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Start-up des Monats Die „Abendtüte“ ist nicht zum Kiffen

Ein Lieferservice für frische Zutaten – gekocht werden muss selbst. Vor einem Jahr haben Susanna und Peter Wiedeking das Gastronomie-Start-up „Abendtüte“ gegründet. Der Umsatz hinkt den eigenen Erwartungen hinterher.

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Düsseldorf In unserer neuen Reihe das „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen fortan regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. Das Unternehmen im September ist die „Abendtüte“ aus Düsseldorf.

Der Geruch von Gewürzen zieht durch den Raum, Susanna Wiedeking schneidet Rosmarin und die Papiertüten rascheln. Die 40-Jährige bereitet die erste „Abendtüte“ des Tages zu. Sie packt frische Paprika und spanische Feuersalami ein, portioniert Risottoreis und verschließt die Verpackungen mit bunten Klebestreifen – inklusive Rezept-Karte. Schon ist die Abendtüte „Ofen-Risotto mit Chorizo und Paprika“ fertig.

Die Idee eines gesunden Lieferservice kam Susanna und Peter Wiedeking vor einigen Jahren. Den Mut, den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen, brachten sie vor zwölf Monaten auf. Im September 2013 ging der Bestelldienst „Abendtüte“ online, gekoppelt an einen Laden in Düsseldorf.

Das Konzept ist einfach: Der Kunde sucht sich ein Gericht aus, klickt auf Bestellen und bekommt die Zutaten seines Lieblingsessens zum Feierabend nach Hause geliefert. Nur die Zutaten – kochen muss er selbst. Lediglich die Grundzutaten Pfeffer, Salz und Olivenöl sollten in jedem Haushalt vorhanden sein.

Susanna Wiedeking probiert die Rezepte aus, die gelernte Grafikdesignerin ist Hobbyköchin. Und genau darin sieht sie den Vorteil ihres Unternehmens: „Wenn ich es schaffe, das Essen lecker zu kochen, dann schaffen das unsere Kunden auch.“ Ein professioneller Koch würde schließlich ein ganz anderes Niveau vorgeben als Wiedeking.

Zwischen fünf und zwölf Euro kosten die Tüten, das Ofen-Risotto bekommt man für acht Euro für eine Person. Nicht gerade günstig für ein Essen, das man sogar selber zubereiten muss. Im Supermarkt könnte man die gleichen Zutaten für viel weniger Geld kaufen. „Es hat sich gezeigt, dass unsere Kunden bereit sind, für Qualität und Transparenz zu zahlen“, sagen die Wiedekings.


Firmengründung finanziert aus Erspartem

Die Zielgruppe sollte ursprünglich aus Singles und Berufstätigen bestehen. Doch die Realität zeigt: Vermehrt bedienen sich Familien und Paare an den Abendtüten. Ein Grund sei laut Peter Wiedeking die Portionierung der Zutaten für exotische Gerichte, wie Bulgur oder Kirchererbsen. Die Pakete, die man im Biomarkt kaufen kann, sind oft zu groß und zu teuer. Deswegen setzen die Wiedekings auf Portionen pro Person. „Der absolute Renner sind die türkischen Linsenlaibchen.“ Offenbar zählt der Geschmack also genauso wie die Bequemlichkeit der Abendtüte.

Für den Geschmack zählen die Jung-Gastronomen auf regional statt global: Fleisch, Gemüse, Gewürze – alle Lebensmittel beziehen sie von regionalen Bauern sowie von ausgewählten Händlern aus Düsseldorf. Zusammen mit dem Konzept, täglich auszuliefern, würde dies das Konzept einzigartig machen.

Die Konkurrenzanbieter, wie zum Beispiel der Lebensmittel-Lieferservice „HelloFresh“, „liefert nur einmal in der Woche“, sagt Susanna Wiedeking. Da müsste man im Endeffekt doch nochmal einkaufen gehen, um alle Zutaten der Wochenration verkochen zu können.

Finanziert haben die Wiedekings ihr Start-up ausschließlich mit Erspartem. Fremdes Geld bedeutet fremder Einfluss; darauf wollten die beiden verzichten. Der Nachteil, so Peter Wiedeking: „Es dauert länger als gedacht, bis wir mit dem Geschäft Gewinn machen.“

Ein Jahr nach dem offiziellen Start der Abendtüte, ist das Unternehmer-Paar bei „Null“. Genaue Umsatzzahlen wollen sie nicht verraten, nur so viel: „Erwartet hatten wir das Doppelte“, sagt Wiedeking weiter. Er hat bei der Software-Firma IBM gearbeitet; jetzt ist er verantwortlich für den Bestelldienst, die Auslieferung und das Netzwerken mit anderem Gastronomen.


Die Konkurrenz schläft nicht, sondern liefert aus

Bulgur und Kümmel haben mittlerweile den Rosmarin-Duft verdrängt. Die Linsenlaibchen wurden bestellt, also packt Susanna Wiedeking die zweite Tüte des Tages. Einen durchschnittlichen Bestellwert pro Tag gäbe es nicht. Ein Manko des Konzepts: „Es ist immer unterschiedlich, wir können nicht voraussagen, wie viele Tüten am nächsten oder übernächsten Tag bestellt werden.“

Selber machen statt machen lassen: So lautet das Motto der beiden. Die Eltern einer vierjährigen Tochter sind sich dem Risiko bewusst, welches ein Start-up mit sich bringt. Existenzängste hätten sie aber nicht, viel mehr überwiege die Motivation für die Zukunft. „Für das nächste Jahr haben wir einige Pläne.“

Das Umland-Angebot soll ausgebaut werden – bisher können Ratingen und Co. nur über DHL angefahren werden. Außerdem wollen die Wiedekings neue Stammkunden akquirieren, Mitarbeiter einstellen und den Cateringbereich erweitern.

Einen Plan B gibt es erstmal nicht. Oder vielleicht doch? Viele Passanten bekommen nämlich eine andere Vorstellung von der Abendtüte, wenn sie den Namen lesen: Öfter als einmal wollte jemand „einen Joint für abends“ kaufen, „was zum Kiffen“. Das Paar nimmt es mit Humor. Die unternehmerische Gelassenheit kommt aus einer Tüte mit frischen Lebensmitteln, ganz ohne Gras.

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