Übernahmeangebot von Nokia Alcatels Flucht in die Zukunft

Fakt ist, ohne die Übernahme durch Nokia wäre Alcatel-Lucent auf Dauer kaum überlebensfähig geblieben. Trotzdem ist der Deal alles andere als ein Zusammenschluss der Verlierer.

Nokia bietet 15,6 Milliarden für Rivalen Alcatel-Lucent. Quelle: Bloomberg

Das Bemerkenswerteste an dem 15,6 Milliarden-Euro-Übernahmeangebot von Nokia für den Konkurrenten Alcatel-Lucent ist, wer sich bisher nicht dazu geäußert hat: Frankreichs Präsident Francois Hollande nämlich.

Dabei hätte der nach vielfach erprobter französischer industriepolitscher Logik allen Grund zum Aufheulen. Schließlich setzt sich – sofern die diversen globalen Wettbewerbshüter zustimmen – Nokia an so ziemlich jeder entscheidenden Stelle in dem Zusammenschluss durch. Chef wird (beziehungsweise bleibt) Nokia-Frontmann Rajeev Suri, den Aufsichtsrat präsidiert weiter Nokia-Chefaufseher Riisto Siilasma, Sitz des Unternehmens bleibt Helsinki, und der Name – richtig – lautet künftig nur noch Nokia.

Bei einem derart einseitigen Deal wäre der Aufschrei aus dem Elysée-Palast eigentlich unumgänglich. Die französische Regierung würde im Normalfall alles unternehmen, um den Zusammenschluss zu verhindern. Dass sie es nicht tut, dass Suri und Alcatel-Lucent-CEO Michel Combes gestern sogar breit lächelnd den Präsidentenpalast verließen, als sie dort ihre finalen Pläne präsentierten, zeigt, wie es um die Beteiligten der Übernahme steht.

Alcatel-Lucent-CEO Michel Combes (r.) und Nokia-Frontmann Rajeev Suri Quelle: REUTERS

In dem zwar extrem wachsenden, vom Boom der Smartphones und der ultraschnellen Breitband-Internet-Zugänge befeuerten Geschäft mit Netzwerktechnik für Telekom- und Internetkonzerne sehen alle Beteiligten offenbar das Heil im Bündnis unter finnischer Flagge.

Zu hart ist der Kampf um Marktanteile im enorm kapital- und forschungsintensiven Markt, in dem die Nokia und Alcatel-Lucent bei Absatz und Umsatz mit den Branchenriesen Ericsson aus Schweden und Huawei aus China nicht (mehr) mithalten konnten. Da scheint nicht nur für Frankreichs Präsident Hollande die Zukunft des einstigen französischen Netzwerktechnik-Vorzeigeunternehmens in der Flucht unter das Nokia-Dach zu liegen.

Tatsächlich spricht einiges für das Zusammengehen der beiden regionalen Riesen. Nicht nur aus wirtschaftspolitischer Sicht, so gut der Deal in das von der EU-Kommission forcierte Konzept zum Aufbau starker regionaler Industriegrößen im globalen Wettbewerb passt.

Auch ökonomisch ergänzen sich die beiden Unternehmen. Angefangen von der regionalen Ausrichtung des Geschäfts – die Franzosen sind (seit dem Zusammenschluss mit dem US-Wettbewerber Lucent 2006) überproportional stark im Nordamerika-Geschäft; Nokia dagegen dominiert im direkten Vergleich das Geschäft in der asiatisch-pazifischen Region und in Indien.

Beide Partner gelten als innovativ und sehr forschungsstark. Zwar versprechen sich die Unternehmen vom Deal – auch – Einsparungsmöglichkeiten in Höhe von rund 900 Millionen Euro im Jahr.

Ein Traditionshandy kommt zurück
Nokia Quelle: dpa
Nokia Quelle: REUTERS
„Connecting people“ lautet der Slogan von Nokia. Und in der Tat hat das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von Menschen verbunden – früher mit den ersten, koffergroßen Telefonen für unterwegs, zwischendurch mit Bestsellern wie dem 5110, heute mit den Lumia-Smartphones. Auch wenn Nokia in den letzten Jahren an Marktanteil und Einfluss verloren hat und seine Gerätesparte nun an Microsoft verkauft: Der finnische Konzern hat die Mobilfunkbranche geprägt. Quelle: Presse
Mobira Senator1982 stellte Nokia sein erstes Mobiltelefon vor, das heute nicht besonders mobil wirkt: Das Modell Mobira Senator ließ sich mit einem Tragegriffs aus dem Auto heben. Zumindest wenn man kräftig zupackte, wog das Gerät doch knapp zehn Kilogramm. Nach wenigen Stunden musste es wieder aufgeladen werden. Damals war es indes eine Sensation. Quelle: Presse
MikroMikkoWenig bekannt: Nokia entwickelte bereits in den 1980er Jahren Computer, hier ein Gerät der vierten Generation. Anfang der 1990er Jahre verkaufte das Unternehmen die Sparte aber. Quelle: Presse
Nokia 1011Mit der Zeit wurden die Mobiltelefone immer kompakter – so auch das Nokia 1011, das Ende 1992 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Besonderheit: Es war das erste massentaugliche Gerät, das mit dem Mobilfunkstandard GSM lief. In den Speicher passten 99 Telefonnummern. Quelle: Presse
Nokia 5110Mit dem 5110 wurden die Nokia-Geräte massentauglich – dieses ab 1998 verkaufte Modell sah man überall auf der Straße. Die Vorteile: Es war relativ günstig, nahezu unverwüstlich und ließ sich mit Wechselschalen optisch aufwerten. Zudem hatte es als eines der ersten Handys das Spiel „Snake“ an Bord. Quelle: Presse
Nokia 8110Dieses Handy hat Filmgeschichte gemacht: Im Science-Fiction-Streifen „Matrix“ nutzt der Hacker Neo das Nokia 8110 – unter anderem in der dramatischen Szene, als er vor Agent Smith aus seinem Büro flieht. Weil es im geöffneten Zustand gebogen war, bezeichneten viele das Gerät auch als Bananenhandy. Quelle: Presse
Nokia 9210Nokia entwickelte mit der Modellserie Communicator die ersten internetfähigen Handys – hier die ab 1999 verkaufte Version 9210. Das Gerät vereinte Handy und Organizer, zudem erlaubte es Nutzern, im Internet zu surfen. Erst Jahre später entwickelte die Konkurrenz vergleichbare Modelle. Quelle: REUTERS
Nokia N-GageHandy und Spielkonsole in einem: 2003 brachte Nokia das N-Gage auf den Markt. Das erste echte Spiele-Handy des finnischen Konzerns machte zwar viele Schlagzeilen, fand aber nicht so viele Käufer. Nur wenige Entwickler schrieben Spiele für den Mini-Bildschirm, zudem war das Gerät nicht gerade billig. Geradezu absurd: Um Spiele auszutauschen, musste man den Akku herausnehmen. Nokia stellte die Serie später ein. Quelle: dpa
Nokia 6630Auch mit dem 6630 setzte Nokia Standards: Es handelte sich um das erste Handy der Finnen, das per UMTS ins Internet gehen und so größere Datenmengen herunterladen konnte – so das Netz es hergab. Standardmäßig war auch ein E-Mail-Programm installiert. Außerdem an Bord: eine 1,3-Megapixel-Kamera, die auch Videos aufnimmt, Bluetooth und ein Musik-Player. Für das Jahr 2004 eine beachtliche Ausstattung. Quelle: dpa
Lumia 800Mit der Einführung des iPhone 2007 verlor Nokia den Anschluss. Gegen das Apple-Gerät und die vielen Androiden sahen die Mobiltelefone alt aus, die Entwicklung eines eigenen attraktiven Betriebssystems dauerte zu lange – Nokia verlor immer mehr Marktanteile. Mit Microsoft und dessen Software Windows Phone fand das Unternehmen 2011 einen Partner mit internationalem Gewicht. Das erste Windows-Gerät war das Lumia 800, inzwischen hat der Hersteller eine ganze Palette an Geräten mit dem System entwickelt. Neben Smartphones... Quelle: Reuters
Lumia 2520... hat Nokia erstmals auch ein Tablet im Angebot: Das Lumia 2520 soll mit seiner Andock-Tastatur eine Alternative zum Notebook sein. Ob das Gerät eine Zukunft hat, ist jedoch ungewiss: Microsoft baut mit dem Surface ein ganz ähnliches Produkt – der Software-Konzern übernahm die Nokia-Gerätesparte im Jahr 2013. Das Unternehmen Nokia existiert übrigens weiter, allerdings konzentriert es sich auf Netzwerkausrüstung und digitale Landkarten, Verbraucher werden also nur noch selten direkt mit den Produkten in Kontakt kommen. Quelle: dpa
Lumia 930Es ist so etwas wie das Vermächtnis der finnischen Handyentwickler: Das Lumia 930 ist das letzte Smartphone, das noch von Nokia stammt – nun verkauft es Microsoft. Hier stellt der frühere Nokia-Chef und heutige Microsoft-Manager Stephen Elop das Gerät vor, das unter anderem mit seiner Kamera die Käufer überzeugen soll. Quelle: REUTERS

Gleichzeitig aber soll der Zusammenschluss auch die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten (F&E) des gemeinsamen Konzerns stärken. „Wir werden vielleicht bei den unterstützenden Abteilungen etwas sparen können“, sagte Nokia-Chef Suri am Mittwochmorgen auf einer Pressekonferenz. „Dafür aber werden wir bei F&E ganz sicher wachsen.“

Dass die Bell Labs, das ebenso angesehene wie produktive Alcatel-Lucent-Forschungszentrum, auch künftig unter ihrem angestammten, renommierten Namen weiter existieren sollen, ist denn auch sicher mehr als nur ein Zückerchen, das Hollande seine Zustimmung zur Übernahme leichter macht. Es ist eher eine programmatische Ansage.

„Wir reden hier über einen offensiven Schritt in einem stark wachsenden Markt, in dem wir niemandem hinterher laufen müssen“, gab sich Alcatel-Lucent-Chef Combes am Mittwochmorgen trotz des absehbaren Untergangs seiner eigenen Marke betont kampfeslustig. „Die Konkurrenz muss schauen, wie sie mit uns Schritt hält.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%