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Weltbild-Verlag „Die Kirche handelt asozial“

Nach dem Zahlungsstopp der katholischen Kirche können die Mitarbeiter des insolventen Weltbild-Verlags aufatmen. Ihre Löhne sind vorerst sicher. Gewerkschafter haben die Kirche derweil für ihr Verhalten attackiert.

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Mitarbeiter der Weltbild-Verlagsgruppe demonstrieren im Oktober in Augsburg für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Das den deutschen Diözesen gehörende Unternehmen hat die Zahlung für den Verlag eingestellt. Quelle: dpa

München Der Insolvenzverwalter des Weltbild-Verlages hat die Löhne der Mitarbeiter vorerst gesichert. Bereits am Wochenende sei die Vorfinanzierung der Gehälter gelungen, teilte Arndt Geiwitz am Montag nach Gesprächen mit der Belegschaft mit. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt nun bis zu drei Monate Insolvenzgeld. Zu den Zukunftschancen des bisher kirchlichen Verlags hielt sich Geiwitz bedeckt. Es sei noch keine sichere Prognose möglich. Es liefen Gespräche mit allen Seiten, auch mit Lieferanten, Großkunden und Finanzierungspartnern.

Die katholische Kirche hatte den Verlag mit seinen 6300 Mitarbeitern am Freitag in die Pleite geschickt. Die kirchlichen Gesellschafter wollten kein Geld mehr in das zuletzt verlustreiche Unternehmen investieren. Der Schritt stieß bei der Gewerkschaft auf heftige Kritik: „Die Kirche handelt asozial und jagt fast 7.000 Mitarbeiterinnen zum Teufel“, schimpfte Ver.di. „Die Geistlichen haben den Glauben an ihr Unternehmen verloren, obwohl die Fachleute im Aufsichtsrat, Unternehmensberater und Banken Grünes Licht für ein Sanierungskonzept gegeben hatten.“ Weltbild sei zu retten, „wenn die Kirchenfürsten Wort halten“. Die Pleite bedeute den moralischen Bankrott der katholischen Kirche.

Der Klerus wehrt sich gegen die Schuldzuweisungen. „Wir konnten es als Gesellschafter nicht verantworten, auf absehbare Zeit dreistellige Millionensummen aus Kirchensteuermitteln zu investieren“, sagte der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx der „Süddeutschen Zeitung“. „Wir sind überrascht worden von dem Kapitalbedarf“, sagte Marx. Die Kirche stehe „in Verantwortung für die Mitarbeiter, aber wir haben auch Verantwortung für die Kirchensteuerzahler“. Marx selbst tat sich in der Vergangenheit als Sozialethiker seiner Kirche hervor und kritisierte während der Finanzkrise öffentlich die Auswüchse des zeitgenössischen Kapitalismus.


„Bischöfe können keine Unternehmer sein“

Die Eigentümer hatten zuletzt mangels Käufern versucht, Weltbild in eine Stiftung zu überführen. Nachdem das Geschäft aber im zweiten Halbjahr 2013 unerwartet schlecht gelaufen war, scheiterte dieser Vorstoß. Nach Unternehmensangaben wollten Eigner und Kreditgeber überraschend kein Geld mehr zuschießen. Einer der Auslöser sei ein Umsatzrückgang im zweiten Halbjahr gewesen.

Marx räumte aber auch Fehler bei der Unternehmensführung ein. „Uns war klar, dass Bischöfe keine Unternehmer sein können“, sagte er. Daher hätte es eine neue Gesellschafterstruktur und „professionelle Medienexperten von außen“ als Geschäftsführer geben sollen.

Die bayerische Staatsregierung sieht in erster Linie die Kirche in der Pflicht. Das Kabinett erinnerte sie in einer Sitzung am Montag an ihre „besondere Verantwortung“. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner und Sozialministerin Emilia Müller stünden im Kontakt mit dem Insolvenzverwalter, „um mit den Mitteln, die möglich sind, zu helfen“, sagte Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (alle CSU) nach der Kabinettssitzung.

Der Kirche missfiel immer wieder das Programm des Augsburger Verlags. Nachdem sich die Kurie unter Führung von Papst Benedikt XVI. an erotischen und esoterischen Angeboten gestoßen hatte, wollten die deutschen Bistümer Weltbild zunächst erfolglos verkaufen. Später sollten die Anteile in einer Stiftung gebündelt werden, die mit frischem Kapital ausgestattet werden sollte. Die Kirchenmänner holten einen Berufssanierer an Bord und liebäugelten mit dem Erwerb der Mehrheit am Online-Händler buecher.de, dem größten inländischen Konkurrenten des US-Konzerns Amazon. Mit der Pleite muss sich nun auch die Handelskette Hugendubel beschäftigen, die gemeinsam mit Weltbild rund 400 Filialen unter den beiden Markennamen betreibt.

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