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Steve Ballmer Der Abschied des Microsoft-Chefverkäufers

Steve Ballmer hat seinen Rückzug angekündigt. Die Art und Weise ist ungewöhnlich. Als Nachfolger wird Gründer Bill Gates gehandelt, eventuell im Gespann mit Nokia CEO Stephen Elop.

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Microsoft CEO Steve Ballmer hat seinen Rücktritt angekündigt. Quelle: AP

„Lame Duck“ nennen die Amerikaner eine Person, deren Amtszeit sich dem Ende nähert und deshalb nicht mehr richtig für voll genommen wird. Normalerweise wird als lahme Ente ein Präsident bezeichnet, der nicht wiedergewählt werden kann. Barack Obama droht dieses Schicksal in zwei Jahren.

Steve Ballmer, Chef eines der größten Softwarekonzerne der Welt und damit nicht gerade unwichtig für die US-Wirtschaft, ist ab sofort ganz offiziell eine solche lahme Ente. In den nächsten zwölf Monaten will er sich von der Konzernspitze zurückziehen. Um seine Versorgung muss man sich keine Gedanken machen. Ballmer ist dank Microsoft einer der reichsten Männer der Welt. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 15 Milliarden Dollar. Dass Ballmer zurücktreten muss, weil er nicht der richtige Mann an der Microsoft-Spitze ist, wird seit Jahren gefordert und insofern keine Überraschung. Solange Gründer Gates das anders sah, drohte Ballmer keine Gefahr.

Seit 2000 führt der bullige Manager, ein ehemaliger Studienfreund von Gründer Bill Gates, den Konzern. Er war der erste richtige Manager, den Gates für sein Unternehmen im Juni 1980 anheuerte. Lange Jahre waren die beiden Männer das erfolgreichste Duo der US-Wirtschaft. Gates war der Visionär, dessen Intellekt und Entscheidungen sich jeder bei Microsoft beugte. Ballmer agierte als der Chefverkäufer, der schweißgebadet über die Kunden-und Entwicklerkonferenzen-Bühnen der Welt tanzte und sich dabei die Kehle aus dem Leib brüllte. Es war ein Traum-Duo, dessen perfekte Abstimmung Microsoft in den neunziger Jahren zum wertvollsten Hightech-Unternehmen der Welt machte. 94 Prozent aller Personalcomputer tickten damals mit Windows, viele von ihnen nutzten das teure Bürosoftware-Paket Microsoft Office. Es war wie eine Gelddruckmaschine.

Steve Ballmers Karriere

Bis es die beiden Männer zu bunt trieben, als sie sich Mitte der neunziger Jahre anschickten, mit der Windows-Dominanz nun auch noch das Internet zu erobern. Die allzu rüden Taktiken, die gegen den aufstrebenden Wettbewerber Netscape eingesetzt wurden, handelten Microsoft eine Klage und schließlich eine Verurteilung als Monopolist ein. Der Aufspaltung – die im Rückblick wahrscheinlich ein Segen für Microsoft gewesen wäre –  entging der Konzern zwar. Aber Gates hatte nach dem Prozess keine Lust mehr, das Tagesgeschäft zu führen. Ballmer war der logische Nachfolger, alles andere wäre ein Affront gegenüber dem Freund gewesen.

Vom mobilen Geschäft überrollt

Windows 8 im Test - Schocktherapie für Nutzer
Flotter StartZum Start ein Fisch: Windows 8 startete in unserer virtueller Testumgebung auf einem aktuellen iMac innerhalb des Virtualisierungsprogramms Virtualbox binnen Sekunden. Der Fisch zeigt übrigens an, dass es sich um die Consumer-Vorschau-Variante des kommenden Windows-Systems handelt. Schon in der Beta-Version von Windows 7 kam der Kampffisch (Gattung Betta) zum Einsatz, aus der fertigen Version wird er verschwunden sein. Quelle: Screenshot
Wischen ist angesagt!Dann werden wir von einem schicken Login-Screen begrüßt. Nun gilt es bereits, sich dem neuen Windows-Paradigma zu nähern: Wischen statt klicken! Erst nachdem der Login-Screen mittels Wisch-Geste nach oben verschoben wurde, dürfen wir uns einloggen. Damit ist eine der beiden wichtigsten Gesten eingeführt: Das Wischen zum Scrollen von Inhalten. Die zweite wichtige Geste bei Windows 8 ist das einfach antippen einer Schaltfläche - der Doppelklick hat auf der Metro-Oberfläche ausgedient. Übrigens: Wer bei der Installation dem Wunsch von Microsoft widerspricht, sich einen Microsoft-Account für Windows 8 anzulegen, landet nach dem Start direkt auf der Metro-Oberfläche ohne den Login-Screen. Quelle: Screenshot
Kacheln statt FensterUnd dann das: Bunte große Kacheln statt Fenster. Auf einen Blick wird hier deutlich, warum Microsoft-Chef Steve Ballmer Windows 8 als die bislang “riskanteste Produktwette” von Microsoft bezeichnet. Windows 8 ist der bislang größte Traditionsbruch in der Geschichte des Windows-Systems, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1983 zurückreichen. Windows 8 hat sich von Windows Phone 7 inspirieren lassen, damit es sich genauso mittels Touch-Gesten steuern lässt wie mittels Maus auf dem PC. Anwendungen (“Apps”) und Widgets wie das aktuelle Wetter werden als Kacheln dargestellt. Für jede installierte Anwendung hängt Windows 8 eine weitere Kachel auf dem Startbildschirm an. Vorsortiert wird dabei nicht - die Sortierung übernimmt der Nutzer. Quelle: Screenshot
Anwendungen im Metro-GewandEin Klick auf die Kachel Internet Explorer und wir landen in dem Microsoft-Browser in der Metro-Variante. Bislang gibt es nur eine Handvoll mit Windows 8 ausgelieferte Microsoft-Programme, die in dem Vollbild-Metro-Modus laufen. Unter anderem von Googles Webbrowser Chrome und Mozillas Browser Firefox sind Metro-Varianten angekündigt. Ältere Windows-Software sieht dagegen auch unter Windows 8 so aus wie immer - und lässt sich damit per Touch-Bedienung nach wie vor nicht vernünftig bedienen. Anderseits ist die Bedienung der Metro-Programme mit der Maus äußerst gewöhnungsbedürftig. Nachdem wir eine Webadresse in den Browser eingegeben hatten, ist die Adressleiste plötzlich verschwunden. Erst ein Klick auf den unteren Rand des Fensters bringt sie zurück - und das erst nach einigem Ausprobieren. Alternative: ein Rechtsklick. Quelle: Screenshot
Anfängliche Verzweiflung: Wo geht’s hier raus?Und wie kommen wir nun aus dem Internet Explorer wieder raus? Ein “X” ist nirgendwo zu finden. Die altebekannte Tastenkombination Alt+F4 funktioniert auch nicht. Also schnell gegoogelt. Fazit: Wie bei einem Tablet-Konzept üblich, lassen sich die Metro-Apps gar nicht mehr so einfach beenden. Sie laufen im Hintergrund weiter und werden nur noch ausgeblendet. Und wie blendet man die App nun aus? Bei der Touchbedienung wird von rechts in den Bildschirm gewischt, um die sogenannten Charms - so nennt Microsoft das dann auftauchende Menü - herbeizuzaubern. Doch wie geht das mit der Maus? Erst ein Demonstrationsvideo von Microsoft bringt die Erkenntnis: den Cursor nach ganz unten oder ganz oben links bewegen. Damit werden die Charms rechts (siehe Screenshot) aufgerufen - und damit die Schaltfläche “Start”, um auf die Metro-Oberfläche zurückzukehren. Generell funktioniert mit der Maus vieles anders als mit der Touch-Bedienung - und manches ist auch unnötig verwirrend. Quelle: Screenshot
Zurück zum GewohntenFast wie Windows 7 sieht dagegen der klassische Desktop aus. Zu ihm gelangt der Nutzer jederzeit über den Start-Bildschirm der Metro-Oberfläche. Hier lässt sich auch wie gewohnt das Dateisystem mittels Windows Explorer durchforsten. Auch ansonsten beruhigt den eingefleischten Windows-Fan hier endlich ein gewohnter Anblick: Im unteren Bereich ist immer noch die Taskleiste, in der links die laufenden Programme und rechts Systemicons wie Lautstärkeregler, Warnungen des Wartungscenters und ein Netzwerk-Symbol angezeigt werden. Quelle: Screenshot
Einfach drauf lostippenHaben Sie beim letzten Bild etwas bemerkt? Ganz wie Windows 7 sah der Desktop doch nicht aus. Was fehlt? Genau, der mit Windows 95 eingeführte Windows-Start-Button ist ersatzlos gestrichen worden. In der ersten nur an Entwickler gerichteten Vorschau von Windows 8 war er noch vorhanden. Wie kommt der Anwender nun an seine Programme? Die Antwort ist für alte Windows-Hasen sehr ungewohnt: einfach drauf lostippen. Das funktioniert elegant und superflink - allerdings nur von der Metro-Startfläche aus, nicht vom Desktop. Wie bisher lassen sich Verknüpfungen auf Programme aber auf den Desktop oder in die Taskleiste legen. Zum Start aller anderen Anwendungen führt nun aber kein Weg am Start-Bildschirm der Metro-Oberfläche vorbei. Quelle: Screenshot

Das Problem war, dass Ballmer sich nicht vom Verkäufer zum Visionär wandeln konnte. Als Vordenker muss man anscheinend geboren sein. Ballmer war und ist ein hervorragender Verkäufer. Er hat vor allem die Geschäftssparte von Microsoft ausgebaut, den Umsatz in seiner Amtszeit von 23 auf 77 Milliarden Dollar hochgeschraubt und den Profit von 9,4 Milliarden Dollar auf 21,8 Milliarden Dollar ausgebaut.

Doch auf seine Kappe geht, dass Microsoft den Übergang von Personalcomputern auf Smartphones und Tablets nicht geschafft hat. Außerdem konnte das Unternehmen dem Aufstieg von Apple und Google nichts entgegensetzen.

Das wird Ballmers Vermächtnis sein, nicht seine Verdienste im Unternehmensgeschäft. Denn Smartphones und Tablets sind die Zukunft der Branche. Dort hat Microsoft fast nichts zu melden. Die vier Prozent Marktanteil bei Smartphones existieren nur, weil Ballmer den ehemaligen Microsoft-Manager und jetzigen Nokia CEO Stephen Elop überzeugen konnte, eine Allianz einzugehen. Fast neunzig Prozent der Windows Smartphones kommen derzeit von Nokia. Doch gegen die Übermacht von Google, Samsung und Apple hat die Allianz nichts zu melden.

Wie Windows wurde, was es ist

Auch im Tablet-Geschäft krebst Microsoft nur herum. Das eigene Tablet Surface, das Ballmer aus der Not heraus entwickeln ließ, ist bislang ein Rohrkrepierer. Es hat Microsoft mindestens eine Milliarde Dollar Verlust und nur mickrige Markanteile beschert. Vor allem hat es langjährige Partner wie PC-Hersteller Acer und Lenovo verärgert, was wiederum dem neuen Betriebssystem Windows 8 etwas den Wind aus den Segeln nahm.

Zumindest aber hat die Erkenntnis, stärker bei der Vernetzung von Software und Hardware aktiv werden zu müssen, die Blaupause für ein neues Microsoft beschert. Ballmer und Gates wollen den Konzern zu einer Art „Microservice“ umbauen, bei dem die verschiedensten Microsoft-Plattformen – von Windows über Cloud-Software bis hin zu Internet-Diensten wie Suche und Kommunikation – besser in die Endgeräte von Hardwarepartnern integriert werden. Vorbild ist die Allianz, die Microsoft mit Nokia geschlossen hat. Dabei nutzt der Handy-Hersteller nicht nur Microsoft Software, sondern auch dessen Internet-Dienste. Beide arbeiten eng bei der Entwicklung zusammen.

Blaupause für ein neues Microsoft

Was sich Apple und Co. für neue Mitarbeiter einfallen lassen
Wandern mit Mark ZuckerbergWenn Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jemanden einstellen will, dann geht er mit der Person in den Wald. Dabei erzählt er dem potenziellen neuen Mitarbeiter von seiner Unternehmensvision, macht deutlich, dass Geld keine Rolle spielt und dass er oder sie sofort anfangen kann. Quelle: dpa
Marissa Mayer liest jeden LebenslaufYahoo-Chefin Marissa Meyer kennt all ihre Mitarbeiter – besser gesagt ihren Lebenslauf. Der Lebenslauf jedes neu eingestellten Mitarbeiters wandert über ihren Schreibtisch. Quelle: REUTERS
Bunte Mützen für neue Google-MitarbeiterNeue Google-Mitarbeiter, also „New Googler“ heißen im Unternehmensjargon „Noogler“. An ihrem ersten Freitag im Unternehmen tragen die neuen traditionell eine bunte Mütze mit der Aufschrift Noogler. Quelle: AP
Ein Besuch bei GandhiDer Mitbegründer von Twitter und  Chef des Smartphone-Bezahldienstes Square, Jack Dorey, besucht mit neuen Mitarbeitern gerne eine Gandhi-Statue mit Blick auf die Golden-Gate-Bridge in San Francisco. Quelle: Screenshot
Ein Tisch aus einer alten Tür bei AmazonFrüher mussten neue Amazon-Mitarbeiter einen Tisch aus einer alten Tür zusammen bauen – wobei die Tür selbst als Tischplatte dient. Mittlerweile bekommen sie den Tisch gleich fertig montiert geschenkt. Quelle: dpa
Eine Geschenktüte von LinkedInNeue Mitarbeiter beim Jobportal LinkedIn bekommen eine Geschenktüte mit einer Wasserflasche, dem Buch „The Startup of You“ von Firmengründer Reid Hoffman und weiteren Geschenken je nach den Interessen des neuen Mitarbeiters. Quelle: AP
Ein iMac für Apple-NeulingeWer neu bei Apple anfängt, bekommt ein iMac geschenkt. Das müssen die Neulinge jedoch selbst installieren, um sich mit dem Apple-Produkt auseinander zu setzen. Quelle: AP

Doch die Strategie löst nicht das Problem, dass Software- und Hardwarehersteller sich weiterhin bei Problemen gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben können. Zum anderen lässt sich mit Hardware allein kaum noch Geld verdienen. Microsofts Partner müssen deshalb zwangsläufig selber stärker in Internet-Dienste einsteigen. Das birgt Konfliktpotential.

Der Rückzug von Ballmer ist nicht ungewöhnlich. Der Abschied auf Raten schon. Genau aus dem Grund, weil er Ballmers Handlungsfreiheit ausgerechnet in dem Moment einengt, wo der Siegeszug von Smartphones und Tablets die gesamte Computerbranche auf den Kopf stellt und neu definiert.

Es könnte sein, dass Ballmer krank ist und deshalb die Nachfolgefrage forciert hat. Aber diesen Grund hätte Microsoft als börsennotiertes Unternehmen nennen müssen. Vor allem nach all den Diskussionen, ob Apple die Krebserkrankung von Steve Jobs früher hätte offenlegen müssen.

Wahrscheinlicher ist deshalb, dass Ballmer die Ablösung vorangetrieben hat, um bei seiner Nachfolge noch ein Wörtchen mitreden zu können und den Boden für seinen Erben noch etwas zu bestellen.

In Arbeit
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Als aussichtsreichster Nachfolger gilt Microsoft-Vorgänger Bill Gates. Dem Konzern würde dann wieder ein Visionär vorstehen, der seine Mitarbeiterbegeistern und motivieren kann. Google taugt als Vorbild, wo Gründer Larry Page wieder auf den Chefposten zurückkehrte. Oder auch Apple, wo Steve Jobs ein am Boden liegendes Unternehmen auch mit seiner Autorität wieder belebte.

Die Frage ist, ob Gates das will. Ihm gefällt seine Aufgabe als Wohltäter der Menschheit. Und wenn er annimmt, dann wahrscheinlich nur für eine Übergangszeit. Vor allem bräuchte er einen starken Partner, der für ihn das Tagesgeschäft führt und ihm den Rücken frei hält.

Die interessanteste Spekulation ist, dass Microsoft den derzeitigen Nokia-Chef Stephen Elop loseist. Ein Abheuern käme wegen der Allianz beider Unternehmen nicht in Frage. Aber sehr wohl der Kauf von Nokia, der in den vergangenen Monaten auch schon verhandelt wurde. Ballmer könnte den Erwerb nun mit Gates vorantreiben. Gates übernimmt den Vorsitz gemeinsam mit Elop und übergibt dem gebürtigen Kanadier in ein paar Jahren vollständig die Stafette. Vielleicht kommt damit ja endlich der Glanz wieder zurück.

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