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Veraltete IT Die Geißel deutscher Unternehmen

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Hohe Kosten für Wartung und Instandhaltung

Ein anderer Grund für die veralteten Systeme liegt im Beharrungsvermögen deutscher IT-Verantwortlicher. „US-Unternehmen haben vielfach eine stärkere Wegwerfmentalität und sind eher bereit, Altsysteme auszumustern“, sagt Axel Oppermann, Gründer des IT-Analysehauses Avispador in Kassel. Bei deutschen Banken und Energieversorgern sei mehr als die Hälfte der aktuell verwendeten Programme älter als zehn Jahre, das Durchschnittsalter verbreiteter Office-Anwendungen von Microsoft wie Word und Excel liege über alle Branchen bei sieben Jahren.

Damit sparen die Unternehmen zwar bei Neuanschaffungen und Schulungen. Im Gegenzug müssen sie aber mehr ausgeben, um die Systeme funktionsfähig zu halten. Rund 40 Prozent des IT-Budgets gehen für Wartung und Instandhaltung drauf, schätzt die Consultingfirma Capgemini. Berater Hansjörg Leichsenring aus Lütjensee in Schleswig-Holstein geht bei Banken sogar von „weit mehr als 60 Prozent“ aus. Das Geld fehlt für Neuinvestitionen, die einen wirtschaftlicheren Betrieb ermöglichen würden.

Die zehn größten IT-Übernahmen weltweit nach Kaufpreis

So könnten Luftfahrtgesellschaften ihre Kosten mit moderneren Rechnern um zwei Prozent drücken, heißt es Lufthansa-intern. Das ist ein beachtlicher Betrag bei einer Umsatzrendite von vier Prozent, die die Airlines auch in guten Zeiten bestenfalls erreichen. Flugunternehmen müssen ihre Tickets inzwischen auf mehr als 100 verschiedenen Online-Plattformen anbieten, gegenüber früher in drei oder vier Reservierungssystemen der Reisebüros. Die Lufthansa etwa, die sich zu einer Mischung aus klassischem und Billigflieger zu wandeln versucht, muss sich mit über 90 Datenbanken herumschlagen, die Angaben über die Passagiere speichern.

Experten sehen darin ein großes Hemmnis. „IT ist für alle Airlines eine wesentliche Bremse, wenn sie ihr Geschäftsmodell modernisieren wollen“, sagt Gerd Pontius, Geschäftsführer der Beratung Prologis aus Hamburg. Das gilt umso mehr, als die in anderen Branchen üblichen Standardprogramme fehlen. „Für die Softwareindustrie sind wir ein Nischenmarkt“, klagt Roland Schütz, oberster IT-Verantwortlicher des Lufthansa-Fluggeschäfts. Der Kranichlinie und ihren Wettbewerbern bleibt deshalb nur, Software aus anderen Branchen umzustricken und mit Eigenentwicklungen aufzurüsten. Froh, dass die Anlagen wie erwünscht laufen, halten die IT-Verantwortlichen dann ihre Kreationen oft über Jahrzehnte in Betrieb.

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    Diese Branchen sind am häufigsten von Computerkriminalität betroffen

    Von den negativen Folgen können auch andere Branchen berichten. Weil kaum noch jemand weiß, wie die vielen Programme aus alten Zeiten zusammenhängen, müssen dies bisweilen Ruheständler richten. So gibt es im Bankengewerbe Rentner, die als Experten für 2000 Euro pro Tag von einem Institut zum anderen ziehen, da nur sie die Programmiersprache Cobol aus den Achtzigerjahren beherrschen.

    Gerade die IT von Banken ist berüchtigt für Puzzles aus Datenbanken, Produktinformationen und Nutzeroberflächen. Banken müssen den Zahlungsverkehr ununterbrochen am Laufen halten und können ihre Systeme daher nicht (wie Industriebetriebe etwa in den Werksferien) für große Überarbeitungen abschalten.

    Mehrere Hundert Millionen Euro Einsparungen

    So wartete die Commerzbank nach dem Kauf der Dresdner Bank 2008 rund drei Jahre, bis sie deren Kundendaten auf ihre eigene IT überspielte. Statt die Chance für einen Neuanfang zu nutzen, setzt die Bank jedoch weiter auf ihr leidlich erprobtes und angepasstes System.

    Diese Vorsicht hält die betrieblichen Kosten hoch. Zudem drohen die Institute hinter digitale Angreifer zurückzufallen. Direktbanken im Internet haben mit moderner Software bereits Marktanteile erobert. Nun tauchen Start-ups auf, sogenannte FinTechs, und bringen mit ihren Systemen Angebote auf den Markt, zu denen Institute mit ihrer alten IT nicht in der Lage sind. Ein Beispiel ist das Berliner Portal Zencap, bei dem Privatanleger Geld in Firmenkredite investieren können.

    IT



    Zu denjenigen, die einen Schlussstrich unter ihre IT-Vergangenheit ziehen wollen, zählt ThyssenKrupp. Der Essener Stahl- und Technologiekonzern will in den kommenden fünf bis acht Jahren pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag in seine IT investieren, um das heillose IT-Durcheinander zu beenden. Rund 550 vielfach zugekaufte Tochterfirmen gehören zum Konzern. Die IT wurde nie harmonisiert, den Aufwand haben die Essener bisher stets gescheut.

    Nun lässt Vorstandschef Heinrich Hiesinger weltweit fünf eigene Rechenzentren für alle Betriebe bauen. Die konzernweit einheitliche IT soll Arbeitsabläufe automatisieren und so das ganze Unternehmen schneller und effizienter machen. Erhoffte Einsparungen und Mehreinnahmen: schätzungsweise mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr.

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