Vodafone Callcenter schlampt beim Datenschutz

Vodafone hat ein Callcenter nach Istanbul verlagert. Mitarbeiter einer Bertelsmann-Tochter beantworten im Auftrag des Mobilfunkriesen Kundenfragen. Ex-Mitarbeiter und ein Besuch vor Ort offenbaren Missstände beim Datenschutz.

Vodafone: Ein Callcenter von Arvato in der Türkei nimmt den Schutz sensibler Daten offenbar nicht so ernst. Quelle: imago, Montage

An normalen Tagen sieht es im Istanbuler Stadtteil Levent aus wie in Frankfurt oder London. Hier haben Banken und Konzerne ihren Sitz, Frauen tragen ihr Haar offen, Restaurants und Cafés sind voll. Vor einem vierstöckigen Bürogebäude machen Angestellte Pause, die meisten sind nicht älter als 30. Als sie fertig geraucht haben, passieren sie zwei Mitarbeiter an der Rezeption im zweiten Stock und verschwinden hinter einer Milchglasscheibe, durch die hektische Stimmen dringen.

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Hier hat ein Callcenter der Bertelsmann-Tochter Arvato seinen Sitz, rund 60 Mitarbeiter beantworten im Auftrag von Vodafone Fragen von Kunden zur Rechnung oder zum Vertrag beim Mobilfunkriesen. Dabei nehmen sie den Schutz sensibler Daten offenbar nicht so ernst, wie es die strengen europäischen Datenschutzgesetze vorschreiben.

Türkei ist ein Datenschutz-Risikoland

Im Mai informierte der ehemalige Angestellte Bilal Aksar, 34, die Vodafone-Geschäftsführung um Hannes Ametsreiter erstmals über die Missstände. Mehrere ehemalige Arvato-Mitarbeiter bestätigen die Versäumnisse gegenüber der WirtschaftsWoche unabhängig voneinander.

In Sachen Datenschutz ist die Türkei ein Risikoland. Callcenter sind zwar eine Boombranche, gerade Istanbul gilt jedoch als Hochburg einer „Callcenter-Connection“. Betrügerische Banden haben sich darauf spezialisiert, mit fingierten Gewinnspielen vor allem ältere Menschen um ihr Erspartes zu prellen. Dafür benötigen sie deren Daten. Das Bundeskriminalamt ermittelt schon länger, die Schäden gehen in die Millionen.

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Anbieter wie die Deutsche Telekom und die spanische Telefónica betreiben auch wegen dieser Risiken keine Callcenter in der Türkei. Die EU-Kommission hat das Land nicht in die Liste vertrauenswürdiger Staaten aufgenommen, in denen persönliche Daten sicher sind. Vodafone musste den Dienstleister Arvato deshalb vertraglich verpflichten, europäische Standards einzuhalten.

Doch die Praxis sieht offenkundig anders aus: Bei jedem Anruf poppen in Istanbul alle Kundendaten inklusive Bankverbindungen und persönlicher Zugangscodes wie der Pin-Nummer auf dem Bildschirm auf. Das ist auch anderswo üblich, doch dort ist der Schutz ausgeprägter. So können Angestellte in Istanbul das Callcenter in Gruppen betreten. Dadurch ließen sich Unbekannte leicht einschleusen, berichten Exmitarbeiter.

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