Softwarekonzern unter Druck: Die Cloud-Alternativen für SAP-Kunden
Die gute Nachricht für SAP-Chef Christian Klein: In vielen Unternehmen sind die Walldorfer mit ihren zentralen Softwarefunktionen wie etwa der Buchhaltung, dem Finanzwesen oder der Produktionssteuerung gesetzt – das gilt auch weit hinein bis in den Mittelstand. Schließlich ist das SAP-Softwarepaket zur Unternehmenssteuerung – im Fachjargon auch Enterprise Ressource Planning (ERP) genannt – beim Funktionsumfang immer noch führend.
Anders sieht es aus bei Faktoren wie etwa der Einführung oder danach der Bedienbarkeit oder den Nutzeroberflächen der Software: Hier kritisieren Anwender seit Jahren die Programme aus Walldorf als überdimensioniert, träge und veraltet. Viele Unternehmen – auch unter den SAP-Bestandskunden – würden daher zumindest in Randbereichen des Geschäfts gerne andere Lösungen einsetzen.
Die schlechte Nachricht für Klein: Genau das können die Kunden in zunehmendem Maße – auch deshalb, weil er selbst die SAP-Software seit zwei Jahren in Richtung Cloud öffnet. Der Kurs ist alternativlos – Kunden wie Aktionäre fordern ihn seit langem, weil etwa in weiter entwickelten Märkten wie den USA praktisch überhaupt keine herkömmliche, auf Rechnern im Unternehmen installierte Software mehr verkauft wird.
Aus diesem Grund gehen immer mehr Unternehmen dazu über, Lösungen in Bereichen wie etwa dem Personalwesen oder der Logistikplanung aus der Cloud zu ihren bestehenden SAP-Systemen hinzu zu buchen. „Inzwischen sind einige Alternativanbieter stark im Mittelstand in Deutschland unterwegs und können Marktanteile und Kunden zu Lasten von SAP gewinnen“, sagt Axel Oppermann, Analyst des Marktbeobachters Avispador aus Kassel.
Dazu zählt allen voran der amerikanische Cloud-Anbieter Salesforce, der sich auf Software für das Management von Kundenbeziehungen (Customer Relationship Management, kurz CRM) spezialisiert hat. Salesforce-CEO Marc Benioff hat erst kürzlich freudig verkündet, sein Unternehmen habe erstmals in einem Quartal mehr Umsatz erzielt als SAP – und sei demzufolge inzwischen selbst der weltgrößte Anbieter von Unternehmenssoftware.
Drei große US-Anbieter buhlen um SAP-Kunden
Zudem buhlen hier mit Oracle und Microsoft zwei weitere US-Giganten um Kunden, auch und gerade innerhalb der SAP-Stammkundschaft. Beide gelten mindestens als ebenbürtig mit dem SAP-Angebot im Bereich CRM – und eignen sich ebenfalls für den Mittelstand. Microsoft profitiert überdies von einer engen Verknüpfung seiner Software mit dem Office-Paket inklusive der E-Mail-Software Outlook sowie dem Videokonferenztool Teams, das auch infolge der Coronapandemie in immer mehr Unternehmen Einzug gefunden hat.
Neben CRM etabliert sich zunehmend Personalwesen (Human Capital Management, kurz HCM) als eigenständiger Bereich mit ernsthaften Gegenspielern, die SAP das Leben schwer machen. Wie zum Beispiel der US-Anbieter Workday, der auch dank seiner Börsennotierung über ausreichend Kapital für die Expansion in weitere Segmente verfügt. Ein anderer Aufsteiger in diesem Segment kommt aus Deutschland: Das Münchener Start-up Personio will die Personalverwaltungsprozesse für kleinere Unternehmen vereinfachen und automatisieren. Seit einer Finanzierungsrunde Mitte dieses Jahres ist das Unternehmen 8,5 Milliarden Dollar wert – und damit das zweitwertvollste Start-up des Landes. „Personio ist aktuell der absolute Überflieger, gerade im Mittelstand“, hat Avispador-Analyst Oppermann beobachtet.
Immer wichtiger wird für viele Unternehmen auch das intelligente Management ihrer Logistikkette (Supply Chain Management, kurz SCM) – ebenfalls getrieben durch die Coronapandemie sowie Russlands Krieg in der Ukraine. Schließlich haben beide die Lieferketten weltweit gestört. Hier versprechen Cloud-basierte Spezialanbieter neue Ansätze in Planung und Steuerung.
Das US-Unternehmen Blue Yonder beispielsweise setzt auf die Automatisierung von Bedarfsplanung per künstlicher Intelligenz. Dessen amerikanischer Rivale Coupa wiederum konzentriert sich vor allem auf Einkaufs- und Beschaffungsprozesse. „Gleichwohl ist SAP trotz des großen Wettbewerbsdrucks immer noch Marktführer im SCM-Segment“, sagt Oppermann.
Ausruhen können sich die Walldorfer dennoch nicht – ganz im Gegenteil. Immerhin, für SAP hat die Vielzahl der neuen Herausforderer in der Cloud auch etwas Gutes, glaubt der Industriebeobachter: „SAP muss sich stärker bemühen, seine eigenen Produkte besser zu machen – davon profitieren alle Kunden.
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