestimmen die Altprodukte nach wie vor einen Großteil des Geschäfts. Und das lief zuletzt so gut wie nie: Ende Januar legten die beiden Vorstandschefs Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott Rekordzahlen fürs abgelaufene Geschäftsjahr vor. SAP setzte 2011 rund 14,2 Milliarden Euro um und verdiente netto gut vier Milliarden Euro – beides jeweils Spitzenwerte in der Unternehmensgeschichte.

Doch der Druck durch Wettbewerber wie den US-Giganten Oracle oder den Cloud-Marktführer Salesforce ist riesig. Zugleich durchlebt die gesamte IT-Industrie durch den Wandel in Richtung Cloud Computing eine ihrer größten Veränderungen seit Einführung des Internets vor knapp 20 Jahren. Zu viel Freude über das zurückliegende Superjahr ist deshalb gefährlich für SAP. „Der große Erfolg 2011 reduziert den Transformationsdruck“, sagt Helmuth Gümbel, Chef der Unternehmensberatung Strategy Partners und langjähriger Kenner des Unternehmens. „Dabei ist die Frage, ob SAP in Zukunftsfeldern wie Cloud Computing wirklich gut aufgestellt ist, längst nicht vom Tisch.“

1000-Mal schneller

Plattner will deshalb mit aller Macht Veränderungen durchboxen, auch wenn es – wie sein Auftritt in Palo Alto zeigt – gegen die Stammmannschaft in Walldorf geht. Am besten zeigt sich dies am Beispiel der In-Memory-Technologie, Plattners absolutem Lieblingsthema. Dabei handelt es sich um eine spezielle Datenbanksoftware, die Daten nicht mehr auf einer Festplatte speichert und ausliest, sondern direkt im Hauptspeicher der Rechners ablegt. Für den Nutzer ist das so, als müsse er zwischen zwei Städten keine Landstraße mit Ampeln und Kreuzungen mehr nehmen, weil es nur noch Autobahnen gibt. Ähnlich wie dort die Fahrzeuge, so rasen bei In-Memory die Daten ungebremst hin und her. Das liefert vor allem bei komplizierten Analyse-Abfragen in sehr großen Datenbeständen die Antworten mindestens 1000-mal schneller als bisher.

Die Idee für diese Technologie hatte Plattner schon vor geraumer Zeit. Zunächst entwickelte er an seinem eigenen Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam gemeinsam mit SAP die Grundlagen. Als sich herauskristallisierte, dass sich eine derartige Technologie tatsächlich realisieren ließ, ging er mit SAP in die Offensive: Das Unternehmen tat sich mit namhaften Computerherstellern wie IBM, Hewlett-Packard und Dell zusammen, um mit der neuen Technologie ein Produkt zu konzipieren. Was die beiden Konzernchefs Snabe und McDermott im Frühjahr 2010 erstmals der Öffentlichkeit vorstellten, tauften sie Hana, was für High-Performance Analytic Appliance steht. Das Wortungetüm beschreibt eine aufeinander abgestimmte Kombination aus einem Hochleistungsrechner und der neuen superschnellen Datenbanktechnologie von SAP.

Datenbank als Wunderwaffe

Ein Kunde bedient in einem Apple-Laden sein neues iPad Quelle: dapd

Was die neue Wunderwaffe Hana in der Praxis bewirkt, lässt SAP die japanische Elektromarktkette Yodobashi gern vorführen. Früher benötigte das Unternehmen drei Tage, um die Treueboni für ihre Kunden aus den ständig eingehenden Daten zu destillieren. „Mit Hana dauert es nur noch zwei Sekunden“, sagt Plattner.

Nicht allzu lang soll es auch dauern, bis Hana für SAP zum großen Geschäft wird. Prototypen sind bei ausgewählten Kunden wie Yodobashi seit November 2010 im Einsatz. Regulär zum Kauf angeboten wird Hana allerdings erst seit Mitte 2011. Trotzdem hat SAP bis zum Jahresende bereits 160 Millionen Euro damit umgesetzt. „Hana ist das am schnellsten wachsende Produkt in der SAP-Geschichte“, sagt SAP-Co-Chef Snabe.

Diesen Erfolg verdanken die Badener weitgehend dem guten Gespür ihres Oberaufsehers und Chef-Visionärs Plattner. „Ohne Plattner gäbe es kein Hana“, sagt ein hochrangiger SAP-Manager, der ungenannt bleiben will.

Den ganz großen Durchbruch für ihre Innovationen erhoffen sich die SAPler, wenn das sogenannte Internet der Dinge Einzug hält. Darunter verstehen IT-Experten den Trend, dass künftig praktisch alle Geräte – vom Computer über Kühlschrank und Fernseher bis hin zur industriellen Großmaschine – über das Web miteinander verbunden werden und kommunizieren können. Branchenanalyst Gümbel, der oft auch als SAP-Kritiker von sich reden machte, lobt hier die Weitsicht des Konzern-Oberaufsehers: „Plattner hat als Erster klar gesehen, dass das kommende Zeitalter des Internets der Dinge die Datenvolumina so sehr anschwellen lässt, dass heutige Datenbanksysteme nicht mehr funktionieren.“

Umsatz nach Segmenten und Regionen Quelle: Unternehmensangaben, IDC

Riesiges Potenzial

Laut einem internen SAP-Papier soll Hana bereits 2012 rund eine Milliarde Euro in die Konzernkassen spülen, rund dreimal so viel wie im zweiten Halbjahr 2011. Die Hamburger Privatbank M.M. Warburg zählte Anfang März rund 50 Unternehmen, die Hana in der Anlaufphase nutzen, weitere 2000 sind im Wartestand, allein bis Ende dieses Jahres wolle SAP 1000 Hana-Kunden gewinnen. Unter anderem wegen seines riesigen Potenzials hat Hana jetzt den Deutschen Innovationspreis gewonnen, den die WirtschaftsWoche gemeinsam mit der Unternehmensberatung Accenture, dem baden-württembergischen Energiekonzern EnBW und dem Essener Chemie- und Immobilienriesen Evonik vergibt.

Auch im Cloud-Geschäft, dem nächsten Wachstumsfeld der Walldorfer, ist die Handschrift von Plattner klar zu erkennen ist. Ohne seine Rückendeckung hätten Snabe und McDermott die Anfang Dezember vergangenen Jahres angekündigte Übernahme des Cloud-Anbieters SuccessFactors nicht so reibungslos vom Aufsichtsrat abgesegnet bekommen. Immerhin mussten die Walldorfer rund 3,4 Milliarden Dollar für SuccessFactors auf den Tisch legen. Und das für ein Unternehmen, das 2010 gerade 206 Millionen Dollar Umsatz und keine Gewinne machte. Doch Plattner ficht das nicht an. „Man darf nicht auf den momentanen Gewinn und auch nicht den Umsatz schauen“, sagt er, „wichtig ist die Wachstumsrate des Umsatzes.“

Plattner warf sich für den Kauf von SuccessFactors so sehr ins Zeug, weil ihm die Entwicklung des Cloud Computing am Stammsitz in Walldorf viel zu lange dauerte. Zehn Jahre währte das Martyrium Business By Design, bis die Cloud-fähige Software endlich auf dem Markt war. Durch ständige Änderungen der Vorgaben und wechselnde Verantwortlichkeiten drohte SAP einen uneinholbaren Rückstand im Geschäft mit der Computerwolke zu erleiden. Mit SuccessFactors ist nun der Cloud-Anbieter mit weltweit den meisten Nutzern Teil des Konzerns. Mehr als 15 Millionen Anwender bei rund 3500 Unternehmen benutzen die Systeme der Amerikaner.

Andere Denke

Die Impulse, die SAP von dem US-Spezialisten erwartet, können nach Meinung von Experten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Das Cloud-Geschäft funktioniert völlig anders als traditionelle Software“, sagt Strategy-Partner-Analyst Gümbel. Daher erfordere es auch eine andere Denke, um das Geschäft voranzubringen. Und die hat Plattner nun im Haus – wohl auch, wie seine Rede in Palo Alto zeigt, um den Druck auf die Mannschaft in Deutschland zu erhöhen.

Das dritte Wachstumsfeld von SAP sind mobile Anwendungen – ein Geschäft, in das die Walldorfer dank der zweiten Großübernahme in ihrer Geschichte eingestiegen sind. Im Mai 2010, knapp drei Monate nach ihrem Amtsantritt, verkünden die beiden Chefs Snabe und McDermott den Kauf des US-Softwareanbieters Sybase für rund 4,6 Milliarden Euro. Sybase ist stark in der mobilen IT und soll SAP helfen, komplett neue Kunden anzusprechen. „Mit der Übernahme öffnen wir unsere Unternehmensanwendungen mehreren Hundert Millionen mobilen Nutzern“, prophezeite McDermott.

Hausgemachte Probleme

Snabe (links) und McDermott Quelle: laif

Inzwischen zählt das Mobilgeschäft zu den fünf Kernsparten von SAP und zu den wachstumsstärksten. Allein 2011 setzten die Walldorfer mit mobilen Anwendungen 110 Millionen Euro um, dabei existiert die neue Plattform erst ein paar Monate. In diesem Jahr sollen es 400 Millionen sein, fast viermal so viel.

Auch wenn es eine Zeit lang so schien: Richtig zurückgezogen hat sich SAP-Übervater Plattner seit seinem Abschied als Vorstandschef im Jahr 2003 aus dem Tagesgeschäft eigentlich nie. Neben seinem Posten des Chefkontrolleur bekleidet er nämlich auch den Posten des Chief Software Advisors, also Chef-Software-Beraters. In der Praxis bedeutete der wohlklingende Titel, dass der studierte Nachrichtentechniker seitdem vor allem in seinem Büro in Palo Alto über die nächsten heißen Trends in der Softwareindustrie sinniert und versucht, daraus Denkanstöße für neue SAP-Produkte zu geben. So hätte Plattner allmählich in den Ruhestand gleiten können.

Marktanteile bei Unternehmenssoftware Quelle: Unternehmensangaben, IDC

Doch daraus wurde nichts. Ende 2009 musste der Pendler zwischen den Welten erkennen, dass er nicht nur als Ideengeber gefordert war. SAP schlitterte in eine ernste Krise. Zum einen ging das Geschäft infolge der Finanzkrise durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman 2008 zurück.

Eiskalter Plattner

Zum anderen kämpfte der Konzern mit hausgemachten Problemen. Der damals mit Zustimmung Plattners neu berufene Vorstandschef Apotheker brüskierte mit einem rüden Kurs Mitarbeiter und Kunden. Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit war Apotheker auf die Idee gekommen, die Preise für die Wartung der SAP-Softwarepakete zu erhöhen. Auf offene Briefe, in denen sich Unternehmen beschwerten, reagierte er gar nicht oder nur widerwillig. Daraufhin traten SAP-Kunden in einen regelrechten Käuferstreik. Prompt präsentierte Apotheker Ende Januar 2010 dramatisch schlechte Zahlen für 2009. Der Umsatz schrumpfte um acht Prozent. Vor allem der Verkauf der Software, die später die Einnahmen für Wartung bringt, brach um fast 30 Prozent ein.

Keine zwei Wochen später reagierte Plattner schnell und eiskalt. Übers Wochenende verkündete er dem verdutzten Apotheker, der Aufsichtsrat werde seinen Ende 2010 ablaufenden Vertrag nicht verlängern. Apotheker gab umgehend seinen Rücktritt bekannt. Plattner installierte die Doppelspitze aus dem 50-jährigen Amerikaner McDermott sowie dem 46-jährigen Dänen Snabe.

Das Gespann zusammen mit Plattners neuem Ziehsohn scheint das ideale Führungsteam, um die Metamorphose von SAP zu schaffen. McDermott und Snabe ergänzen sich geradezu optimal. Der Amerikaner McDermott ist der exzellente Verkäufer, der seit seinem Einsteig bei SAP im Jahr 2002 das lange Zeit krisengeplagte Geschäft der Walldorfer in den USA, immerhin dem größten Softwaremarkt der Welt, auf Vordermann brachte. Und schließlich formte er den weltweiten Vertrieb zu einer schlagkräftigen Einheit.

McDermotts Gegenüber Snabe dagegen arbeitet bis auf einen kurzen Abstecher zu IBM seit 1990 für SAP, besitzt also den notwendigen Walldorfer Stallgeruch. Er ist der perfekte Gegenpol. Snabe spricht die Sprache der Softwareingenieure, weil er zeitweise der SAP-Entwicklungsmannschaft vorstand. „Die Doppelspitze ist ein genialer Schachzug von Plattner gewesen – und sie funktioniert eigentlich nur in der SAP-eigenen konsensorientierten Managementkultur“, sagt Rüdiger Spies, Analyst beim amerikanischen IT-Marktbeobachter IDC in München. Probleme für Plattners neuen Liebling Dalgaard sieht er in dieser Konstellation keine. „Dalgaard passt sehr gut in das SAP-Führungsteam“, sagt Spies. „Die Besetzung wird nicht zu Verwerfungen innerhalb der SAP führen.“

Keine Aufstiegsgarantie

Dennoch darf Dalgaard seine Rolle als Plattners Ziehsohn nicht mit einer Aufstiegsgarantie verwechseln. Das zeigte Shai Agassi, der lange Jahre als Plattners Sohn im Geiste galt. Auch der Israeli war 2001 durch eine Übernahme zu SAP gestoßen, nachdem die Walldorfer das von ihm gegründete US-Softwarehaus TopTier übernommen hatten. Der smarte Neuzugang rückte schnell in den Vorstand auf und galt als designierter Nachfolger des damaligen Vorstandschefs Kagermann.

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Doch die SAPler wurden mit Agassi nie warm. Spätestens seitdem er auf einer internen Veranstaltung mit Supermann-Umhang die Bühne betrat, machten immer mehr in der Zentrale in Walldorf einen Bogen um ihn und verspotteten seine Residenz als „Shai’s Haus“. Entnervt von den ständigen Querelen, schmiss Agassi im Frühjahr 2007 völlig unerwartet hin.

Dass Dalgaard ein ähnliches Schicksal ereilt, steht indes nicht zu befürchten. „Der ist keiner, der überschnappt“, sagt IDC-Analyst Spies. „Der bleibt auf dem Boden.“

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