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Werner knallhart

Sky Online, der Chaot unter den Streaming-Diensten

Wir wollten einfach nur House of Cards gucken. Und blickten in Service-Abgründe. Neben den Streaming-Diensten Netflix, iTunes, Amazon Video und HBO wirkt Sky Online wie eine olle Videokassette.

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Quelle: dpa

Wir gucken ja bei mir Zuhause auch gerne mal Serien auf Netflix. Aber nicht alles, was Netflix etwa in Amerika anbietet, dürfen wir deutschen Kunden sehen. Da gibt es diese regionalen Sperren, weil die Streaming-Rechte hierzulande an andere Anbieter verscheuert wurden. Geo-Blocking. Wenn TTIP das ein für alle mal abschaffen würde, wäre ich erst recht für das Abkommen.

Im Moment ist das noch ungefähr so, als säße man in einem Flugzeug und das eingebaute Unterhaltungsportal darf nur von Fluggästen genutzt werden, die einen Wohnsitz in den USA haben. Fasst dann ein Deutscher an den Touchscreen vor sich, kommt die Stewardess angerauscht und kreischt: "Finger weg!"

Zum Beispiel House of Cards. Kevin Spacey als US-Präsident, der über Leichen geht. Die aktuelle Staffel können deutsche Netflix-Kunden nicht gucken. Es sei denn, sie tun sich zusammen mit den besten Hacker der ganzen Welt. Das ist mir aber zu nerdig.

Also haben wir darüber nachgedacht, uns einen Monat lang an Sky Online zu binden. Für knapp 10 Euro. Nicht die Welt. Aber eben noch so ein Vertrag. Doch was sollen wir machen? Sky hat die Rechte an House of Cards.

Das Blöde: Sky Online zeigt zwar große Serien von Weltformat, benimmt sich aber wie ein kleiner Provinz-Händler.

Wir besuchten die Website von Sky und versuchten, einen Überblick zu kriegen über die ganzen Programm-Pakete, die man über den Kabelanschluss und/oder über das Internet gucken kann.

Bei Netflix gibt es Netflix. Bei Sky aber gibt es ein riesiges Brimborium: Sky Entertainment, Sky Starter, Sky Sport, Sky Fußball Bundesliga, Sky Cinema, Sky Go, Sky Go extra, Sky Online, Sky On Demand, Sky Atlantic HD und so weiter. Hilfe!

Das einzige, das bei uns von irgendeiner Werbung irgendwo hängen geblieben war: House of Cards gibt es irgendwie für 9 Euro noch was.

Wir riefen die Telefon-Hotline an. Weil Sky so ein Wahnsinnsangebot hat, kostet die natürlich Geld. Bis zu 60 Cent pro Anruf. Denn wer da als Experte durchblickt, der will gut bezahlt werden. (Bei Netflix ist die Hotline übrigens kostenlos.)

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Der freundliche junge Mann an der kostenpflichtigen Hotline wusste: Dieses 9-Euro-irgendwas-Angebot zum Streamen im Internet, das ist das neue Sky Online.

"Gibt es House of Cards denn da auch in Englisch mit dazu wählbaren Untertiteln?"

"Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob wir House of Cards im Angebot haben."

Ich dachte an die 60 Cent.

"Aber das bewerben Sie doch überall."

"Ja, ok. Warten Sie mal, ich frage einen Kollegen."

Pause. Wir nutzten die Zeit ausgiebig, um die Augen zu verdrehen.

"Hören Sie? Ja, House of Cards haben wir, auch die neue Staffel. Dann müssten Sie das Paket Online Cinema buchen."

"Im Internet sehe ich gerade aber, House of Cards läuft im Paket Online Entertainment."

"Echt? Einen Moment bitte."

Weil die Augen vom Verdrehen schon schmerzten, stiegen wir um auf sanftes Kopfschütteln und Zungenschnalzen.

"Hallo? Danke fürs Warten. Also, Sie haben recht. Sie müssen Online Entertainment buchen. Und mein Kollege sagt, da gibt es die Serie auch auf Englisch."

"Auch mit Untertiteln?"

"Ähm, ja, Untertitel können Sie ja eigentlich immer dazu einschalten."

"Eigentlich immer? Also auch bei der neuen Staffel von House of Cards?"

"Joa."

"Ja?"

"Ja."

Sky übt eben noch

Hmm. Dieses Gespräch ließ uns einige Wochen zögern. Am Ende entschieden wir uns, die Serie stattdessen bei iTunes zu gucken. Obwohl die Staffel dort das Dreifache kostete. Wir bezahlten die erste Folge und stellten mit Entsetzen fest: Keine Untertitel! Verdammt, hätten wir doch bloß auf Sky Online vertraut!

Voller Serien-Eifer buchten wir Sky Online Entertainment.

Das Design der App von Sky Online sah aus, als hätte ein Student im Web-Design-Kurs keinen Bock gehabt. Wir waren uns nicht so ganz sicher, ob es sich dabei wirklich um die Original-App handelte oder einen Gag aus Fernost und wollten daher lieber über den Browser Safari streamen. Denn eine App für Apple TV oder den Amazon Fire TV (wie etwa für Netflix und HBO verfügbar) konnten wir nicht finden.

Nach der Buchung bekamen wir eine E-Mail. In dieser Mail stand eine PIN. Mit der mussten wir uns erneut einloggen und danach sofort eine neue, eigene PIN definieren. Danach flogen wir aus dem System. Mit der neuen PIN einloggen: ging nicht. Wir erkannten: Würden wir jede der Sky-Pannen stets mit Augenrollen, Schnalzen und Kopfschütteln quittieren, unsere Körper würden vorzeitig verschleißen.

Wir riefen die Hotline an. Dort fragte der Mitarbeiter erstmal die PIN am Telefon ab! Wo gibt es das noch? Sonst heißt es immer: "Unsere Mitarbeiter fragen niemals nach Passwort oder der PIN." Jetzt muss man sich merken: Niemals außer bei Sky.

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Der Mitarbeiter sagte: "Ja, die PIN stimmt."

"Das ist schön, ich komme mit der aber nicht rein."

Wir mussten dann irgendwie den Cache-Speicher löschen. Ach, gibt es das auch noch? Immerhin brachte uns Sky die Serie danach nicht per Pferdedroschke auf VHS vorbei.

Nein, nein. Bevor wir gucken konnten, mussten wir angeblich nur noch eben schnell das Microsoft-Programm Silverlight runterladen. Mal was Neues. Aber das war uns alles zu umständlich.

Also luden wir uns doch diese seltsam anmutende App runter. Sie war zwar offenbar sehr verhasst unter den Bewertern im App-Store mit einem von fünf Sternen. Aber genau das machte uns Hoffnung, dass es womöglich doch die echte Sky-Online-App war. Und tatsächlich!

Als wir endlich die lang ersehnte erste Episode genießen konnten, schalteten wir auf Englisch um und warfen das Bild per AirPlay und Apple TV vor auf den Fernseher. Der Effekt: Auf dem iPad gerade noch auf Englisch, auf dem Fernseher die deutsche Synchronfassung. Das kann man jetzt auf Apple TV schieben. Aber bei allen anderen Streaming-Diensten passiert das nie, nie, nie. Beim sechsten Mal klappte es dann auch bei Sky. Mit einem leichten Ton-Bild-Versatz, aber meine Güte, die üben eben noch.

Nach einigen Minuten merken wir: Die komplizierten politischen Verwicklungen und Intrigen wurden mitunter doch sehr schnell auf Englisch vorgetragen. Die Intriganz in voller Fiesheit würden wir nur mit Untertiteln begreifen.

"Schalt die noch mal zu."

"Wo denn?"

Wir suchten kurz. Es gab keine.

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