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Videospiele für unterwegs Marktführer hätten sich fast verspielt

Auf der Spielemesse Gamescom wird klar: Computer- und Konsolenspiele verlieren an Bedeutung. Die Zukunft liegt im „Mobile Gaming“, zum Beispiel auf dem Smartphone. Spieleriesen wie Activision und EA satteln um.

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Immer bessere Hardware weckt das Interesse an Spielen auf Tablets und Smartphones. 41 Prozent der deutschen Gamer kaufen Spiele in App-Stores und Marktplätzen, zeigt eine Bitkom Studie. Quelle: dapd

Düsseldorf Mobil spielen ist nichts Neues: Schon Tetris konnte man auf dem Gameboy unterwegs spielen. Aber Klötzchen stapeln gegeneinander ging nur mit einem Verbindungskabel. Die Geräte musste man noch im wahren Wortsinn vernetzen, sie wurden immobil.

Neu ist heute die simple Vernetzung für mehrere Spieler auf dem Smartphone oder Tablet und die Qualität der mobilen Spiele. Bei Free-to-Play-Spielen ist das ganze sogar kostenlos. Die Branche erwartet, dass bald mehr Umsatz mit Handy- und Tabletspielen gemacht wird, als mit den eigentlichen Konsolenversionen.

Deshalb ändern jetzt auch die Spielegiganten Activision Blizzard und Electronic Arts (EA) ihr Geschäftsmodell: weg von sogenannten „Boxed Games“, also verpackten Spielen im Geschäft, hin zu Online-Verkäufen und mobilen Spielen.

Vielleicht zu spät, befürchten Analysten. Denn kleine Spielefirmen wie Zynga, die Farmville und andere Spiele über Facebook anbieten, könnten EA und Activision Blizzard das Spielegeschäft aus den Händen nehmen. Auch Internethändler Amazon bietet mittlerweile kostenlose Spiele an.

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    Dank der niedrigen Entwicklungskosten für mobile Spiele konnten viele kleine Anbieter vormachen, wie es mit dem mobilen Geschäft läuft. Einige von ihnen sind damit Anfang der 2000er groß geworden, etwa die „Angry Birds“-Macher von Rovio oder Browsergame-Spezialist Bigpoint. Allein Zynga setzte im abgelaufenen Quartal mit seinen Spielen 292 Millionen Euro um; gut viermal mehr, als EA.

    Dass ihre Spiele bei den Nutzern ankommen, haben die jungen Firmen den Branchenführern vorgemacht. Die passen sich nur langsam dem neuen Trend an. „Durch die Free-to-play-Welle steht das klassische Geschäftsmodell der Spielehersteller infrage", sagt der Medienwissenschaftler Jörg Müller-Lietzkow von der Universität Paderborn. „Jetzt versuchen alle, auf dieser Welle mitzuschwimmen.“

    Das Verschenken der Spiele ist aber eher Marketing als Geschäftsmodell. Die Unternehmen bauen darauf, dass die Gratisnutzer im Spielverlauf bezahlen. Für sogenannte In-Game-Items, die der Spieler für seinen Spielfortschritt benötigt. „Wenn man ein großes Publikum erreicht, kann das genauso viel oder sogar mehr Umsatz bringen als der traditionelle Verkauf“, sagt Frank Gibeau, Manager bei Electronic Arts.


    Noch liegen die Konsolen vorn

    Der globale Onlinespiele-Markt wird heute auf 2,7 Milliarden Dollar geschätzt. Das Marktforschungsinstitut Superdata geht davon aus, dass sich der Markt bis 2015 verdreifacht. „Das Internet entwickelt sich zum bedeutendsten Marktplatz für Gamer“, sagt Ralph Haupter, Präsidiumsmitglied vom IT-Verband Bitkom.

    Der dominierende Verkauf von Software werde bis Ende des Jahrzehnts vom Free-to-Play-Ansatz abgelöst, sagt EA-Manager Gibeau. Marktforscher von Superdata gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Nutzer von kostenlosen Spielen durch Folgeangebote zu zahlenden Kunden werden.

    In Deutschland brachten Online-Abonnements, Premium-Accounts und der Verkauf virtueller Zusatzinhalte 2011 einen Umsatz von 416 Millionen Euro für die Branche. Ein Wachstum von 25 Prozent laut Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware BIU.

    Der Weltmarktführer für Videospiele, Activision Blizzard, erzielt einen großen Teil seines Umsatzes immer noch mit aufwändig produzierten Konsolen- und PC-Titeln wie dem Ego-Shooter „Call of Duty“ oder dem Rollenspiel „World of Warcraft“, die im Handel rund 60 Euro kosten können.

    Auch Konsolenhersteller Sony sieht den Zenit für die traditionellen Videospiele nicht überschritten. „Die Playstation 3 ist 2007 auf den Markt gekommen, sie hat also ohne Frage noch eine gute Zukunft“, sagt Jim Ryan, Europachef von Sony Computer Entertainment.

    Aber das Vertrauen in die Hochpreis-Spiele ist offenbar bei allen großen Konsolen-Herstellern nicht groß genug - auf der Gamescom kündigte keiner neue Geräte an. Nintendo und Microsoft sagten die Teilnahme an der Messe ab.

    In einer Studie geht Bitkom davon aus, dass 2012 in Deutschland rund zwei Milliarden Euro Umsatz mit Videospielen gemacht werden. Aber der Umsatz schrumpft. Konsolenspiele brachten Activision Blizzard im ersten Halbjahr 2012 1,2 Milliarden US-Dollar Umsatz ein, rund 16 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

    Der Markt in den USA kriselt, wie Daten vom Marktforschungsinstitut NPD Group zeigen. Der Absatz von neuer Videospiel-Hardware, -Software und Zubehör sank im Juli den achten Monat in Folge. Der Monatsumsatz ging um 20 Prozent auf 446,2 Millionen Euro zurück. Die US-Zahlen gelten als Gradmesser für den weltweiten Markt für Videospiele.

    Seit einigen Monaten setzt Activision verstärkt auf mobile Spiele. „Wir erhöhen unsere Investitionen, weil wir einen robusten Markt und eine unglaublich große Basis an Smartphones und Tablet-Computern sehen“, sagt Geschäftsführer Eric Hirshberg.

    Zum einen will das Unternehmen die Spieler bekannter Titel stärker an sich binden, etwa mit einer Smartphone-App für den kostenpflichten Online-Dienst „Call of Duty Elite“. Zum anderen vermarktet es eigenständige Spiele für mobile Geräte, etwa eine Neuauflage des Klassikers „Pitfall“.


    Auch Frauen sind mobile Spieler

    Activision-Konkurrent EA forciert das Geschäft mit den neuen Spieleangeboten. Die Kalifornier wollen im laufenden Geschäftsjahr 41 neue Gratisspiele für Handys und Computer auf den Markt bringen.

    Die Mobilsparte konnte bei EA im Jahresvergleich leicht zulegen. Mit 69 Millionen Dollar Umsatz hat sie aber wenig Anteil am Gesamtumsatz. Mehr als die Hälfte des aktuellen Quartalsumsatzes von 955 Millionen US-Dollar entfällt weiterhin auf Konsolenspiele.

    Besonders bemerkenswert: Männer und Frauen nutzen gleichermaßen die Handyspiele für unterwegs, fanden Wirtschaftsprüfer von Deloitte in einer Studie heraus. Bislang galt „daddeln“ eher als Männerdomäne. Heute ist es im Mainstream angelangt. Fast ein Drittel der deutschen Mediennutzer spielt auf ihrem Handy. In den USA sind es schon 43 Prozent.

    Electronic Arts steht nach Bloomberg-Informationen in Gesprächen mit Microsoft, um seine Spiele an das neue Windows 8 anzupassen. Das Betriebssystem soll erstmals sowohl für Computer als auch Smartphones und Tablets genutzt werden können. Diese Schnittstelle wollen die Spieleanbieter nutzen, um ihr mobiles Angebot auszuweiten.

    Auch die Hersteller klassischer Spielekonsolen wollen auf den Mobilspiel-Zug aufspringen. Sony beispielsweise plant im Herbst einige Spieleklassiker für Android-Smartphones. Damit könnten sie sich jedoch selbst gefährden.

    Die immer größere Leistungsfähigkeit von Smartphones und Tablet-PCs macht insbesondere Spielekonsolen für unterwegs Konkurrenz, wie dem Nintendo 3DS und der Playstation Vita. Jim Ryan von Sony ist aber überzeugt, dass die Playstation Vita weiter erfolgreich sein wird, solange sie eine deutlich bessere Spiel-Erfahrung als Smartphones anbiete.

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