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Vorwurf der Altersdiskriminierung Der offene Brief der Telekom-Beamten in Not im Wortlaut

Quelle: REUTERS

„Telekom-Beamte in Not“ schickten am 3. Dezember 2019 einen offenen Brief an die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Darin klagen sie über Schikanen, mit denen die Deutsche Telekom sie ihrer Wahrnehmung nach aus dem Unternehmen drängen will. Die WirtschaftsWoche dokumentiert den offenen Brief im Wortlaut.

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Offener Brief zur Altersdiskriminierung bei der Deutschen Telekom AG

 

Sehr geehrte Frau Bundesjustizministerin Lambrecht, 

Wir sind eine Gruppe von mehr als 300 Telekom-Beamten, die zur Zeit sehr unter der Personalpolitik der Deutschen Telekom leiden, und wenden uns mit unseren dringenden Bitte um Hilfe an Sie!

Als Bundesjustizministerin und Mitglied der Regierung haben Sie sicherlich Möglichkeiten, uns zu helfen, die Ungerechtigkeit, die uns widerfährt zu beenden, unsere Situation zu verbessern und das Leiden unserer Familien zu stoppen. 

Dem anliegenden Presseartikel, der WirtschaftsWoche Nr. 42 vom 11.10.2019, können Sie entnehmen, was beamteten Mitarbeitern in der Deutschen Telekom AG zur Zeit angetan wird.

Beamte werden ohne sachlichen Grund in die TPS-Organisation (Telekom Placement Services, früher Vivento) versetzt. Dabei handelt es sich um eine Art Beamten-Folterlager, in dem Beamte, die das Unternehmen loswerden möchte, derart gequält, gedemütigt, bedroht, schikaniert werden, bis sie freiwillig und ohne faire Abfindung und oftmals als psychisch und physisch gebrochene Menschen das Unternehmen verlassen.

Dabei werden Menschen, die noch 10 bis 15 Jahre zu arbeiten haben, vorsätzlich krank gemacht, um sie als dienstunfähig hinzustellen und in den Ruhestand abzuschieben! Die Telekom-Betriebsärzte bekommen gute Honorare, um das schnell zu bescheinigen! Und rein zufällig geschieht das alles nur Beamten, die älter als 55 Jahre sind!

Wie kann es sein, dass plötzlich zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr alle Beamten der Telekom aus dem aktiven Dienst in der Regelorganisation des Konzerns herausgelöst und in die TPS versetzt werden? Das liegt weder an der Leistung noch an der Dienstfähigkeit, es liegt daran, dass der Telekom-Vorstand Beamte wegen ihres Alters diskriminiert!

Einige von uns wurden in der TPS bereits völlig sinnlos vier Mal innerhalb eines kurzen Zeitraumes versetzt, obwohl wir Kinder und Familienangehörige haben, die uns zu Hause brauchen.

Andere sind Beamte des Höheren Dienstes und werden, nach vielen Jahren in Top-Management-Positionen des Telekom-Konzerns, nun gezwungen, niederste Bürotätigkeiten in Großraumbüros zu verrichten, die jeder Lehrling als stumpfsinnig bezeichnen würde.

Dabei werden wir von sogenannten Mentoren begleitet, die uns von morgens bis abends überwachen, beobachten und immer wieder in persönlichen Gesprächen beleidigen und als Menschen entwürdigen. Ich selber bin in diesen Gesprächen immer wieder als wertlos, alt, unfähig und überflüssig bezeichnet worden. (Diese Gespräche finden natürlich immer im Beisein von zwei TPS-Mentoren statt, so dass man die Beleidigungen später juristisch nicht beweisen kann.) Beschwerden beim Betriebsrat dagegen verlaufen regelmäßig im Sande.

Auch juristisch kommen wir nicht weiter, da die Telekom systematisch die Verwaltungsgerichte belügt und behauptet, wir würden als Beamte vollkommen „amtsangemessen“ in der TPS eingesetzt, während wir in Wirklichkeit den ganzen Tag nur Büroklammern von Vorgängen entfernen oder Unterlagen kopieren und scannen müssen. Aber mit ihren Anwälten und vielen phantasievollen Tätigkeitsbeschreibungen gaukelt die Telekom den Verwaltungsgerichten immer wieder vor, dass wir alle völlig angemessen und hochwertig eingesetzt werden. Aber das ist eine Lüge!

Da die Telekom jedoch genau weiß, dass keiner von uns so viel Geld und Einfluss hat, jahrelange Prozesse durchzuhalten, macht sie es einfach.

Sie können uns ja gerne mal hier am TPS-Standort Brühl/Köln oder in Darmstadt besuchen und sich davon überzeugen, wie selbst 60-Jährige Spitzenbeamte, die viele Jahre hochrangige Telekom-Manager waren, nun Aushilfstätigkeiten machen müssen und dabei lächerlich gemacht werden.

Niemand hat etwas gegen eine Vorruhestandsregelung für Beamte bei der Telekom, aber dann sollten auch Abfindungen und Kompensationen gezahlt werden, die marktgerecht sind und das Ganze sollte auf freiwilliger Basis geschehen. Die Mitarbeiter, die noch weiter arbeiten möchten, gegen ihren Willen auszusortieren und einer derart schikanösen Behandlung wie hier in der TPS der Telekom zu unterziehen, ist eine klare Altersdiskriminierung von Telekom-Beamten und darüber hinaus menschenverachtend.

Dazu kommt dann noch die soziale Ächtung, denn Nachbarn, Freunde und auch die Klassenkameraden unserer Kinder bekommen das natürlich mit und fangen an zu lästern und reden darüber, was der Vater oder die Mutter wohl falsch gemacht hat, da sie ja nun als Hilfsarbeiter beschäftigt werden und strafversetzt wurden. Selbst Telekom-Kollegen, die wir seit Jahren gut kennen, wollen nicht mehr mit uns gesehen werden, denn sie haben Angst vor Konsequenzen durch ihre Vorgesetzte.

Die WirtschaftsWoche hat das Thema nun öffentlich aufgeworfen, welches schon seit Jahren erfolglos von unseren Betriebsräten und Sprecherausschüssen mit dem Telekom-Vorstand diskutiert wird.

Es kann doch nicht sein, dass in einem Unternehmen wie der Deutschen Telekom AG, welches jahrzehntelang durch Beamte aufgebaut und erfolgreich gemacht wurde, nun eine wahre Hexenjagd auf eben diese Beamte durchgeführt wird, um Kosten zu sparen. Das darf doch in einem Rechtsstaat nicht sein, besonders nicht, da sich das Unternehmen Telekom noch zu über 30 Prozent im Bundesbesitz befindet.

Wo bleibt denn hier die Fürsorgepflicht des Bundes für seine Beamten in den Postnachfolgeunternehmen? Wieso gibt es eine derartige Diskriminierung von Beamten über 55 Lebensjahren in der Telekom und die Verwaltungsgerichte lassen derartige Ungerechtigkeiten zu?

Als 1995 die Deutsche Bundespost Telekom zur Deutschen Telekom Aktiengesellschaft wurde und an die Börse ging, wurde allen Mitarbeitern versprochen, dass es keinem Bundesbeamten, der an die Telekom verliehen wird, künftig schlechter gehen wird. Doch heute, mehr als 20 Jahre danach, sehen gierige Manager im Telekom-Vorstand das Rausekeln der noch verbliebenen Beamten als beste Kostensenkungsmöglichkeit. Noch mehr als 24.000 Telekom-Beamten droht dieses Schicksal und über 30.000 haben es in den letzten Jahren schon erleben müssen!

In diesem Zusammenhang sollte man doch mal fragen, weshalb die Deutsche Telekom im großem Stil Arbeitsplätze nach Osteuropa (Ungarn, Slowakei) oder nach Indien, in sogenannte Shared Service Center, verlagert und die hier tätigen Beamten, die diese Tätigkeiten bisher wahrgenommen haben, überflüssig werden. Klar, dass in Billiglohnländern die Personalkosten für die Telekom geringer sind als wenn die Aufgaben hier in Deutschland durch langjährige Mitarbeiter durchgeführt werden. Zu dumm nur, dass diese Mitarbeiter unkündbare Bundesbeamte sind. Da muss dann eben zu rücksichtslosen Methoden gegriffen werden, um diese Menschen los zu werden.

Es kann doch nicht sein, dass wir als loyale Beamte so ein Schicksal verdient haben und der Bund als Haupteigentümer dieses Vorgehen toleriert/ignoriert. Wenn die Telekom Personal abbauen will, so sollte das sozialverträglich und auf wirklich freiwilliger Basis zum Beispiel mit entsprechenden Ausgleichszahlungen geschehen. Aber Beamte zu schikanieren, sie ihrer Würde zu berauben und menschlich zu zerbrechen bis sie krank sind, das ist ein Weg, dem auch Sie als Bundesjustizministerin sich entschieden in den Weg stellen sollten. Gerade bei einem Konzern mit Bundesbeteiligung sollte so etwas nicht vorkommen.

Sehr geehrte Frau Bundesjustizministerin Lambrecht, bitte helfen Sie uns!

Unsere Forderung lautet: Sofortiger Stopp aller TPS-Versetzungen durch die Verwaltungsgerichte!

Überprüfung des Missbrauchs der TPS-Versetzungspraxis der Telekom und Einsatz der betroffenen Beamten wieder in der Regelorganisation der Telekom auf wirklich „amtsangemessenen Posten“!

Beamte über 55 Lebensjahren sind Menschen und keine Sklaven des Telekom-Vorstandes!

Hochachtungsvoll!

Viele Telekom-Beamte in Not 

PS: Da eine Klärung des Themas TPS durch die Deutsche Telekom AG nun schon so lange Zeit verschleppt wird und sich seit Jahren nichts an den Missständen ändert, werden wir eine Kopie dieses offenen Briefes auch den Medien zuleiten. Die Altersdiskriminierung von Beamten bei der Telekom ist nicht länger hinnehmbar. 

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