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Start-up des Monats: Protonet Der „sicherste Server der Welt“ und seine Seele

Aus dem „einfachsten Server“ wird einfach eine Seele: „Soul“ heißt Protonets Software, die Datenaustausch sichern soll. Warum eine gute Idee nicht immer ein gutes Geschäft sein muss und was Iran damit zu tun hat.

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Protonet ist ein Hamburger Jungunternehmen aus der IT-Branche. Dieser Server Maya soll Firmen ermöglichen, sicheren Datenaustausch zu tätigen.

Hamburg/ Frankfurt In unserer Reihe „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. Heute geht es um Protonet aus Hamburg.

Eine kurze Nachricht via WhatsApp verschicken, ein Foto bei Instagram hochladen, einen Google Hangout-Chat mit Kollegen vollschreiben – und schon werden die eigenen Daten angreifbar. Spätestens seit der NSA-Affäre ist bekannt: Private Daten werden gesammelt, es ist ganzer ein Dschungel aus Zahlen und Buchstaben. Das Hamburger Start-up Protonet will das ändern und wagt sich damit an ein viel diskutiertes Thema des vergangenen Jahrzehnts.

„Soul“ heißt die Software von Protonet: „Seele“. Sie funktioniert browserbasiert und „beinhaltet ein eigenes Nachrichtensystem, einen Video-Chat, Datensicherung und -austausch, Terminverwaltung.“ Und das sicherer verschlüsselt als bei WhatsApp, Facebook und Co. Hört man Protonet-Gründer Ali Jelveh reden, merkt man schnell, er hat eine Vision: „Ich habe das Thema Datenhoheit in meine Biografie aufgenommen.“ Man dürfe Jelveh durchaus einen „Netzaktivisten“ nennen. Datenschutz auf allen Ebenen ist sein Anliegen.

Dafür wurden die Server, die die Protonetler „Körper“ nennen, kurzerhand von der „Seele“ und somit einer Software als Hauptprodukt ersetzt. Als Jelveh und Mitgründer Christopher Blum 2012 ihr Start-up in die IT-Branche brachten, war die Idee, den „einfachsten“ und gleichzeitig sichersten Server der Welt anzubieten. Die Idee schlug Wellen: Über Crowdfunding hatte das Team in nur 49 Minuten 200.000 Euro eingesammelt: Europarekord. Im vergangenen Jahr kamen binnen sechs Tagen weitere drei Millionen Euro dazu: Weltrekord.

Niemals hat eine Crowdfunding-Kampagne so schnell so viel Geld erzielt. Mit Crowdfunding können Unternehmen und Privatpersonen über einen Aufruf Geld einsammeln, meist über eine Plattform wie startnext.com. Doch auch eine Idee, deren Zeit gekommen zu sein scheint, wie die von Protonet funktioniert nicht automatisch.

Unter dem Hauptquartier, wie Jelveh und Blum ihr Büro in der Großen Bergstraße nennt, ist ein Café. Es ist Nachmittag, draußen ist es kalt. Ali Jelveh kommt im Pulli zum Termin. „I ♥ my Data“ steht groß darauf. „Ich liebe meine Daten“ soll das bedeuten. Doch anstatt des Herzens ist es ein orangenes Sechseck – Protonets Symbol, angelehnt an die Form ihres Servers Maya. Die anderen Server heißen Carlita und Carla.

Dass er Kontrolle über seine Daten haben will, begründet Jelveh mit seiner Kindheit. Als er sieben Jahre alt war, beschloss Jelvehs Mutter, mit ihm und seinem kleineren Bruder zu fliehen. „Iran befand sich zu dem Zeitpunkt bereits im Golfkrieg gegen den Irak. Wir konnten nichts anderes tun, als zu fliehen“, sagt der heute 35-Jährige.

Der Rest von seiner Familie musste dort bleiben. Eine Wahl haben, die Kontrolle behalten: Jelvehs Motivation, Protonet zu gründen. „Ich gebe den Menschen die Option, selbst zu entscheiden, aus dem Dickicht aus undurchsichtigen AGBs und Datendeals zu fliehen.“


Server Carlita: Datentransfer bis nach China

Weil die Kombination aus Hard- und Software für Privatpersonen sowie kleinere Teams zu teuer gewesen sei, hätte Jelvehs ursprüngliche Idee nicht geklappt. Insgesamt hat Protonet laut eigenen Angaben nur rund 1.500 Server verkauft, davon 60 Prozent der Maya, der kostengünstigsten Lösung, und jeweils 20 Prozent von Carlita und Carla

„Trotz des Crowdfundings konnten wir mit unserem Produkt noch nicht die breite Masse erreichen, die wir uns vorgestellt haben. Die Leute haben uns unterstützt, weil sie an unsere Vision glauben“, sagt Ali Jelveh. „Nicht unbedingt, weil sie direkt einen Server mit Unternehmens-Groupware zuhause haben wollen.“

Die Protonet-Gründer versuchten, die Server über den Vertrieb an die Masse zu bringen, schlossen Partnerschaften – und scheiterten: „Protonet ist nicht bekannt genug, um es in ein Ladenregal zu stellen und auf Käufer zu warten.“ Die Anzahl der Händler sei zweistellig gewesen.

Jetzt sucht sich das Unternehmen andere, „spezifische“ Partner, etwa den Hebammenverband oder die Kreissparkasse Göppingen. „Hebammen wie Unternehmensberater kommunizieren sensible Daten, dafür ist Protonet perfekt geeignet“, sagt Jelveh.

Inzwischen ist die Mitarbeiterzahl geschrumpft: von 37 (Anfang 2015) auf 32. Die Neu-Orientierung bezüglich des Produkts hatte eine interne Umorientierung des Unternehmens zur Folge: Mitarbeiter entlassen, andere einstellen. Ändert sich ein Weg, ändern sich die Gefährten. Das Schweizer Distributionsunternehmen Also ist ein neuer Gefährte, ein Vermittler zwischen Protonet und diversen Händlern. Es gebe eine weitere große Partnerschaft, die aber noch geheim bleiben müsse. 

Was Jelveh hingegen gerne erzählt: Der Werkzeughersteller Twentynine-Days aus der Nähe von Harburg nutzt den Server Carlita, um seine Projekte zu organisieren – bis hin zur Kommunikation mit der eigenen Dependance in China.

„So sind alle jederzeit auf dem aktuellen Stand und jeder Kommentar ist transparent und nachvollziehbar“, sagt Geschäftsführer Andreas Kadelbach zum Gebrauch von Protonet. Denn wenn Infos verloren gehen würden, würde man womöglich falsch bauen „und der Schaden kann schnell in die Zehntausende gehen“. 

Ob die Daten zwischen Hamburg und Hongkong geschützt sind, dürfte vielen Deutschen immer noch egal sein. Diesen Trend zeigt zumindest der Sicherheitsreport 2015 auf, eine aktuelle Allensbach-Studie, von der Deutschen Telekom in Auftrag gegeben. Laut dem Report machen sich nur 28 Prozent der 1.393 Befragten „große Sorgen“ über Datenbetrug im Internet. 19 Prozent beschäftige es, dass der deutsche Staat Telefon- und Internetkommunikation überwacht; 15 Prozent, dass dies Länder wie die USA oder China tun.


Protonet fordert politischen Einsatz

Protonet sichert die Daten seiner Kunden aktuell mit einer 2048bit Verschlüsselung, einer Transportverschlüsselung. Das bedeutet, dass alles, was der Sender verschickt, noch auf dem eigenen Gerät verschlüsselt wird. So können die Daten nicht von außen gehackt werden, weder von extern noch von dem Seitenprovider selbst. 2013 noch stand Protonet in der Kritik, die Daten ihrer Kunden nicht, wie versprochen, vollständig gesichert zu haben.

Das Tech-Magazin t3n hatte damals berichtet, dass der Datenverkehr über einen zentralen Reverse-Proxy-Rootserver von Protonet läuft, gehostet von einem externen Anbieter. Dementsprechend nahmen die Informationen, die Protonet-Kunden über Maya, Carlita und Carla ausgetauscht hatten, laut t3n einen Umweg über einen Dritten.

Der Datenschutzexperte Philipp Kramer hält das Prinzip Protonets grundsätzlich für gut. „Protonet ist ein Angebot, das auf deren Servern, vermutlich jedoch auf Servern eines externen Rechenzentrums, betrieben wird“, sagt Kramer, der Chefredakteur des Portals Datenschutz-Berater ist. „Hier ist ein Unternehmen an deutsches Datenschutzrecht gebunden.“

Wie man als klein- oder mittelständischer Unternehmer seine Daten sichern will, solle man prüfen, bevor man sich Protonet anschaffe: intern lagern oder in eine Cloud geben. „Der eigene Server muss gehegt und gepflegt werden. Bei kleinen Firmen wird das oft nur halbherzig gemacht, weshalb Rund-um-Sorglos-Pakete auf den ersten Blick attraktiv sind.“ Ob Protonet das Versprechen erfülle, „das kann ich bisher nicht erkennen“. 

Für Ali Jelveh spiele Datenschutz noch eine andere Rolle: „Die Politik muss sich für die Datenhoheit einsetzen, auf Bundes- sowie EU-Ebene“, sagt Ali Jelveh. Der Gründer, Aktivist und Visionär hat mit „Free your data“ (auf Deutsch: „Befreie deine Daten“) eine Initiative gestartet, mit der er der deutschen Polit-Szene einheizen will. „Ansonsten erlangen wir nie eine digitale Souveränität, anders geht es nicht.

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