Soziales Netzwerk: Elon Musks Twitter-Abzocke: Das kann Twitter Blue
Ein blauer Haken bei Twitter soll laut Elon Musk in Zukunft im Twitter-Blue-Abo enthalten sein – und damit Geld kosten.
Foto: imago images„Betreiber der Twitter-Beschwerde-Hotline“, das ist also der Titel, den sich Elon Musk seit Neuestem in seiner Twitter-Biografie gibt.
Kurz davor bezeichnete er sich dort noch als „Chief Twit“, also übersetzt als „Chef-Depp“.
Dass er sich nun also als Betreiber der Twitter-Beschwerde-Hotline ausgibt, hängt mit seiner neuesten Ankündigung zusammen: In Zukunft sollen nur noch jene Twitter-Accounts eine Verifikation in Form eines blauen Hakens bekommen, die für acht Dollar monatlich ein Twitter-Blue-Abo abschließen.
„An alle, die sich beschweren, bitte beschwert euch weiter, aber es wird acht Dollar kosten“, tweetete Musk; sein Post hat bisher über 700.000 Likes gesammelt.
Der Multimilliardär hatte Ende der vergangenen Woche nach monatelangem Hin und Her den Kurznachrichtendienst übernommen, wichtige Manager wie den bisherigen Chef Parag Agrawal entlassen und dann auch den Verwaltungsrat aufgelöst, wie aus einem am Montag bei der US-amerikanischen Finanzaufsicht SEC eingegangenen Formblatt hervorgeht. Musk ist nun der alleinige Direktor von Twitter. Und sorgt offenbar für eine Menge Beschwerden darüber, dass die Account-Verifikation, die bisher umsonst ist, von nun an Geld kosten und nur noch im Abo Twitter Blue verfügbar sein soll.
Doch was genau ist Twitter Blue eigentlich? Wie hoch sind die Kosten bisher? Und verdient Twitter über das Abonnement eigentlich Geld? Die WirtschaftsWoche gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um den Riesen-Twitter-Deal.
Was genau ist Twitter Blue?
Twitter Blue ist ein kostenpflichtiges Monatsabonnement, das „exklusiven Zugang zu Premium-Funktionen“ bietet, „mit denen du dein Twitter-Erlebnis individuell gestalten kannst“, heißt es auf der Twitter-Website. Bisher gibt es das Abo nur in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Ursprünglich lag der Preis in den USA bei 2,99 Dollar, Ende Juli hat Twitter den Preis dann bereits auf 4,99 Dollar für Neuabonnenten erhöht. In Europa gibt es das Abonnement bisher nicht.
Welche Funktionen bietet das Twitter-Abo?
Bisher sind die Funktionen im Twitter-Blue-Abonnement überschaubar, „selbst für Hardcore-Nutzer“, urteilt Axel Oppermann vom IT-Marktbeobachter Avispador. Für Durchschnittsnutzer böten die Funktionen keinen Mehrwert.
Abonnenten können etwa ihre mit Lesezeichen versehenen Tweets in Ordnern gruppieren und organisieren, ihre Navigation anpassen und längere Threads „in ein schöneres Leseerlebnis verwandeln“, heißt es bei Twitter. Außerdem können sie auf eine Zusammenstellung der meistgeteilten Artikel in ihrem Netzwerk zugreifen, um „ganz einfach die Art von Inhalten zu finden, die du lesen möchtest“. Die wohl interessanteste Funktion für impulsive Nutzer dürfte die Option sein, Tweets rückgängig machen zu können. Noch bevor ein Tweet für andere Nutzer sichtbar wird, können Twitterer ihn nach dem Senden zurückziehen.
Twitter-Blue-Abonnenten bekommen außerdem Zugriff auf die „Twitter Blue Labs“. Dort testet Twitter neue Funktionen – Abonnenten sind damit quasi Beta-Tester. Aktuell gibt es im Twitter-Lab etwa die Funktion, bis zu zehn Minuten lange Videos hochzuladen, NFT-Profilbilder zu nutzen und die Funktion, Tweets im Nachhinein zu bearbeiten. An dieser Funktion hat Twitter laut eigenen Angaben schon vergangenes Jahr geschraubt. Kurz nachdem im April bekannt wurde, dass Musk bei Twitter eingestiegen ist, startete er eine Umfrage unter seinen Followern, ob diese einen Bearbeiten-Button wollen – woraufhin knapp 75 Prozent der über vier Millionen Teilnehmenden mit „yse“ stimmten, ein Wortwitz von Musk.
Verdient Twitter mit Twitter Blue Geld?
Twitter hat das Abomodell im vergangenen Jahr gelauncht. Seit dem ersten Quartal dieses Jahres weist es die daraus resultierenden Umsätze unter dem Punkt „Abonnements und andere Umsätze“ aus. Wie viel Geld Twitter konkret mit Twitter Blue alleine macht, ist damit in den Quartalsberichten nicht ersichtlich, denn zu den darin inkludierten Umsätzen zählen etwa auch Einkünfte über Twitters Entwicklerplattform und nicht näher genannte „andere Abonnement-verbundene Angebote“.
Klar ist aber: Insgesamt macht das Angebot bisher weniger als neun Prozent des Umsatzes aus, wohingegen die Werbeeinnahmen für über 90 Prozent des Umsatzes von Twitter stehen. Und die für den Umsatz so wichtigen Werbekunden könnte Musk nun vor den Kopf stoßen, warnt IT-Experte Oppermann. Der US-Autobauer General Motors – ein Konkurrent von Musks Autobauer Tesla etwa – gab bekannt, seine Werbekampagnen auf Twitter vorübergehend zu stoppen. Auch die Interpublic Group of Companies (IPG), eine der größten Werbeagenturen der Welt, hat laut Angaben der „New York Times“ am Montag ihren Klienten geraten, ihre Werbeausgaben auf Twitter zeitweise einzustellen – offenbar wegen der von Musk ebenfalls angekündigten Veränderungen beim Thema Content Moderation. „Wenn die Anwender Twitter vertrauen sollen, muss Moderation da sein“, meint auch Oppermann.
Was bedeutet die Monetarisierung des blauen Hakens für Twitter?
Dass Twitter-Nutzer, die einen blauen Haken wollen, nun ins Abo gedrängt werden, hat Potenzial, noch mehr Werbekunden zu verärgern. Denn Twitter hat - wie auch von Musk angeprangert - ein Bot-Problem in unbekannter Höhe und Bots sind für Werbetreibende wertlos - verifizierte Accounts hingegen implizieren, das echte Menschen hinter den Accounts stehen. „Das Zielpublikum und die Kundenstruktur können sich dadurch verändern, da werden Firmen, die etablierte Geschäftsbeziehungen mit Twitter haben, vor den Kopf gestoßen“, sagt Oppermann. Und: „Das ist kontraproduktiv.“ Denn an Alternativen, wo Werbekunden ihre Budgets ausgeben können, mangele es nicht. Auch wenn es faktisch richtig und auch für Werbekunden wichtig sei, dass sich normale Nutzer vernünftig registrieren – quasi verifizieren, dass auch echte Personen hinter den Accounts stehen.
Um mit verifizierten Accounts und dem Twitter-Blue-Abo möglicherweise ausfallende Werbebudgets zu kompensieren, müsste Twitter eine Vielzahl der Nutzer vom Abo überzeugen – das bisher aber kaum mehr Funktionen bietet. Zudem haben bereits einige Nutzer nach der Twitter-Übernahme angekündigt, Twitter ganz verlassen zu wollen.
Was hat Musk eigentlich konkret mit Twitter vor?
Was genau sich Elon Musk von seinem Twitter-Kauf verspricht, ist immer noch unklar. Es wird gemutmaßt, dass er die Anwendungsbereiche und Funktionen erweitern will, etwa im Bereich des „Web 3.0“. Das ist bisher nicht viel mehr als ein Buzzword, im Prinzip geht es dabei um eine Form des Internets, bei dem Inhalte nicht zentral auf dem Server eines Unternehmens liegen, sondern dezentral über eine Blockchain bei allen Nutzern des Netzwerks. Dabei wären auch Kryptowährungen eine Kernkomponente. Dafür spricht etwa die Co-Investition der weltgrößten Kryptobörse Binance in Höhe von 500 Millionen Dollar. Der Binance-Chef hat laut einem Interview mit der „CNBC“ die Absicht, „Twitter ins Web 3.0 zu bringen“.
Mit Twitter sitzt Musk außerdem auf einer riesigen, wertvollen Datenquelle, kann etwa Trends und Stimmungen oder das Konsumverhalten von Menschen vorhersagen. Denkbar sei auch, an Twitter eine Vielzahl weiterer Dienste anzudocken und so als zentrale Kommunikationsplattform zu etablieren.
Und vielleicht sind Musks Ambitionen ja noch größer: „Ziel könnte es sein, Twitter Blue als eine Art WeChat der westlichen Welt aufzubauen“, bemerkt Oppermann. In der chinesischen App können Nutzer nicht nur chatten oder telefonieren, sondern sich auch gegenseitig Geld überweisen, shoppen, Spiele spielen oder Taxen bestellen „Alles ist mit allem kombiniert“, sagt Oppermann. Voraussetzung wäre dann: das Twitter-Blue-Abo.
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