Triumph mit dem Tolino Wie die deutschen Buchhändler Amazon schlagen

Mit dem E-Book-Reader Tolino gelingt es heimischen Buchhändlern erstmals wieder, gegen Unterhaltungselektronik aus Asien und den USA zu punkten. Das Gerät verkauft sich besser als die Konkurrenzprodukte von Amazon.

Was der Tolino Vision 2 kann
Der Tolino Vision 2 ist acht Millimeter dünn und wiegt 174 Gramm. Trotz beleuchtetem E-Ink-Display mit einer Diagonale von 15,24 Zentimetern soll die Akku-Laufzeit bis zu sieben Wochen betragen. Quelle: Presse
Der Tolino Vision verfügt über zwei Gigabyte internen Speicher, was für etwa 2.000 E-Books reicht. Zudem sind eine Million Titel in der Bücher-Cloud vorrätig. Der Tolino verbindet sich via WLAN mit dem Internet. Praktisch für unterwegs ist die Gratisanmeldung beim Buchhändler und der kostenlose Zugang zu allen 40.000 Telekom HotSpots in Deutschland - z. B. am Flughafen, in der Bahn, in Restaurants oder Cafés. Quelle: Presse
Das Gerät ist laut Hersteller komplett wasserdicht. So verzeiht der Tolino Vision 2 zum Beispiel Lesen im Regen oder ein versehentliches Eintauchen in die Badewanne.
Umblättern funktioniert nicht nur über den Bildschirm, sondern auch durch sanftes Tippen auf die Rückseite des Geräts, was das Lesen mit nur einer Hand vereinfacht. Zudem sind eine Wörterbuch- und Übersetzungsfunktion vorhanden. Quelle: Presse

Vor Kurzem war Michael Busch zu Besuch in Frankfurt, beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Früher war das oft nicht so angenehm. Der Chef der Buchhandelskette Thalia hatte eine Zeit lang wegen seines beinhart geführten Expansions- und Verdrängungskurses einen bestenfalls zweifelhaften Ruf in der Branche. Doch diesmal, erzählt einer, der dabei war, war das anders: „Der hat mittlerweile fast Heldenstatus.“

Den verdankt Busch einer Idee, die in Deutschland als überholt gilt, das Land der Dichter und Autobauer nun aber auf verlorenem Terrain wieder hoffähig machen könnte. Es geht um einen kleinen, internetfähigen grauen Tablet-Computer für die Hand- oder Aktentasche.

Das Teil heißt Tolino und dient dazu, elektronische Bücher, kurz: E-Books, zu lesen. Deren Anteil am Gesamtumsatz mit Büchern in Deutschland von 9,5 Milliarden Euro war in den ersten drei Quartalen 2014 auf gut fünf Prozent gestiegen – Tendenz zunehmend.

Fakten zu E-Books in Deutschland

In einer nie da gewesenen Allianz mit den Konkurrenten Hugendubel, Weltbild und Club Bertelsmann sowie der Deutschen Telekom als Technik-Partner hatte Thalia den Tolino im März 2013 auf den Markt gebracht.

Von Skeptikern zunächst kritisch beäugt, hat sich die Bücherflunder zur Waffe gemausert, mit der die hiesigen Buchhändler den US-Riesen Amazon offenbar in Schach halten können. Vor Weihnachten, heißt es aus dem Buchhandel, seien die preiswerteren Einstiegsmodelle des Tolino zeitweise ausverkauft gewesen.

Eigentlich gilt Unterhaltungselektronik aus Deutschland seit Jahren als eine Art schwarzer Schimmel, haben vor allem Asien und die USA das Geschäft mit neuen Geräten an sich gerissen. Dies schien sich wieder zu bestätigten, als Amazon im März 2011 auch in Deutschland den Kindle auf den Markt brachte und rasch zum führenden Anbieter von E-Book-Readern aufstieg. Damit schien die Schlacht um den zersplitterten deutschen E-Book-Markt praktisch geschlagen.

Mehr Umsatz als Amazon

Doch Busch und Kollegen widerlegten die Skeptiker, indem sie den Trend drehten und es ihnen gelang, Amazon die Hacken zu zeigen. So stieg der Umsatzanteil der E-Books, die in Deutschland auf dem Tolino gelesen werden, im dritten Quartal 2014 um weitere sieben Prozentpunkte auf den Rekordwert von 45 Prozent, so der Nürnberger Marktforscher GfK.

Der Anteil von Amazon schrumpfte dagegen um neun Prozentpunkte auf 39 Prozent. Damit schaffen es die deutschen Buchhändler zum ersten Mal, Amazon zurückzudrängen. „Das hätte keiner von uns allein geschafft“, sagt Thalia-Chef Busch, „allein wären wir untergegangen in diesem Geschäft.“

Tolin im Ausland

In den vergangenen Monaten ist die Gruppe weiter gewachsen – der Online-Händler Libri schloss sich ebenso an wie die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig und Eckert sowie das Düsseldorfer Buchhaus Stern-Verlag. Auch jenseits der Grenzen wächst das Interesse an der Amazon-Alternative: In Belgien, den Niederlanden und in Italien verkaufen Buchhändler inzwischen Geräte der Tolino-Familie.

Wie der deutsche Buchmarkt tickt

Zu der Gemeinschaftsaktion trug der wachsende Leidensdruck auf die Buchhändler bei, der letztlich dafür sorgte, dass sie sich im Sommer 2012 einigten. Zu lange hatte jeder von ihnen versucht, mit eigenen Geräten, Partnern und Marken wie Oyo von Thalia am wachsenden Umsatz mit E-Books teilzuhaben.

Doch die Kleinstaaterei brachte nichts, sondern half nur Amazon, sich binnen Kurzem gut die Hälfte aller E-Book-Umsätze in Deutschland einzuverleiben. Damit schienen die Marktanteile verteilt.

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