TikTok-Deutschlandchef: „97 Prozent der Inhalte werden heruntergenommen, bevor sie gesehen wurden“
Tobias Henning
Foto: dpa Picture-Alliance20,9 Millionen Menschen in Deutschland nutzen inzwischen TikTok. Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 1,5 Milliarden Menschen entweder auf TikTok oder dessen chinesischem Pendant Douyin aktiv – das Wachstum sei seit Jahren „ungebrochen und stabil“, sagt Tobias Henning. Der 43-Jährige ist seit 2020 „General Manager TikTok Operations“ in Deutschland, betreut zudem auch das operative Geschäft in Israel sowie Mittel- und Osteuropa.
Im Interview spricht er über Vorwürfe, TikTok würde ungefiltert Desinformation verbreiten – auch und insbesondere rund um das derzeitige Geschehen in Israel, über den Wandel der eigenen Zielgruppen und über Gefahren und Potenziale von künstlicher Intelligenz.
WirtschaftsWoche: Herr Henning, gegen TikTok ist ein Verfahren seitens der EU angekündigt. Kurz zuvor hatte EU-Digitalkommissar Thierry Breton Ihr Unternehmen wegen der „Verbreitung von illegalen Inhalten“ und „Falschinformationen“ im Zusammenhang mit dem Geschehen in Israel angemahnt. Was erwidern Sie?
Tobias Henning: Wir verurteilen die Terroranschläge in Israel ganz klar. Wir sind besorgt um die Entwicklungen, die in Gaza stattfinden. Und für uns gibt es seit dem 7. Oktober zwei oberste Prioritäten: Die eine ist die Sicherheit unserer Mitarbeiter vor Ort. Die andere ist die Sicherheit der Plattform. Wir haben seit dem Angriff der Hamas auf Israel eine Vielzahl von Maßnahmen nicht nur entwickelt, sondern auch intensiviert. Das betrifft insbesondere die Moderation arabischsprachiger und im hebräischsprachiger Inhalte.
Wie genau sehen diese „intensivierten“ Maßnahmen aus?
Wir haben eine Leitstelle eingerichtet, in der die wichtigsten Mitglieder unseres 40.000-köpfigen globalen Sicherheitsteams mit unterschiedlichen Fachkenntnissen und regionalen Perspektiven zusammenkommen, damit wir flexibel auf diesen sich rasch entwickelnden Konflikt reagieren können. Wir haben unsere technologischen Maßnahmen angepasst, insbesondere im Umfeld von Livestreams unter Berücksichtigung der Geiselnahmen. Wir haben Hinweisfenster integriert: für Inhalte, die auf Nutzer schockierend wirken können, um zu verhindern, dass Menschen diese ungewollt sehen. Wir sind uns bewusst, dass bestimmte Inhalte, die sonst gegen unsere Richtlinien verstoßen würden, im öffentlichen Interesse liegen – diesen gestatten wir zu Dokumentations-, Bildungs- und Counter-Speech-Zwecken auf der Plattform zu verbleiben. Darüber hinaus arbeiten wir natürlich weltweit mit Strafverfolgungsbehörden und Experten zusammen.
Sie haben Ihre Mitarbeiter vor Ort ja bereits angesprochen. Wie sorgen Sie in diesen Tagen für deren Sicherheit?
Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns aus Gründen des Schutzes unserer Mitarbeiter nicht dazu äußern.
Dann zurück zu den Videos: Laut eigenen Angaben haben Sie seit dem Angriff der Hamas über 775.000 Videos von TikTok heruntergenommen. Was genau heißt das? Die Videos hat dann auch wirklich niemand gesehen?
Was die Entwicklung seit dem 7. Oktober betrifft, haben wir diese Zahlen natürlich noch nicht. Aber generell gilt: Knapp 97 Prozent der Inhalte auf TikTok werden heruntergenommen, bevor sie überhaupt jemand gesehen hat. Sobald jemand ein Video öffentlich hochlädt, beginnt ein dreistufiger Prozess. Zunächst werden Inhalte von unseren technologischen Filtern analysiert und, wenn sie gegen unsere Community-Richtlinien oder lokalen Gesetze verstoßen, heruntergenommen. Ist sich die Technologie nicht sicher, dann kommt die menschliche Überprüfung durch unsere Moderatoren. Weltweit arbeiten 40.000 Menschen in unserem globalen Sicherheitsteam. Als Drittes können auch Nutzer Inhalte melden.
Dann haben Ihre Moderatoren ja in diesen Tagen einiges zu tun. Wo sitzen die eigentlich?
Weltweit, auch in Europa. Weil wir auf diese Art und Weise sicherstellen, dass wir 24/7 alles im Blick haben. Unser globaler Chef für Sicherheit und Vertrauen sitzt in Irland, ebenso wie viele andere leitende Führungskräfte, die für unsere regionale Sicherheitsstrategie, die Entwicklung von Inhaltsrichtlinien, die Durchsetzung und die Zusammenarbeit mit externen Experten wie Wissenschaftlern, zivilgesellschaftlichen Gruppen und NGOs verantwortlich sind.
In Dublin befindet sich TikToks Europa-Zentrum. Sie selbst haben einmal gesagt, TikTok sei kein chinesisches Unternehmen. Woran machen Sie das fest?
Es ist tatsächlich falsch, TikTok als chinesisches Unternehmen zu bezeichnen. Erstens: TikTok ist in China gar nicht verfügbar. Zweitens: TikTok wird für Deutschland hier in Deutschland gemacht. Drittens: Unser CEO sitzt in Singapur, der Europachef sitzt in London, der operative Chef sitzt in Los Angeles.
Und der Mutterkonzern Bytedance ist auch nicht chinesisch?
Auch Bytedance hat seinen Sitz außerhalb von China, auf den Caymaninseln. Die Anteile von Bytedance werden zudem zu 60 Prozent von internationalen Investoren gehalten, darunter zum Beispiel General Atlantic und KKR. Weitere 20 Prozent halten die Mitarbeiter. Nur 20 Prozent werden tatsächlich von den Gründern gehalten, die ursprünglich aus China kommen.
Die aber mehr Stimmrechte haben als der Rest der Anteilseigner und damit faktisch doch die Kontrolle halten, richtig?
Dazu kann ich nichts sagen.
Sie haben in der Vergangenheit offen Fehler eingestanden, auch beim Thema Zensur.
Die Grundlage unserer Moderation sind die Community-Richtlinien, Nutzungsbedingungen und lokale Gesetze. Unsere Teams hatten bereits zu unseren Anfangszeiten gesehen, dass unter anderem die LGBTQIA+-Community diskriminiert wird. Damals hatten wir einen zu groben Ansatz gewählt, um Konflikte zu vermeiden. Das war falsch und das haben wir geändert.
Ende 2021 haben Sie Ihren damaligen Cheflobbyisten, Gunnar Bender, beurlaubt. Kurz zuvor hatte der „Spiegel“ berichtet, dass dieser in engem Kontakt mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor gestanden war und eine Zahlung für ein Musikfestival in dessen Wahlkreis veranlasst hatte. Haben Sie auch daraus gelernt?
Dazu kann ich nichts sagen.
Sie selbst haben auch einen TikTok-Account. Dort finden sich aber nur ein paar Videos, das aktuellste ist schon ein halbes Jahr alt. Macht Ihnen TikTok selbst etwa gar keinen Spaß?
Ich bin eben wie die allermeisten unserer Nutzer: Jemand, der vor allem TikToks schaut. Ein Großteil betrachtet TikTok ganz einfach als Unterhaltung. Ich etwa nutze die App als Reiseführer, um witzige Sachen zu sehen, Kochrezepte zu lernen. Aber ich bin jemand, der selbst nicht sonderlich kreativ ist. Ich bin kein Creator, muss ich ganz ehrlich sagen.
Sie haben 2020 bei TikTok angefangen, als erster Deutschlandchef überhaupt. Sind Sie damals in ein leeres Büro gekommen?
In ein leeres virtuelles Büro sozusagen, ja. Es war ja Lockdown, Corona-Hochphase. Tatsächlich war das Team damals deutlich kleiner. Heute haben wir in Deutschland mehrere hundert Mitarbeiter. Und TikTok sah damals auch ganz anders aus als heute: Die App wurde damals noch wahrgenommen als eine Plattform für junge Menschen, die Playback singen und Tanzvideos machen wollten. Das hat sich deutlich geändert.
Inwiefern?
Mittlerweile gibt es auf TikTok eine riesige Bandbreite an Themen: Von Kochrezepten über Reisetipps und Sportinhalte, alle Bundesligaclubs sind mittlerweile auf TikTok vertreten, bis hin zu Buchrezensionen via BookTok. Dort tauschen sich Nutzer über Bücher aus und das hat inzwischen auch einen großen Einfluss auf den Buchmarkt. Und fast alle deutschen Medienunternehmen sind auf TikTok präsent. Zudem nutzen viele unterrepräsentierte Communitys TikTok als Plattform des Austauschs. Unsere Zielgruppe ist eben nicht mehr 18 bis 24 Jahre alt, sondern wird immer älter. Inzwischen wachsen wir vor allem bei den älteren Zielgruppen. Und dadurch kommt dann umgekehrt eben auch sehr viel neuer, sehr viel andersartiger Content auf die Plattform als noch vor drei Jahren.
TikTok wird also so rasant weiterwachsen wie bisher?
Wir sehen seit den Anfängen ein ungebrochenes und stabiles Wachstum. Vor drei Jahren wurde mir in solchen Interviews immer gesagt: TikTok ist doch nur so ein Corona-Phänomen. Aber das stimmt einfach nicht. Wir sind tatsächlich auch nach 2021 ungebrochen weitergewachsen. Und gerade bei den älteren Zielgruppen gibt es noch ein unglaubliches Potenzial. Deswegen gehe ich davon aus: Das Wachstum wird auch in den nächsten Jahren ganz ähnlich aussehen.
Was ich aus all dem auch heraushöre: Es gibt offenbar einen gesteigerten Nutzeranteil, der gezielt nach Inhalten sucht und nicht einfach dem TikTok-Feed erliegt.
Ja, die Suchfunktion ist sehr im Trend und hat großes Potential. Sie wird seit etwa einem Jahr stark genutzt. Das geht bis dahin, dass Leute sagen: Ich nutze keine andere Suchmaschine mehr, sondern ausschließlich TikTok. Mir selbst geht es auch so: Wenn ich neue Restaurants in meiner Gegend suche zum Beispiel, dann gehe ich nicht auf Google, sondern auf TikTok. Gerade im Bereich Suche besteht ein sehr, sehr großes Wachstumspotenzial.
Das heißt: Auf lange Sicht wollen Sie auch Google Konkurrenz machen?
Auf lange Sicht wollen wir weiterwachsen mit unserer Community.
Auch Googles Videodienst YouTube hat sich von TikTok inspirieren lassen. Seit vergangenem Jahr gibt es dort mit „YouTube Shorts“ ein Format, das stark an die Mechanismen von TikTok erinnert. Merken Sie die neue Konkurrenz im Tagesgeschäft?
Wenn andere uns kopieren, dann bestätigt uns das eher in dem, was wir tun. Wir sehen nach wie vor ein ungebrochenes Interesse, auf TikTok unterwegs zu sein. Und wir glauben, dass wir eine Menge an Innovationen in der Pipeline haben, die TikTok weiterentwickeln werden.
Spielt bei diesen Innovationen auch generative KI eine Rolle? Es wäre zum Beispiel denkbar, dass TikTok irgendwann KI-generierte Videoantworten auf Nutzerfragen ausspuckt. Ist das eine Richtung, in die sich die App entwickeln könnte?
Unser Algorithmus, unsere Technologie ist das Herzstück von TikTok. Und dieses Herzstück werden wir kontinuierlich weiterentwickeln. Und natürlich werden wir da auch auf neuere technologische Entwicklungen setzen. Schauen wir mal.
Ihr Mutterkonzern Bytedance hat mit dem Videoeditor CapCut jüngst einen zweiten großen Hit in den App-Stores gelandet. Auch dank neuer KI-Möglichkeiten, die das Bearbeiten und Generieren von Videos vereinfachen. Das schreit doch nach Synergien mit TikTok, oder?
Klar, CapCut ist ein Tool, das für viele Nutzer die Hemmschwelle gesenkt hat, um selbst auf TikTok kreativ zu sein. Die App ist sehr zugänglich, animiert dazu, Content zu kreieren. Das passt natürlich sehr gut zu uns. Es wird in Zukunft auch definitiv noch mehr Interaktion geben zwischen CapCut und TikTok.
Was heißt das genau?
Was genau da in der Pipeline ist, kann ich noch nicht teilen.
Andererseits haben Sie kürzlich bekanntgeben, dass Sie KI-generierte Inhalte kennzeichnen wollen. Das führt uns zurück zum Thema Desinformation: Inwiefern ist KI in dieser Hinsicht auch eine Gefahr für TikTok?
Grundsätzlich hat für uns die Sicherheit der Plattform oberste Priorität. Unabhängig davon, ob es sich um KI-generierte Inhalte handelt. Und: Wir setzen eben auch hier ganz klar auf Transparenz. Wenn wir sehen, dass etwas durch KI entwickelt wird, dann wollen wir das künftig kennzeichnen. Wir testen das gerade. Genauso wie wir kennzeichnen, wenn es sich um Werbeinhalte handelt.
Lesen Sie auch: Wie Buchhändler die Gen Z auf TikTok umwerben