T-Systems-Chef Adel Al-Saleh: „Ich habe nie verstanden, warum ich hier einen Zettel für die Apotheke brauche“
Ballast abgeworfen: Adel al Saleh befreite T-Systems von margenschwachem Altgeschäft und Beamtenpensionen.
Foto: PRWirtschaftsWoche: Sie warnen, dass Europa und auch Deutschland der künstlichen Intelligenz offener begegnen sollten.
Adel Al-Saleh: Künstliche Intelligenz bedeutet einen Quantensprung im Computerzeitalter. Aber die europäische und auch die deutsche Politik reagieren genau entgegengesetzt zur amerikanischen. Das macht mich nervös. Auch die USA wollen die KI regulieren – keiner will, dass sie sich gegen Menschen richtet oder Informationen missbraucht. Aber die USA nimmt das Gespräch mit der Branche auf und stellt sicher, dass neue Gesetze die Innovationskraft nicht hemmen. In Europa dagegen nimmt die politische Diskussion einen alarmistischen Ton an – wie können wir das stoppen? Wie behalten wir die Kontrolle? Ich wünsche mir eine größere Offenheit, mit der wir an eine neue Technologie herangehen, die die Welt verändern wird.
Liegt das vielleicht daran, dass das meiste, was in der KI passiert, aus den USA kommt?
Natürlich treiben amerikanische Unternehmen wie OpenAI, Microsoft, Google oder Meta die Entwicklung. Viel der frühen Innovation rund um KI kam aber aus Europa. Ein diverser Pool von Menschen treibt das Thema im Silicon Valley an – da sind viele europäische Talente dabei. Aber auch in Europa haben wir das Knowhow – Aleph Alpha ist auf Augenhöhe mit dem Silicon Valley. Auch gibt es viele Startups in Frankreich, Belgien, Norwegen und Finnland mit exzellenter KI-Technologie. Aber werden sie das nötige Kapital, die Unterstützung erhalten? Wird es das regulatorische Umfeld geben, mit dem sie schnell skalieren können? Wir schauen uns gerade alle Modelle sehr genau an – wir entscheiden, ob wir sie in der Deutschen Telekom einsetzen, und an unseren Kunden vermarkten. Noch hat Europa eine gleichgroße Chance wie die USA. Aber wenn wir nicht konsequent genug sind, wird es so ausgehen wie bei der Cloud.
KI kommt von denselben Unternehmen, die uns die Cloud brachten. Die haben eine riesige Marktmacht. Man sorgte sich bei der Cloud, Daten außerhalb unserer Jurisdiktion zu speichern. Das Plattformgeschäft zwingt uns, für viele Services Transaktionsgebühren zu zahlen. Ist die neuerliche Vorsicht der europäischen Politiker nicht gerechtfertigt?
Alles, was Sie gerade aufgezählt haben, sollte die Motivation für Europa sein, jetzt ein Umfeld für KI zu gestalten, das die Innovation begrüßt, statt sie zu verhindern. Dass Europa kein so gigantisches Cloudgeschäft hat, liegt an Versäumnissen hier, nicht an den amerikanischen Unternehmen. Will man sich nur vor großen Unternehmen schützen, entsteht eine falsche Dynamik. Wir sollten es europäischen Unternehmen leicht machen, auf Augenhöhe zu operieren. Wir müssen die KI-Industrie durch ein innovatives Regelwerk fördern. Wir befinden uns gerade an einer Wegscheide. Noch ist es nicht zu spät. Macht das Umfeld es schwierig, zu skalieren und mit Daten umzugehen? Dann werden Unternehmen wie Aleph Alpha in andere Märkte ausweichen. Und es gibt wieder keine europäischen Champions.
Das Thema Datenhoheit wird gerade in Deutschland sehr emotional geführt.
Der Schutz der Daten ist dank der DSGVO stark genug, dass wir uns im neuen Umfeld der KI weniger um die Privatheit der Daten sorgen müssen. Wir spielen gerade mit allen Technologien. Wir sind uns aber sehr bewusst, welche Technologie wir in welchem Umfeld einsetzen. In eine öffentliche Cloud, in der KI-Modelle installiert sind, werden wir keine hochsensiblen Daten hochladen. In der privaten Cloud dagegen können wir dieselben Modelle voll nutzen mit den sensibelsten Daten, weil wir die volle Kontrolle haben. OpenAI und Microsoft liefern uns ihre Modelle gern auch in unsere geschlossenen Räume. Und da wird es interessant.
T-Systems macht kaum positive Schlagzeilen – alle wissen um die hohe Belastung, etwa durch Pensionsverpflichtungen. Immer wieder gab es Gerüchte, dass die Deutsche Telekom T-Systems verkaufen will. Vor einem Jahr scheiterte der Verkauf.
Halten wir uns die Reise der vergangenen fünfeinhalb Jahre vor Augen, seit ich bei T-Systems angefangen habe. Anfangs gab es eine Menge Herausforderungen – es ging um unsere Strategie, unsere Effizienz und unsere Innovationskraft. Heute aber sind wir ein völlig anderes Unternehmen – wir sprechen nicht mehr über Transformation oder Umstrukturierung. Sondern über unsere Lösungen und wie wir mit ihnen einen Beitrag zur Gesellschaft leisten können. Der Markt hat das noch nicht ganz entdeckt – aber das wird kommen. Wir sind nicht mehr das schwarze Schaf der Telekom. Wir wachsen. Und zwar nicht nur beim Gewinn, auch beim Umsatz. Wir sind Marktführer bei kritischen Innovationsthemen.
Seit Sie angekommen sind, ist der Umsatz von T-Systems von sieben Milliarden Euro auf vier Milliarden geschrumpft. Zur alten Größe kommen Sie wahrscheinlich nicht zurück.
Wir haben den Teil unseres Geschäfts, der mit Konnektivität zu tun hatte, von T-Systems auf die Deutsche Telekom übertragen. Das machte insgesamt drei Milliarden Euro Umsatz aus. Es war sehr fragmentiert, wenn es um die Kundenbetreuung und Vertragsthemen ging. Das ist jetzt bei Srini Gopalan im Deutschlandgeschäft integriert. Auch der Umsatzrückgang im Geschäft, das die übrigen vier Milliarden Euro Umsatz ausmacht, ist gestoppt. Der war durch von uns bewusst getroffene Entscheidungen ausgelöst. Zum Beispiel haben wir uns von einem großen Geschäftsfeld verabschiedet, den „End User Services“. Die Betreuung von Rechnern an Arbeitsplätzen und Kundensupport war einfach kein gutes Geschäft mehr für uns.
Und wie generieren Sie jetzt von der kleineren Basis aus neues Wachstum?
Im vergangenen Jahr wuchs unser Umsatz bereits um ein Prozent. Darin enthalten sind vier Kerngeschäftsfelder: Automotive, öffentlicher Dienst, Gesundheitswesen und öffentlicher Transport. Wir bedienen auch Kunden aus anderen Branchen, aber für diese vier Sektoren haben wir vertikale Lösungen. Alle vier wachsen schnell. Der öffentliche Dienst und Transport wachsen im hohen einstelligen Bereich. Auto im mittleren einstelligen Prozentbereich. Der Gesundheitsbereich fängt langsam an zu wachsen.
Bei öffentlichem Dienst denke ich gleich an Andrea Nahles…
… von der Bundesagentur für Arbeit.
Frau Nahles warnt, dass deutsche Behörden alt aussehen, wenn sie nicht in die Cloud umziehen.
Wir arbeiten eng zusammen. Als größter Arbeitgeber innerhalb der Bundesregierung mit 100.000 Angestellten, die die gesamte deutsche Bevölkerung bedienen, versteht sie die Komplexität der Aufgabe wie kaum eine zweite. Sie braucht eine massive Computerkraft und eine massive Modernisierung ihrer Systeme. Natürlich muss sie die Datenschutzgrundverordnung einhalten und auf die Datenhoheit achten. Wir unterstützen gerne bei dieser Herausforderung.
Was war los in 2022? Da stand T-Systems zum Verkauf – und es ließ sich kein Käufer finden, obwohl sogar eine Milliarde Euro Mitgift geboten wurde?
In strategischen Assessments haben wir geprüft, was der beste nächste Schritt für T-Systems ist. Innerhalb des Prozesses haben wir uns verschiedene Optionen angeschaut und entschieden, dass T-Systems im Haus bleibt. Das ist am besten für T-Systems, und die Telekom profitiert von unseren Kompetenzen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind froh, dass die Deutsche Telekom in unsere Zukunft investiert. Wir können sogar Zukäufe tätigen. Der Konzern hat auch ein paar Altlasten von unseren Schultern genommen, die wir trotz Teilverkäufen und Restrukturierungen weiter zu tragen hatten.
Sie sagen also, das T-Systems nie zum Verkauf stand?
Wir haben alle verschiedenen Optionen bewertet und uns dann entschieden, dass T-Systems in der Telekom bleibt. Risikokapitalfirmen suchen immer nach IT-Assets, die sie kaufen können. Aber unser Pfad ist klar. Innerhalb der Telekom liegt der richtige Weg für uns nach vorne.
Was bedeutet KI für T-Systems?
Unser Konzern investiert sehr viel in KI. Wir verbessern zum Beispiel den Kundenservice. Wenn ein Kunde anruft, müssen unsere Call-Center-Mitarbeiter mit vielen unterschiedlichen Datensätzen arbeiten. KI kann diese Daten schnell und übersichtlich aufbereiten, so können wir die Kundinnen und Kunden dann effizienter bedienen. Bei T-Systems prüfen wir auch, wie KI uns bei der Softwareentwicklung und beim Betrieb unserer Datencenter unterstützen kann. Kann sie Patches schreiben, die den Betrieb von Servern verbessert? Kann sie Probleme dort automatisch lösen, ehe sie groß ins Gewicht fallen? Wir bauen eine AI Factory, um die KI-Adoption für die Telekom und unsere anderen Kunden zu beschleunigen. Aktuell arbeiten weltweit über 600 Leute in der Factory von T-Systems– in den nächsten zwei Jahren wollen wir Hunderte weitere einstellen.
Bei gemeinsamen Datenräumen ist T-Systems ein Vorreiter. Sie schufen gemeinsam mit der Autoindustrie Catena-X.
Datenräume sind eine neue Antwort darauf, wie man mehreren Unternehmen ermöglicht, ihre Daten zu teilen, ohne dass die Datenbesitzer die Kontrolle oder die Datenhoheit verlieren. Das kann man sich wie einen Datenmarktplatz vorstellen. Catena-X ist ein gutes Beispiel dafür. Den Raum haben wir mit 28 Autoherstellern und Zulieferern der Branche gegründet und die Architektur entwickelt, die dieses sichere Teilen der Daten ermöglicht. Die Datenplattform vereinfacht es zum Beispiel, das Lieferkettengesetz einzuhalten. KI kann in diesen Datenpools aber auch neue Einsichten generieren, wie man seine Fabriken verbessert, wie der Einkauf läuft oder wie die Lieferkette resistenter wird. Ähnliche Datenräume wollen wir für das Gesundheitswesen und das verarbeitende Gewerbe aufsetzen – Manufacturing-X und Healthcare-X.
Wie international sind die Datenmarktplätze?
Catena-X startete mit deutschen Unternehmen, aber die Lieferkette ist extrem international. Gerade bringen wir amerikanische Autozulieferer herein. Die Kontrollmechanismen funktionieren, egal wo: Ein Zulieferer in Vietnam kann sein Datenset einstellen und die Regeln spezifizieren, für welche Operationen und von welchen Herstellern die Daten genutzt werden dürfen. Und Gebühren für die Nutzung der Daten abrechnen. Wir sind mit unseren Partnern bislang die einzige derartige Plattform und wir gehen sehr offen damit um. Die Technologie stammt aus unseren Entwicklungen für die europäische Cloud-Initiative Gaia-X.
Also hat sich Gaia-X zumindest für Sie gelohnt. Wie monetisieren Sie Ihre Services?
Wir beraten unsere Kunden zunächst, wie sie Teil des Ökosystems werden. Dann implementieren wir bei ihnen sogenannte Konnektoren, die sie mit dem Datenraum verbinden. Für deren Nutzung berechnen wir eine monatliche Gebühr. Auch für die Europäischen Space Agency, Esa, schaffen wir einen großen Datenraum. Für die europäische Satellitenindustrie hosten wir die Daten in einem der größten öffentlichen Datenräume überhaupt . Der stellt die Erdobservations-Daten, die die Satelliten des Copernicus Programms über Flüsse, Berge, Meeresbewegungen, Landwirtschaft generieren, über 600.000 Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung – Universitäten, Regierungen, Unternehmen. In diesen Datenraum bringen wir auch Visualisierungstools und künstliche Intelligenz zur schnelleren Auswertung.
Wie steht es um den Austausch von Informationen zwischen Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern? Das E-Rezept ist live, aber T-Systems ist nicht mehr dabei. Warum?
Es ist phantastisch, dass das Gesundheitsministerium diese Digitalisierung vorantreibt. Wir sind eines der Unternehmen, die gemeinsam mit der Gematik die Infrastruktur entwickeln – also den Datenraum und die Autobahn für die Daten, die ausgetauscht werden. Wir entwickeln auch Anwendungen wie den TI-Messenger für Kurznachrichten etwa zwischen Ärzten. Eine weitere Anwendung ist das E-Rezept. Ich habe nie verstanden, seit ich vor sechs Jahren noch Deutschland zog, warum ich hier einen Zettel für die Apotheke brauche. Das gab es in den USA nie, es ist dort im System – die Arztpraxis übermittelt das Rezept meiner Apotheke elektronisch. Den Papierkram mit den Stempeln hier in Deutschland empfinde ich als ganz merkwürdig. Allerdings sind wir beim eingeschlagenen Hardware-Kurs für das E-Rezept ausgestiegen. Wir glauben an eine reine Software-Lösung.
Das erinnert mich an die Corona-Warn-App. Die bauen Sie jetzt für die WHO aus zu einem globalen Impfpass?
Die Pandemie ist glücklicherweise vorbei, leider aber kam die Corona-Warn-App deshalb auch aufs Abstellgleis. Das hat uns sehr enttäuscht – man hätte die Infrastruktur für ein Impf-Register ausbauen können. Mit fast 50 Millionen Downloads war sie die erfolgreichste App jemals in Deutschland. Wir hatten das von uns programmierte Back-end zur Validierung von Impfzertifikaten aber auch an die EU und andere Länder vermarktet – ein echter Erfolg, den Deutschland angeführt hat. Deshalb hat die WHO T-Systems ausgewählt, eine globale, standardisierte Plattform für Zertifikate zu schaffen, die entweder für Routineimpfungen oder für künftige Pandemien einsatzbereit sein soll.
Und Deutschland selbst hat abgewunken?
Leider ist es hier schwierig, dass der Funke überspringt für eine schnelle Digitalisierung. Dass Deutschland mit seiner digitalen, sicheren Lösung der Anführer der Welt war, ging völlig unter. Stattdessen hagelte es Kritik zu den Kosten der App. Wir wissen, wie man Daten sichert. Wir haben Krankenhäuer, Labore und andere Institutionen digital auf sicherem Weg miteinander verbunden. Es ist wirklich frustrierend, das in Deutschland nicht weiter auszubauen.
Lesen Sie auch: Warum bei T-Systems plötzlich das Geschäft brummt